Kino
Einstiger «Pornokönig» aus Zürich betreibt im Stücki den grössten Basler Filmtempel

Edouard Stöcklis Multiplex steht am Stadtrand, mit seinen Arena Cinemas hat er es aber längst in die gesellschaftliche Mitte geschafft.

Hannes Nüsseler
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«Wegen mir kommt niemand ins Kino»: Edouard Stöckli. (Archiv)

«Wegen mir kommt niemand ins Kino»: Edouard Stöckli. (Archiv)

Ennio Leanza / Keystone

Edouard Stöckli ist bester Laune. Der 77-jährige Kinounternehmer hat mit seinen Arena Cinemas auf die richtige Karte gesetzt: Basel. Sein Multiplex, das vor einem halben Jahr im schon oft totgesagten Stücki-Center eingeweiht wurde, ist auf Kurs. «Wir sind freudig überrascht», zieht Stöckli ein enthusiastischeres Fazit als sein CEO Patrick Tavoli zuvor. «Nach allem, was ich in den Social Media und den Medien nach der Eröffnung hörte, dachte ich zuerst, ich könne den Laden gleich wieder schliessen. Aber die Basler Bevölkerung ist offenbar anderer Meinung.»

Neueste Kinotechnologie, ein eigenes Bowling-Center und Tiefstpreise (zehn Franken für Erwachsene, acht für Kinder) kommen auch während der Pandemie gut an, trotz Impfzertifikat und Maskenpflicht. «Die Baslerinnen und Basler sind ja nicht besonders obrigkeitshörig», sagt Stöckli, «da hatten wir verschiedentlich Diskussionen, ob wir dem Bundesrat nicht Beine machen könnten.» Der Zulauf sei gut, sogar aus Deutschland, wo der Gang ins Kino aktuell sehr viel umständlicher ist. «Und sobald es einen Automatismus gibt und die Anbindung mit Autobahn und ÖV stimmt: Wieso soll es dann nicht so weitergehen?»

Optimismus gehört zu Stöcklis Erfolg. «Ich habe mein Engagement für den Film immer als Mischung aus Leidenschaft, Dummheit und Was-weiss-Ich betrachtet», gibt er sich entwaffnend bescheiden. Auch wenn sich der Zürcher Unternehmer nicht ganz so blauäugig auf das Basler Abenteuer einliess. Er hatte zuvor bereits Erfahrungen gesammelt in Genf, wo Arena Cinemas an einem ähnlichen Unort ebenfalls ein gewinnbringendes Kinocenter betreibt.

Ruinierter Kinoplatz Basel

Vor allem aber kennt Stöckli Basel schon lange. 1978 übernahm er die Mascotte AG und eröffnete beim Bahnhof SBB ein Kino – für Sexfilme. Der damalige Basler Kinoverband akzeptierte den Zürcher Nonkonformisten dennoch. «Früher befand ich mich mit meiner Arbeit ausserhalb der Gesellschaft», sagt Stöckli, der mit seinem mainstreamtauglichen Multiplex zum grössten Kinobetreiber im Raum Basel aufgestiegen ist. «Jetzt bin ich mittendrin – dabei habe ich mich nie geändert!»

Der verödeten Kinomeile in der Steinen wolle er keine zusätzliche Konkurrenz machen. «Es geht mir nicht darum, dem Pathé Leute wegzunehmen. Wir funktionieren wunderbar nebeneinander», so Stöckli. «Und auch meine Freunde von den Kultkinos fanden, das tue ihnen nicht weh.» Vielleicht bringe es das Publikum im Gegenteil sogar dazu, wieder öfter ins Kino zu gehen.

Man hört Stöckli gerne zu, wenn er die einstigen Vorzüge des Basler Standortes preist. «Ich habe immer gesagt: Basel ist ein fantastischer Kinoplatz, der aber sukzessive kaputtgemacht wurde», erklärt er. «All die schönen Häuser, die es gab, wo sind die hin?» Es schmerze ihn, wenn nur noch ein Kino in der Steinen übrig bleibe. Wer dafür verantwortlich sei? «Vermutlich die Spekulation, weil es mehr Rendite bringt, Neubauten zu errichten», antwortet der Unternehmer und klingt dabei so gar nicht unternehmerisch:

«Geld essen Seele auf.»

Der Spagat zwischen Konsum und Kunst prägt Stöcklis Leben. Als Zwölfjähriger führte er seinen Freunden Charlie-Chaplin-Filme vor – gegen Bezahlung. In den Sechzigerjahren organisierte der gelernte Diplomkaufmann Nocturne-Vorstellungen an der Zürcher Bahnhofstrasse. «Es lief so gut, dass mich der eifersüchtige Kinobetreiber hinauswarf.» Stöckli versuchte sich als Produzent, doch das Filmdébut des späteren Oscargewinners Xavier Koller floppte. Und trotz einer halben Million Franken Schulden hielt Stöckli dem Film die Treue. «Ich sagte mir, ich bleibe lieber, damit ich das Geld wieder reinholen kann.»

Er arbeitete als Produktionsleiter für den von Quentin Tarantino verehrten Exploitationfilmer Erwin C. Dietrich und kam als selbstständiger Filmhändler mit der deutschen Erotikpionierin Beate Uhse ins Geschäft. Bald war Stöckli als «Porno-Edi» schweizweit bekannt und ging auf Kollisionskurs mit rigiden Moralvorstellungen und der Justiz. In den Achtzigern galt er vorübergehend sogar als Financier der Zürcher Jugendunruhen, weil er unter anderem auch den verfemten Dokumentarfilm «Züri brännt» in seinen Sexkinos vorführte.

Die magische Atmosphäre des Kinos

«Der Voyeurismus hat viel mit unserer christlichen Erziehung zu tun», sagt Stöckli. «Ich wollte so lange Sexfilme zeigen, bis sie Mainstream sind. Und wir sind ja schon fast so weit: Die Jungen interessiert das nicht mehr.» Von ursprünglich elf Sexkinos betreibt Stöckli noch vier, auch das Mascotte Basel wird dereinst verschwinden: wenn nicht wegen der geplanten Totalsanierung des Gebäudes, dann aufgrund der Digitalisierung. «Mit dem Internet ist das nur eine Frage der Zeit.» Heute finde alles auf dem Handy statt, die grosse Empörung löse Pornografie nicht mehr aus, sagt Stöckli. «Gott sei Dank!»

Die magische Atmosphäre des Kinos, die kein noch so grosser Bildschirm zu Hause je erzeugen könne, habe dagegen Bestand, ist er überzeugt. «Darum haben die Leute früher auch nicht daheim gebetet», sagt der katholisch geprägte Rebell und ist gedanklich schon wieder in der Kirche. «Das Zelebrieren, das Riechen und Fühlen – das ist ein Turbo.» Und der Vergleich passt, hat Stöckli den wahren Glauben an die Kommunion des Kinos doch nie verloren.

«Wegen mir kommt niemand ins Kino. Ich helfe nur dabei, die grossartigen Filme, die es auf der Welt gibt, sichtbar zu machen – in einem Rahmen, in dem das Publikum sich wohlfühlt.»

Dafür ist Stöckli stets auf der Suche nach innovativen Technologien, die das Erlebnis verbessern. «Ich bin kein Konzern, dem es egal ist, ob es passt oder nicht», sagt er. «Ich möchte mein Publikum zufriedenstellen.» Dazu gehört auch der Verzicht auf Untertitel. «Die Jungen wollen bei mir nicht auch noch in die Schule gehen», lacht Stöckli. Mainstreamfilme wie «Spiderman» oder der neue Bond gefallen ihm gut, «selbst wenn Zürcher Behörden das nicht für Kultur halten». Als Mitglied der Schweizer Filmakademie holt er aber auch Produktionen nach, die nicht bei ihm laufen.

«Es gibt Filme, die mir sehr ans Herz wachsen – auch wenn man sie sich aktuell vielleicht nicht gerne anschaut, weil man danach so geschlagen aus dem Kino kommt», sagt Stöckli. «Es gibt so schwere Realitäten, die wir ignorieren.» Eben deshalb brauche es den Ausgleich: «Das Lachen, die Unbeschwertheit und die Fantasie!»