Jubiläum
150 Jahre Kinderkrippen Bläsistift in Basel: «Jeder der vier Standorte lebt den Geist aus Gründungszeiten»

Die Kinderkrippen Bläsistift feiern ihr 150-jähriges Bestehen. Die Kitas sind in Basel mit vier Standorten vertreten.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Die «Kinderkrippen Bläsistift» feiern den 150. Geburtstag. Die Kita ist die erste und älteste der Schweiz.

Die «Kinderkrippen Bläsistift» feiern den 150. Geburtstag. Die Kita ist die erste und älteste der Schweiz.

Nicole Nars-Zimmer

Im Innenhof vor der Erlenmattkrippe fahren Kinder mit Tretvelos über den Asphalt. An gebastelten Bienen mit Flügeln aus Frischhaltefolie vorbei winkt uns Marianne Soland. «Wir Kakadus sind orange», sagt die Gruppenleiterin. Die Kinder könnten sich im Innenhof frei entfalten, betont die diplomierte Betreuerin, die seit der Eröffnung 2010 in der Erlenmatt arbeitet.

Für Freiluft sorgte die erste Basler Kita bereits 1890, als sie am Bläsiring einen Neubau mit Garten bezog. 1871 vom Ehepaar Ehring-Sarasin gegründet, habe sich die damalige «Krippe im Kleinbasel» für das Wohl der Kinder aus einkommensschwachen Familien eingesetzt, erzählt die Vorstandspräsidentin Alice Mäder-Wittmer: «Nur die Ärmsten des dicht besiedelten Stadtteils kamen in die Kita.» Und Soland ergänzt: «Jeder der vier Standorte lebt den Geist aus Gründungszeiten.»

Eine Chronologie: 150 Jahre Verein Kinderkrippen Bläsistift

1871: Gründung und Eröffnung der «Krippe in Kleinbasel» durch das Ehepaar Ludwig und Julie Ehinger-Sarasin an der Riehentorstrasse 21.

1890: Bezug des festen Standorts vom Bläsistift der GGG am Bläsiring, Gründung von Verwaltungskommission und Damencomité.

1900: Tod des Gründers Ludwig Ehinger, seine Mildtätigkeitsstiftung unterstützte die «Krippe in Kleinbasel» mit hohen Beträgen.

1911: Umbenennung zur «Krippe im Bläsistift».

1920: Gründung eines Krippenvereins zur finanziellen Unterstützung der «Krippe im Bläsistift».

1947: Erste staatliche Subvention des Kantons Basel-Stadt an die Bläsikrippe.

1969: Eröffnung der Klingentalkrippe in der ehemaligen Soldatenstube.

1977: Einführung der Familiengruppen an beiden Krippenstandorten.

2005: Übernahme Kinderkrippe Tabaluga, basel-städtischen Eltern wird ein Betreuungsplatz zugesichert.

2010: Eröffnung der Erlenmattkrippe.

2017: Eröffnung der Goldbachkrippe.

2021: 150-Jahr-Jubiläum des Vereins Kinderkrippen Bläsistift.

Mittagsschlaf, Hygiene und gesunde Ernährung

Der Trägerschaft, die als älteste Kita der Schweiz gilt, wünsche sie zum Geburtstag, dass dieser Geist bestehen bleibe. Soland spricht etwas leiser – eines der Mädchen hält Mittagsschlaf. Ein solcher gehörte bereits 1930 zum Kita-Alltag. Damals wurden die Kinder einer täglichen Hygieneprozedur unterzogen. Unter anderem habe zudem die gesunde Ernährung der «schlecht genährten Geschöpflein» im Vordergrund gestanden.

Die Erlenmattkrippe, einer der vier Standorte in Basel.

Die Erlenmattkrippe, einer der vier Standorte in Basel.

Nicole Nars-Zimmer

«Damals arbeitete man im Gruppensystem», erklärt Soland, als wir ihr ein Archivbild zeigen. Aufgenommen im Garten der Bläsikrippe, zeigt es vier Stubenwagen beim «Sonnetanken». Erst in den 70er-Jahren habe sich ein altersdurchmischtes Modell durchgesetzt. Das aktuell jüngste «Familienmitglied» der Kakadus sei acht Monate alt, sagt Soland und fügt an: «Wir sehen uns als Erweiterung der Familie.» Dies steht im grossen Gegensatz zur moralisierenden und erziehenden Tendenz der «Kinderbewahrungsanstalten», wie sie damals genannt wurden. Nicht selten seien Frauen als unfähige «Rabenmütter» bezeichnet und die Krippen als «Notbehelf» angesehen worden – dabei hätten die Mütter zwölf Stunden pro Tag in der Fabrik geschuftet.

Auch die Nöte, über die wir in einer Festschrift von 1912 lesen, scheinen noch immer keineswegs ausgestanden. Damals wurde aufgrund von Vorurteilen kein neuer Standort gefunden. Vom Betreuungsgeld von einem Franken liessen sich kaum die Auslagen finanzieren.

Tiefen Löhne und wenig Anerkennung

Auch heute haben die Kleinkind-­Erzieherinnen keinen leichten Stand. «Keine von uns übt diesen Job des Lohnes wegen aus», betont Soland. Vielmehr sei es eine Berufung, eine Herzens­sache, die immer noch mit tiefen Löhnen und wenig Anerkennung kämpfe. «Da hat sich in den letzten 30 Jahren nichts getan», klagt sie und betont, wie prägend die ersten Lebensjahre der Kinder seien. «Politisch wird unsere Arbeit nicht getragen», sagt Soland. «Unser Personalschlüssel ist auf einem hohen Niveau», lobt sie jedoch die Krippen Bläsistift. «In die Ausbildung der Betreuerinnen wurde relativ spät investiert», betont Mäder- Wittmer. Inmitten des Bevölkerungswachstums sei man mit den hauseigenen Lehrplänen für die betreuenden Lehrtöchter 1969 Pioniere gewesen, sagt sie.

Jedem Kind sein eigenes Plätzchen für die Habseligkeiten.

Jedem Kind sein eigenes Plätzchen für die Habseligkeiten.

Nicole Nars-Zimmer

Soland fügt an, wie wichtig menschliches Einfühlungsvermögen sei. Neben der familiennahen Betreuung sei es die Möglichkeit, jedem Kind die gleichen Chancen zu bieten, die sie in ihrer Arbeit antreibe. «Wir arbeiten mit Kindern mit wenig Deutschkenntnissen», sagt Soland. Bereits in den 1960ern sei in den Krippen des Bläsistifts «mehr als die Hälfte der Kinder ausländischer Herkunft ge­wesen», sagt Mäder-Wittmer. Und für die Zukunft: «Wir müssen nicht grösser ­werden.» Vielmehr wolle sie den gut etablierten Strukturen auch in Zukunft gerecht bleiben.

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