Ochsentour
Ruminatives Träumen

Simon Morgenthaler
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Morgenthaler gabelt Morgenthaler gabelt Morgenthaler etcetera.

Morgenthaler gabelt Morgenthaler gabelt Morgenthaler etcetera.

zVg

Wie ein Ochse sitze ich da und weiss nicht, wie ein Ochse sitzen kann. Ein Tisch vor mir. In meiner rechten Hand halte ich einen Fetzen, ausgerissen aus einer alten Gratiszeitung, in der linken eine Gabel. Ein unheimlicher Raum ringsum. Weiss gefliest, krumm.

Vis-à-vis an der Wand ein vergilbter Bibelspruch in schiefem Rahmen: «Besser ein Gericht Gemüse, wo Liebe herrscht, als ein gemästeter Ochse und Hass dabei.» Auf dem Tisch ein Teller: Viel Kraut, Liebe herrscht. Nirgends geschmorter oder gebratener Hass. Ich möchte das Besteck weglegen. Beherrschtes scheint mir nicht bekömmlich.

Vor dem Schweizerhalle-Tunnel sei aus noch ungeklärten Gründen ein Ochse aus einem Viehtransporter gestürzt, lese ich auf dem Zeitungsfetzen, zwei Lastwägeler hätten sich dann um ihn gekümmert. Ohnmächtig sei der Ochse zuerst gewesen – 15 Monate alt, 550 kg schwer –, rasch und trotz wackliger Beine hätte er aber wieder eingeladen werden können. Der Transporter sei unterwegs zum Schlachthof gewesen. Grausam, diese ungeklärten Gründe, grausam, die Rettung. Ich grabe mit der Gabel im Grünen.

Es ist ein fensterloser Raum, ein Kasten fast eher. Was mache ich hier, kauend am Kraut, schlingend? Ich will aufstehen, kann aber nicht, sitze im Bann dieses Grünzeugs, dumpf und hypnotisiert mahlen meine Kiefer. Ich erkenne und schmecke das Gewächs nicht, das ich vertilge, und das mein Arm, meine Hand in unaufhörlicher Bewegung in mich hineinschaufelt. Kein Gefühl von Völle. Endloses Kraut.

Mit meiner Gabel stosse ich an etwas Festes. Doch ein Stück gemästeter Hass im Kraut? Ein Zuschnitt aus dem geretteten Ochsen? Kratze das Pflanzliche beiseite. Eine kleine Kiste. Immer noch kauend schiebe ich mit einer Zinke den Deckel beiseite. Um mich herum wird es gleissend hell. Ein weisses Kästchen, kaum zu erkennen, was in ihm ist, etwas Dunkleres, Konsistentes ist da in der Mitte, als sässe da wer an einem Tischchen… Ich steche zu – mein Rücken schmerzt, die Gabel steckt in mir. Ehe ich mich versehe, fühle ich etwas Knuspriges im Mund, dann Weiches, Warmes. Schaler Beigeschmack, ich schlucke.

Am Ende sind auch wir Wiederkäuer, nur fehlen uns in der allgemeinen Weltverdauung drei zusätzliche Mägen. Unser Gehirn ist dabei höchstens ein behelfsmässiger Blätter- oder Buchmagen, ein Psalter, der uns Streiche spielt. Ein Hornochse müsste man sein. Mit der Zungenspitze hole ich eine nicht zuordenbare Faser von vor- oder vorvorgestern zwischen zwei Zähnen hervor, kaue weiter.

Simon Morgenthaler lebt und ochst in Basel. Da die Gastronomie immer noch geschlossen hat, geht er für die «Schweiz am Wochenende» auf eine literarisch-kulinarische Ochsentour in seinem Innern. Er kommt dabei in einen gefährlichen Zirkel und denkt endlos an sein Ende.