Nachruf
Wolfgang Weingart: Ein grosser Typograf und Lehrer

Wolfgang Weingart ist im Alter von 80 Jahren in Basel gestorben. Er hat die Schweizer Typografie seit den 60er-Jahren stark beeinflusst. Ein Nachruf auf einen eigenwilligen, inspirierenden und einflussreichen Kollegen.

Hans-Ulrich Allemann
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Wolfgang Weingart in seinem Archiv in Basel, 2011.

Wolfgang Weingart in seinem Archiv in Basel, 2011.

Museum für Gestaltung Zürich

1964, während meiner Ausbildungszeit an der Allgemeinen Gewerbeschule Basel in der Fachklasse für Grafik, lernte ich den scheuen Jüngling aus Deutschland kennen. Während Emil Ruders Unterrichts steht Weingart in der hintersten Ecke der Typografiewerkstatt vor einem Setzkasten – ein Sonderling, ein ernsthafter und begabter Tüftler. Weingart war, wie ich, ein Liebhaber klassischer Musik. Sein Lieblingskomponist war Mozart. Diese Gemeinsamkeit ermöglichte es mir, ihm näher zu kommen, und führte zu einer lebenslangen Freundschaft.

Studien und Experimente

Seit 1968 unterrichtete Wolfgang Weingart Typografie an der Schule für Gestaltung Basel. 1972 hielt er den ersten Vortrag über seine Arbeiten in einem kleinen Saal im Oltner Bahnhof. Weingart war endlich bereit, als Nachfolger Ruders seine typografischen Studien und Experimente zu veröffentlichen und zu erläutern.

Eine neue typografische Dimension: Weingart kombinierte Fotografie, Raster, symbolische Zeichen und Wörter. Weltformat-Plakat, Filmmontage, Offsetdruck, 1980.

Eine neue typografische Dimension: Weingart kombinierte Fotografie, Raster, symbolische Zeichen und Wörter. Weltformat-Plakat, Filmmontage, Offsetdruck, 1980.

zvg

Er gestaltete ein Faltplakat, der Einladungstext war mit einer mechanischen Schreibmaschine geschrieben, vergrösserte es auf Plakatgrösse mit einer teilweisen Unschärfe. Neben einem grob gerasterten Selbstporträt sieht man einen Rebellen, welcher ein halbgefülltes Weinglas hochhält und auf die Welt anstösst. Diese visuelle und typografische Gestaltung war höchst ungewöhnlich, faszinierend und gleichzeitig provokativ. Ich erinnere mich, wie ich gebannt war von den Bildern, die auf der Leinwand aufblitzten. Für einen Puristen (der ich durch meine Ausbildung war) demonstrierte Weingart, wie man alle Regeln und Prinzipien der damals gängigen Typografie durchbrechen konnte.

Mit seiner Leidenschaft hat Wolfgang Weingart die Typografie wesentlich modernisiert und weltweit Spuren hinterlassen. Dafür wird er als grosser Typograf in Erinnerung bleiben und weiterhin viele Design-Studierende inspirieren. Er war im wörtlichen Sinn ein Pionier auf Entdeckungsreise.

Am 12. Juli 2021 ist Wolfgang Weingart im Alter von 80 Jahren in Basel gestorben.

Hans-Ulrich Allemann hat an der Schule für Design Basel studiert, ehe er 1965 seine berufliche Karriere in Zürich begann. Er hat in Kansas und Philadelphia gelehrt. Bei seiner Agentur Alleman Almquist & Jonas war er von 1994 bis 2009 tätig.

Stationen im Leben von Wolfgang Weingart:

  • 1941 in Salem (D) geboren
  • 1960–1963 Lehre als Schriftsetzer in der Stuttgarter Druckerei Ruwe
  • 1968–2000 Lehrer für Typografie an der Allgemeinen Gewerbeschule (heute Schule für Gestaltung Basel)
  • Zahlreiche Vorträge, Fachpublikationen und Beträge zur gestalterischen Erziehung
  • 2000 Autobiografie und Werkübersicht Wege zur Typographie (Lars Müller Publishers)
  • 2001–2004 Professor an der FHNW Hochschule für Gestaltung und Kunst
  • 2005 Ehrendoktor des Massachusetts College of Art, Boston
  • 2013 AIGA Medal des American Institute of Graphic Arts
  • 2014 Schweizer Grand Prix Design des Eidgenössischen Departements des Innern, Bundesamt für Kultur
  • Weingarts Oeuvre befindet sich in international renommierten Museen für zeitgenössische Kunst und Design.

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