Elsass
Potz Herrgott Sackermënt! Jetzt gibt’s den Beweiszettel auch auf Elsässisch

In Frankreich musste man während der Ausgangssperre einen Beweiszettel dabeihaben, wenn man nach draussen ging. Das elsässische Sprochàmt übersetzte das Dokument – herausgekommen ist der «Bewiis-Zettel fer ìm Notfàll üsszegehn».

Benjamin Wieland
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Für Màdam und Mösjö respektive Màdàm und Herr: Die Elässser hatten im zweiten Lockdown gleich zwei Versionen der offiziellen Augangsbescheinigung zur Wahl.

Für Màdam und Mösjö respektive Màdàm und Herr: Die Elässser hatten im zweiten Lockdown gleich zwei Versionen der offiziellen Augangsbescheinigung zur Wahl.

zvg OLCA

Die Covid-19-Pandemie schreibt viele kleine Geschichten am Rande. Eine davon handelt von den französischen Regional- oder Minderheitssprachen, die im Zentralstaat in der Regel unter die Räder kommen, doch gerade in der jetzigen Ausnahmesituationen ein wenig aufblühen – an Orten, wo man sie zuletzt erwartet hätte.

Während des zweiten Lockdowns in Frankreich, dem confinement national, der am 30. Oktober begann und per Dienstag, 15. Dezember endete, gab es auch wieder eine Ausgangssperre. Jede und jeder, der in Frankreich wohnt und sein Haus verlassen wollte, hatte stets eine Bescheinigung mit sich zu tragen. Auf dem Zettel konnte der Grund angegeben werden, weshalb man die Ausgangssperre nicht einhält. Und diese amtlichen Dokumente gab es auch in Versionen von zahlreichen französischen Minderheitensprachen.

Bretonisch, Okzitanisch, Baskisch – und jetzt auch Elsässisch

Mitte Oktober gingen die Bretonen vor: Sie publizierten eine bretonische Version der Attestation de déplacement dérogatoire, des Beweiszettels. Das bedeutet auf bretonisch – Achtung, festhalten! – «Testeni dilec’hiañ disdalc’hus».

Beim Elsässischen Sprochàmt in Strasbourg (OLCA) dachte man sich: Warum nicht auch Versionen auf Elsässisch? Man übersetzte den Originalwortlaut in die zwei Haupt-Varietäten, die im Département Haut-Rhin (Oberländisch) und Bas-Rhin (Unterländisch) gesprochen werden. Zusätzlich gab es eine dritte Version auf Welsch oder Vosgien, einem Dialekt, der in den Vogesen gesprochen wird. Das Sprachamt stellte die Versionen auf Facebook online, man konnte sie als pdf-Dateien herunterladen und dann zuhause ausdrucken und ausfüllen.

«Labesmìttel kàuifa ìn da Gschafter»

Die Haut-Rhin-Variante, also diejenige, die nordwestlich von Basel üblich ist, heisst «Üssgàngbschinigung», und eine Antwortmöglichkeit tönt dann so: «Üssgàng fer ìn a erlàuibt Kültürìnschtitüt oder Culte, Labesmìttel kàuifa ìn da Gschafter wo uff bliiba, oder fer sìch mìt Màteriàl versorga uf dàs m’r fer d’Àrbet nìt verzìchta kàt, oder fer e Bstellung àbhola, oder sìch ebbis lìffera lo.»

Bénédicte Keck, Projektleiterin beim OLCA, sagt zur bz, die Zettel seien sehr gut angekommen: «Die drei Versionen wurden bislang insgesamt über 20 000 Mal heruntergeladen, die Resonanz war positiv.» Da die Zettel jeweils den ganzen Wortlaut auch auf Französisch enthielten, würden sie als offizielle und legale Dokumente gelten. Die Polizei habe sogar Werbung gemacht für die Zettel auf Elsässisch, sagt Keck. Am beliebtesten sei die Unterländische Version gewesen, sagt Keck: «Dort ist Elässisch halt noch stärker verbreitet.»

Am Dienstag, 15. Dezember, endete die strenge Ausgangssperre in Frankreich. Die Beweiszettel braucht es nicht mehr. Aber nur tagsüber: Abends und nachts muss man weiterhin begründen, warum man auf die Strasse geht. Es wurde eine neue Attestation eingeführt. «Wir werden diese nun wieder übersetzen», sagt Keck.

Warum hat man die Üssgàngbschinigung nicht schon bei der ersten Welle übersetzt? Keck: «Wir sind damals im Frühling schlicht nicht auf die Idee gekommen.»

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