Serie
Punk, Politik und Performance: «Kunst war bürgerlicher Scheiss»

Ab der zweiten Hälfte der Achtziger hatte die Kunstszene bedeutenden Einfluss auf die Basler Jugendbewegung.

Ayse Turcan
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Künstler der «Stadtzgi» an der ART Basel 1989 bei der Aktion «Die nackte Wahrheit über die Basler Bewegung». Bild: Keystone

Künstler der «Stadtzgi» an der ART Basel 1989 bei der Aktion «Die nackte Wahrheit über die Basler Bewegung». Bild: Keystone

Keystone

«No Future». So lautete ein Slogan der englischen Punkmusik, der zum Credo der frühen 80er-Jugendbewegung avancierte. Keine Zukunft. Zeitgenossen und Historikerinnen haben das mal als pure Negativität und Hoffnungslosigkeit interpretiert, mal als Kampfansage an die Herrschenden dieser Welt. Auch in Basel hat «No Future» dem Zeitgeist der Achtziger entsprochen, erinnert sich Fränzi Madörin (siehe Box unten). Die Künstlerin und Mitglied der Performancegruppe «Les Reines Prochaines» sieht in der Losung einen kompromisslosen Fokus auf die Gegenwart: «Es ging um das ‹Jetzt›. Wir warten nicht, wir verhandeln nicht. Wir wollen etwas und nehmen es uns, und zwar jetzt.»

Vandal-Ex, Puffmutter und Heilsarmee

Vorwärts

Vorwärts

Zur Verfügung gestellt

Nicht nur die Attitüde, auch die Punkmusik konnte sich in Basel etablieren. Fast zeitgleich mit der Entwicklung des Genres in England entstanden Ende der 70er-Jahre in Basel erste Gruppen mit Namen wie Vandal-Ex, Puffmutter oder Heilsarmee. Auch im Baselbiet nahmen die Dorfpunks von Negativ oder Vorwärts ihre eigenen Platten auf. Punk ist laut, unmittelbar, wütend und seine Exponenten sind in der Regel nicht für ihr virtuoses Spiel bekannt. Autodidaktik war in der Punkszene Programm: Instrumente wurden selbst erlernt – oder auch nicht, Konzerte selbst organisiert, Platten im eigenen Keller aufgenommen und an den Gigs in besetzten Häusern vertrieben

So weit, so gewöhnlich. Die Etablierung von Punk als Soundtrack der Jugendbewegung lässt sich analog zum Kampf nach autonomen Freiräumen Anfang der 80er-Jahre in allen grösseren Schweizer Städten beobachten. Nach der kurzen Lebensdauer des Basler autonomen Jugendzentrums (AJZ) von 1981 sollte sich die Szene am Rheinknie aber in eine andere Richtung entwickeln als in Bern oder Zürich. In den darauffolgenden fünf Jahren existierte zwar weiterhin eine links-autonome Szene. Sie hatte aber keinen zentralen Ort, der zum Treffpunkt für alle hätte werden können und an dem man sich frei entfalten konnte.

Wer waren die Achtziger in Basel und wofür standen sie?

An dieser Stelle werden in den nächsten Wochen Themen und Protagonisten der damaligen Jugendbewegung vorgestellt. Weitere Artikel dieser Serie haben wir für Sie am Ende des Textes verlinkt.

Dies änderte sich 1986, als junge Leute das Areal der Stadtgärtnerei in Beschlag nahmen, die im Vorjahr nach Brüglingen verlegt worden war. Der Freiraum, der sich zum wichtigsten Basler Jugend- und Kulturzentrum entwickeln sollte, wurde von Anfang an nicht nur politisch, sondern auch kulturell besetzt. Schon im Juni 1986 fand in der «Stadtzgi» eine Kunstausstellung unter dem Titel «kunst raum musik» statt. Kunst im Freiraum – das wäre Anfang der 1980er-Jahre von der Mehrheit der Jugendbewegung als bürgerlich abgelehnt worden. In der Stadtgärtnerei aber erreichten die kulturellen Aktivitäten «eine derartige Vielfalt», wie sie die Stadt laut dem Basler Stadtbuch «in einer solchen Form noch nie erlebt hatte.»

Die Alte Stadtgärtnerei wurde zu einem Schmelztiegel, in dem verschiedene Szenen und Menschen zusammenkamen, darunter auch ökologisch Interessierte und feministische Gruppen. Doch die «Stadtzgi» war noch mehr als das: Sie war der Ort, an dem sich Politik und Kunst in Basel versöhnten. Zwar herrschte ein dezidiert linkes, jedoch nicht ein dogmatisch-politisches Klima. Das lag zum einen daran, dass der «bewegten» Jugend die Radikalität ein Stück weit abhandengekommen war. Oder, wie die bereits in den frühen Achtzigern politisierte Fränzi Madörin ihre Stimmung einige Jahre später beschreibt: «Eine direkte politische Message war uns ein Graus. Aber es war natürlich ein Statement, in einer Frauenband zu sein.»

Während die Bewegung politisch an Radikalität einbüsste, wurde die Kunst selbst politischer, offener und niederschwelliger. Basel wurde zum Schweizer Zentrum für Video- und Performancekunst, die in ihren Anfängen mit einer ähnlichen Do-it-yourself-Manier gepflegt wurde, wie wenige Jahre zuvor die Punkmusik.

Die Kunst in den Achtzigern war politisch

Zu dieser Entwicklung innerhalb der Kunstszene beigetragen haben Institutionen wie die Schule für Gestaltung, an der 1985 die Klasse für audiovisuelle Gestaltung gegründet wurde. Zahlreiche Absolventinnen dieser Klasse wie Pipilotti Rist machten sich Ende der Achtziger einen Namen als Künstlerinnen, die dieses neue Medium nutzten. Auch wenn sie sich nicht explizit politisch äusserten: «Die meisten Künstlerinnen und Künstler in den Achtzigern hatten eine Haltung», so Diego Stampa von der Galerie Stampa. Das galt auch für Personen, die mit traditionelleren Materialien und Ausdrucksformen arbeiteten. Die Bedeutung der Kunst in der linken und alternativen Szene
blieb in Basel in den Folgejahren bestehen. In den Zwischennutzungen, die auf die Alte Stadtgärtnerei folgten, stand das kreative und künstlerische Arbeiten im Fokus. Das manifestierte sich unter anderem in der Einrichtung von Werkstätten und Ateliers. Die Einrichtung persönlicher Arbeitsplätze wäre in manchen autonomen Räumen anderer Städte selbst heute noch ein Tabu.

Nachgefragt bei Fränzi Madörin

«Kunst war bürgerlicher Scheiss»

Frau Madörin, Sie haben sich zu Beginn der Achtziger in der Besetzerszene und Räumen wie dem autonomen Jugendzentrum (AJZ) bewegt. Welchen Bezug hatten Sie damals zu Kunst?

Fränzi Madörin: 1980 war ich 17 Jahre alt. Ich war Schülerin, politisch engagiert und hatte mit Kunst nicht viel am Hut. Anfang der Achtziger galt Kunst in der Szene als etwas Bürgerliches. Kunst war das Establishment. Kunst war bürgerlicher Scheiss. Man war also dagegen.

Wann hat sich diese Einstellung verändert?

In der Alten Stadtgärtnerei kam ich zum ersten Mal so richtig mit Kunst in Berührung. Dort habe ich viel Musik gehört und zum ersten Mal Performances gesehen. Die «Stadtzgi» war wichtig, weil sich da verschiedene Subkulturen und parallel zueinander existierende Szenen vermischt haben. Autonome, Feministinnen und Künstlerinnen und Künstler waren an einem Ort vereint.

Fränzi Madörin Sie kam 1963 zur Welt und machte in den 80er-Jahren in Basel eine Lehre als Schneiderin. Als Teil der Jugendbewegung war sie zuerst in der autonomen, später in der Kunstszene aktiv. 1988 gründete Madörin gemeinsam mit anderen Künstlerinnen, unter anderem der heute für ihre Videoinstallationen bekannten Pipilotti Rist, die Musik- und Performancegruppe Les Reines Prochaines. Die «Königinnen», heute bestehend aus Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick, stehen immer noch gemeinsam auf der Bühne. In ihrer Arbeit verbinden sie verschiedene Medien und Genres und erhielten 2019 den Schweizer Musikpreis für ihr Werk.

Fränzi Madörin Sie kam 1963 zur Welt und machte in den 80er-Jahren in Basel eine Lehre als Schneiderin. Als Teil der Jugendbewegung war sie zuerst in der autonomen, später in der Kunstszene aktiv. 1988 gründete Madörin gemeinsam mit anderen Künstlerinnen, unter anderem der heute für ihre Videoinstallationen bekannten Pipilotti Rist, die Musik- und Performancegruppe Les Reines Prochaines. Die «Königinnen», heute bestehend aus Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick, stehen immer noch gemeinsam auf der Bühne. In ihrer Arbeit verbinden sie verschiedene Medien und Genres und erhielten 2019 den Schweizer Musikpreis für ihr Werk.

zVg

Wie kam es, dass Sie angefangen haben, selbst Kunst zu machen?

Während meiner Lehre Mitte der Achtziger war ich am Feierabend oft in der «Rio Bar». Dort habe ich eines Abends auf der Toilette Pipilotti Rist kennen gelernt. Sie hat mich dann an eine Kassetten-Taufe von Les Reines des Couteaux, einem Vorläufer von Les Reines Prochaines, mitgenommen. In der «Stadtzgi» habe ich ausserdem eine Oper dieser Gruppe gesehen, in der mit einem Synthesizer und durch das Schneiden von Gemüse Musik gemacht wurde. Am Ende entstand dann eine Gemüsesuppe. Mir hat total gefallen, was sie gemacht haben. Und es war mir sehr nah. Kurze Zeit später haben wir uns mit Pipilotti Rist und den ehemaligen Les Reines des Couteaux zu den Les Reines Prochaines zusammengeschlossen.

Heute wird die Musik von Les Reines Prochaines als wilder Stilmix aus Kabarett, Volksmusik und Tango beschrieben. Haben Sie in der Anfangszeit auch Punkmusik gespielt, die ja als der offizielle Soundtrack der Achtziger gilt?

Eigentlich war es vor allem unsere Methode, die Punk war, nicht der Musikstil. Das war für mich die Offenbarung von Punk: Dass man alles machen kann. Du schliesst dich mit anderen zusammen, nimmst ein Instrument in die Hand und spielst einfach die vier Töne, die du rauskriegst. Und damit kannst du schon sehr viel machen.

Gibt es Ideen und Überzeugungen der 80er-Bewegung, die Sie nach wie vor teilen?

Ich bin immer noch Feministin und ich glaube fest ans Kollektiv. Alle Projekte, die ich im Leben gemacht habe, sind in diesem Kollektiv-Gedanken entstanden. Bei Les Reines Prochaines arbeiten wir seit der Gründung als Autorinnenkollektiv. Das bedeutet, dass niemand von uns einfach nur ein Instrument spielt. Alle von uns schreiben Songs, alle müssen auch mal den Lead übernehmen. Und wir haben das Kollektiv für uns lebbar gemacht. Wir arbeiten zusammen, wir sagen nicht Nein, wir blockieren nicht. Und wir unterstützen uns gegenseitig.

Sie stehen mit Les Reines Prochaines immer noch auf der Bühne, waren in verschiedenen Ländern auf Tour und haben alleine und im Kollektiv zahlreiche Kunstprojekte realisiert. Gehören Sie heute selbst zum Establishment?

Im Dezember haben wir zusammen mit unseren Freundinnen und Freunden als «Reines & Friends» auf der grossen Bühne am Theater Basel Premiere mit der Revue «Alte Tiere hochgestapelt». Wenn das nicht Establishment ist ... Ich besitze ein E-Bike, ein Auto und ein Reihenhaus, und bin Mitgründerin der Genossenschaft Amerbach Studios, wo wir mit Les Reines Prochaines unser Atelier und ein Studio haben. Trotz
Gentrifizierungsbedenken haben wir uns im Kleinbasel ein Stück Welt gekauft, wo wir so arbeiten und leben können, wie wir es gerne möchten. Und das ist wunderbar.

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