Personenfreizügigkeit

Novartis-Personalleiter Thomas Bösch: «Es geht um unseren hohen Wohlstand»

Novartis brauche freien Zugang zum internationalen Arbeitsmarkt, sagt Personalchef Thomas Bösch.

Novartis brauche freien Zugang zum internationalen Arbeitsmarkt, sagt Personalchef Thomas Bösch.

Für einen Pharmakonzern wie Novartis sind hochqualifizierte Mitarbeiter zentral. Thomas Bösch (55), Personalleiter Schweiz, äussert sich zur Personalpolitik und den Bedürfnissen des Konzerns, aber auch zu den möglichen Folgen der Kündigung der Personenfreizügigkeit.

Finden Sie die Mitarbeiter, die Sie brauchen, Herr Bösch?

Thomas Bösch: In der Schweiz beschäftigen wir rund 13'000 Mitarbeitende, einen grossen Teil davon im Raum Basel. Wenn ich mir den Standort Rotkreuz (ZG) anschaue, von wo wir den Schweizer Markt bedienen, dann finden wir die notwendigen Leute. Dort beschäftigen wir 70 Prozent Schweizer sowie einige Grenzgänger und haben relativ gute Auswahlmöglichkeiten. Wenn es aber um die spartenübergreifenden Head-Office-Funktionen geht, haben wir mehr Schwierigkeiten. Mit 12'500 Mitarbeitenden von 13'000 Beschäftigten in der Schweiz ist das die grosse Mehrheit.

Was haben diese für Aufgaben?

Sie sind vor allem in der Forschung, Entwicklung, Produktion und der kommerziellen Leitung für den globalen Markt tätig. Der Hintergrund, weshalb wir in diesem Bereich gewisse Schwierigkeiten haben, ist vielfältig. Bei manchen Berufsbildern wie zum Beispiel bei den Ärzten bilden wir in der Schweiz zu wenige aus – mit dem Numerus clausus per System schon seit Jahren nur ein Drittel des Bedarfs.

Braucht Novartis denn Ärzte?

Wir benötigen sie für klinische Tests, Untersuchungen, den medizinisch-wissenschaftlichen Dienst in den Verkaufsorganisationen und auch in Forschung und Entwicklung. Allgemein ein Problem sind die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Wir bilden in der Schweiz eher sprachlich, sozialwissenschaftlich aus. Deshalb fehlt oft der wissenschaftliche Nachwuchs. Ein weiteres Problem ist die mangelnde globale Erfahrung.

Was meinen Sie damit?

Unsere Hauptmärkte sind im Ausland und da benötigen wir Leute mit entsprechender Erfahrung. Daran fehlt es zum Teil in der Schweiz, weil wir viele internationale Unternehmen haben, die Leute mit dieser Kompetenz suchen. Der Konkurrenzkampf ist sehr gross.

Wie geht es Ihnen mit den Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative?

Ab Mitte Jahr gilt eine Stellenmeldepflicht. Sie betrifft Stellen in der Schweiz, bei denen es über acht Prozent Arbeitslosigkeit gibt, ab 2020 über fünf Prozent. Die Behörden geben sich unglaublich Mühe, dies so effizient wie möglich zu gestalten, damit es kein Bürokratiemonster wird. Wir dürfen die Stellen erst nach einer Frist öffentlich ausschreiben. Aber ganz unabhängig von den Vorschriften zum Inländervorrang ist es für uns rein betriebswirtschaftlich und führungstechnisch viel besser, jemanden aus dem Inland einzustellen. Jemanden aus dem Ausland zu holen, ist extrem teuer und aufwendig: Wir müssen die Umzugskosten und die Einarbeitung zahlen, die Leute müssen sich an die Kultur hier anpassen und generell ist das Risiko höher. Damit sich die Zusatzaufwendungen lohnen, muss jemand schon wirklich gut sein. Wir zahlen ja auch Schweizer Löhne. Leute aus dem Ausland zu holen, ist eine Investition.

Wie ist es bei den Grenzgängern?

Das ist etwas Anderes. Diese Region hat aufgrund der Grenznähe schon immer mit Grenzgängern aus dem Badischen und dem Elsass gearbeitet. Viele von ihnen wohnen näher am Arbeitsplatz als Mitarbeitende aus der Schweiz. Für sie wird es wichtig sein, dass der Schengen-Vertrag gültig bleibt. Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen wäre für die mehr als 3000 Mitarbeitenden, die täglich über die Grenze zu uns kommen, ein Albtraum.

Bekommen Sie von Ausländern aus Drittländern Reaktionen, dass sie Mühe mit der Schweiz haben, weil es Initiativen gegen Ausländer gibt?

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative gab es langjährige Mitarbeiter, die tief betroffen waren. Dies, obwohl die Entscheidung keine direkten Auswirkungen auf sie hatte. Sie sagten, jetzt habe ich mehr oder minder meine ganze Karriere für den Wohlstand der Schweiz investiert und habe das Gefühl, dass das gar nicht wertgeschätzt wird. Sie haben sich mit der Schweiz identifiziert und sind generell über die Tonalität der politischen Diskussion extrem enttäuscht. Die Leute, die sich überlegen, ob sie in die Schweiz umziehen wollen, schauen sich ganz viele Faktoren an: Die Lebensumstände, die Sicherheit und die Willkommenskultur. Die Frage, werde ich angefeindet, hat da schon Bedeutung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Schweizer anfangs reserviert sind. Wir können neue Mitarbeiter unterstützen und sie vorbereiten. In Bezug auf die politische Stimmung und den Unterschied zwischen der Tonalität und der tatsächlichen Umsetzung einer Entscheidung müssen wir aber sehr viel in Kommunikation und Aufklärung investieren.

Was hat es für Auswirkungen auf Novartis, wenn es zur Kündigung der Personenfreizügigkeit kommt?

Es kommt natürlich auf die Reaktion der EU an. Wenn wir davon ausgehen, dass die bilateralen Verträge gekündigt werden, sind für uns vor allem drei Abkommen zentral. Eines betrifft die technischen Handelshemmnisse. Jeder Produkteimport aus der Schweiz in die 28 Staaten müsste dann wieder einzeln freigegeben werden. Und alle Zielstaaten hätten dann wieder das Recht, unsere Betriebsstätten selber zu inspizieren. Das Forschungsabkommen ist für Novartis wichtig, weil es den Zugang zur Champions League der Forschung regelt. Wie wichtig das ist, haben wir gesehen, als die Schweiz wegen der Nichtratifizierung des Kroatien-Abkommens ungefähr zwei Jahre nicht mehr bei der Besetzung der Projektleiter des EU-Programms Horizon 2020 berücksichtigt wurde. Vorher stellte die Schweiz rund 100 Projektleiter, auf einmal ging die Zahl gegen null. Das dritte wichtige Abkommen ist die Personenfreizügigkeit, die uns Zugang zu Fachkräften gibt.

Hätten Sie nach einer Kündigung der Personenfreizügigkeit für die Anstellung von EU-Bürgern und Grenzgängern den gleichen Aufwand wie heute für Mitarbeitende aus Drittstaaten?

Das wissen wir heute noch nicht. Das kommt auf die Verordnungen und ihre Umsetzung an. Historisch gesehen wissen wir, dass die Behörden in der Umsetzung sehr pragmatisch sind und dass man Lösungen findet. Wenn die Freizügigkeit aufhört, wird ganz sicher ein zusätzlicher Prüfprozess kommen. Wie lang und umfassend er ist, müsste aber noch debattiert werden. Er wird auf jeden Fall aufwendiger und komplexer sein.

Verlagern Sie ihre Aktivitäten, wenn Sie die Leute, die Sie brauchen, nicht mehr finden?

Ich will nicht drohen. Aber wir müssen permanent schauen, ob wir richtig organisiert sind, und machen das schon seit Jahren. So haben wir in letzter Zeit in verschiedenen Ländern Service Center aufgebaut und dort Standard- sowie Expertenaufgaben aus allen Ländern zusammengezogen. Das ist Teil unserer Verantwortung als Unternehmer, um konkurrenzfähig zu bleiben. Warum arbeiten zehn Prozent unserer 122'000 Angestellten in der Schweiz? Die Schweiz ist ein Hochlohnland. Hier macht Novartis weniger als zwei Prozent seines Umsatzes. Wenn man Unternehmens- und Einkommenssteuern der Mitarbeiter zusammenzählt, zahlen wir hier viel mehr Steuern, als wir Einkommen generieren.

Warum bleiben Sie dann hier?

Einmal sind da unsere historischen Wurzeln. Dann ist die Attraktivität der Schweiz im Umfeld zu suchen: der Gesetzgebung, der Sicherheit, den Rahmenbedingungen und der Kultur. Wenn da etwas verändert wird, versuchen wir meistens, uns anzupassen. Wenn es zu stark verändert wird, müssen wir auch mit Entscheidungen wie Auslagerungen reagieren. Wenn wir zum Beispiel Fachkräfte nicht mehr finden könnten und die Schweiz sie nicht ausbilden kann, würden die Stellen abwandern. Das ist die Konsequenz einer sauberen Analyse und wirtschaftlichen Einschätzung.

Haben Sie denn Verständnis für Ängste der Bevölkerung vor Überfremdung und vor Überbevölkerung, für die Sorge, den eigenen Job zu verlieren?

Ich bin Nidwaldner und spreche sehr viel mit Leuten, die diese Ängste haben, auch wenn sie nicht so exponiert sind. Natürlich macht das Fremde Angst. Gleichzeitig haben alle Kantone mit hohem Ausländeranteil gegen die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt. Wir haben in der Schweiz einen Ausländeranteil von 25 Prozent und eine lange Kultur des Zusammenlebens. Aber es gibt Kantone wie das Tessin, wo ganz klar Fehler passiert sind und die flankierenden Massnahmen nicht gegriffen haben. Dort sind italienische Arbeitsbedingungen in die Schweiz importiert worden. Die Angst, dass das Schule macht, ist riesig. Das verstehe ich. Der Lohn ist der Pfeiler unseres Wohlstandes. Wenn er ins Sinken kommt, kommt das ganze Gefüge ist Wanken.

Kann Novartis etwas dazu beitragen um zu verhindern, dass die Kündigungsinitiative durchkommt?

Ich hoffe das. Wir engagieren uns auf Podien, sind über Verbände aktiv und pflegen einen regen Austausch mit Politikern. Wir haben auch klar gesagt, dass wir nicht von der Steuerreform profitieren wollen: Wir wollen keine Steuerersparnis. Wir brauchen Rechtssicherheit und die Anerkennung von Europa. Zur Einwanderung sagen wir nicht, jeder darf kommen. Aber wir benötigen den Zugang zu den Fachkräften. Häufig übersehen wird auch, dass wir sehr viele Lieferanten und Berater haben, die für uns arbeiten. Eine externe Untersuchung hat gezeigt, dass in der Schweiz vier externe Mitarbeiter für einen internen Mitarbeiter Novartis zuarbeiten. Auch die Externen brauchen ihre Fachkräfte und unsere Leistung kann nur erfolgen, wenn die ganze Wertkette liefern kann. Wo hört das auf? Plötzlich ist man auch bei den ungelernten Leuten. Ich würde deshalb nie sagen, dass nur Wertschöpfung ins Land kommen darf. Es braucht auch den Unterbau, und deshalb helfen Kontingente nicht wirklich.

Wie soll die Einwanderung Ihrer Meinung nach geregelt werden?

Man muss das den Markt spielen lassen und über flankierende Massnahmen sicherstellen, dass Missbrauch verhindert wird. Es geht um den Wohlstand, der in der Schweiz extrem hoch ist, und um die Frage, ob wir bereit sind, darauf zu verzichten. Das wird sehr schnell als Drohgebärde verstanden. Aber ich möchte nur die Konsequenzen von Entscheidungen wie der Kündigungsinitiative aufzeigen.

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