Demenz

Kalk im Kopf – ein Besuch in der ältesten Tagesstätte für Demenzkranke in Basel

144 000 Menschen in der Schweiz sind aktuell an Demenz erkrankt. Ob und wie Alzheimer aufgehalten werden kann, ist nach wie vor unklar.

144 000 Menschen in der Schweiz sind aktuell an Demenz erkrankt. Ob und wie Alzheimer aufgehalten werden kann, ist nach wie vor unklar.

Demenz gehört zu den häufigsten Krankheiten älterer Menschen in der Schweiz. Die «Schweiz am Wochenende» war zu Besuch in der Institution Wirrgarten – der ältesten Tagesstätte für Demenzkranke in Basel.

Es ist 11 Uhr und die Gymnastikrunde im hinteren Teil des Atriums hat soeben begonnen. Der Betreuer und fünf ältere Personen sitzen auf Stühlen im Kreis und werfen sich einen Ball zu. Der junge Mann gibt Anweisungen: «Jetzt werfen Sie den Ball direkt. Nun zuerst auf den Boden und dann zu eurem Gegenüber.» Die Stimmung ist heiter. Geht der Ball einmal daneben, hebt ihn die Person, die am nächsten sitzt, auf und das Spiel geht weiter. In der Mitte des weitläufigen Raumes steht ein grosser Holztisch, an dem zwei Männer sitzen und sich unterhalten. Durch die Fensterfront dringt Tageslicht, von der Decke hängen mehrere Kronleuchter. In der Nähe des Eingangs dösen zwei Personen in Sesseln vor sich hin. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf, aber alle sich im Raum befindenden Personen, abgesehen vom Betreuungspersonal, sind offiziell krank: Sie leiden an Demenz. Und sie sind alle Gäste in der Tagesstätte der Stiftung Basler Wirrgarten.

Tagesstätte mit demenzspezifischem Angebot

Die Stiftung wurde 1999 mit dem Ziel gegründet, ein Angebot zu schaffen, das gezielt auf Menschen mit Demenz ausgerichtet ist – ein Novum für die damalige Zeit. Vor genau zwanzig Jahren wurde der Betrieb des Atriums am heutigen Standort in Basel aufgenommen. An der Hammerstrasse 156 befindet sich seither eine Betreuungs- und Begegnungsstätte für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Herzstück des Angebots ist die Tagesstätte «Atrium», die ihren Namen vom Aufenthaltsraum im Erdgeschoss hat. An zwei bis fünf Tagen pro Woche können Demenzkranke am Angebot teilnehmen und werden dabei ihren Bedürfnissen entsprechend betreut.

Als das Gymnastikprogramm zu Ende ist, setzen sich alle an den langen Tisch. Es gibt ein Znüni, das der Zivildienstleistende vorbereitet hat. Herr A.* ist heute zum ersten Mal hier, zum Schauen, ob es ihm gefallen würde. Er ist skeptisch: «Es ist schon ein bisschen komisch hier. Ungewohnt. Ich finde ja eigentlich nicht, dass ich hier sein müsste, aber ich gehe zu Hause allen auf die Nerven.» Die Gäste und Betreuer essen schweigend ihr Znüni, bis Herr T.* zur italienischen Zeitung «La Repubblica» greift. Herr A. fragt ihn, ob Italien jetzt eine Regierung habe. Sofort entsteht ein Gespräch. Eine Unterhaltung voller akustischer und inhaltlicher Missverständnisse, die halb auf Schweizerdeutsch, halb auf Italienisch geführt wird. Obwohl alle aneinander vorbei reden und niemand weiss, was tatsächlich gerade in Italien geschieht, findet das Gespräch einen versöhnlichen Abschluss. Herr C.*, ebenfalls aus Italien, hebt die Augenbrauen und sagt: «Die Regierung in Italien…» Dann macht er eine Handbewegung, die alle, die am Tisch sitzen, verstehen: «Die stehlen, die Regierung ist korrupt.» Alle lachen, weil sie irgendwie Teil vom Gespräch waren und etwas verstanden haben. Vielleicht nicht alle dasselbe, aber das scheint keine Rolle zu spielen.

Demenz ist nach wie vor ein schambehaftetes Thema

Mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung wird Demenz als klassische Alterskrankheit ein immer bedeutenderes Thema. Das Bundesamt für Gesundheit schätzt, dass in der Schweiz etwa 155 000 demenzkranke Menschen leben. Längstens nicht alle sind diagnostiziert. Im Kanton Basel-Stadt waren es 2018 laut der Organisation Alzheimer Schweiz 4480 Personen, die von der Krankheit betroffen und registriert waren. Laut einer Studie des Bundesamts für Gesundheit weiss heute eine Mehrheit der Bevölkerung gut über die Krankheit Bescheid und hat eine offene Haltung gegenüber Betroffenen. Trotzdem: «Das Thema Demenz ist extrem schambehaftet», sagt Birgit Sachweh, Geschäftsführerin der Stiftung Wirrgarten. Und auch Betreuerin Sylvia Berger-Wernli betont, dass es heute zwar möglich sei, aber vielen Menschen immer noch schwerfalle, über die Demenzerkrankung ihrer Angehörigen zu sprechen. Insbesondere, wenn es um den eigenen Partner gehe.

Die Frau, die während des Gymnastikprogramms gedöst hat, ist wieder wach, sitzt aber immer noch im Sessel. Ein Betreuer hat ihr das Znüni gebracht, unterhält sich mit ihr und zeigt ihr Bilder in einem Buch. Betreuer Peter Hürlimann erklärt, dass sie sich bemühten, die Gäste zu aktivieren. «Sie können sich aber auch einfach nur ausruhen.» Das sei das wichtigste Merkmal des personenzentrierten Ansatzes, wie er von der Stiftung Wirrgarten gepflegt wird: Es wird auf jeden Menschen einzeln eingegangen. So werden zwei Gäste nach dem Znüni gebeten, in der Küche zu helfen, das Mittagessen vorzubereiten. Und während sich ein paar auf den Sofas ausruhen, fragt Peter Hürlimann zwei Männer, ob sie Lust haben, Musik zu machen. Einer der Männer ist Herr A., der den Raum gleich zum ersten Mal sehen wird.
Es gibt mittlerweile vielfältige Angebote für Demenz-Betroffene. Die meisten Demenzkranken werden lange Zeit zu Hause von Angehörigen betreut, so lange es geht – und darüber hinaus. «Die Leute kommen oft zu spät zu uns», sagt Sylvia Berger-Wernli. Im besten Fall würden sich Angehörige und Betroffene in einem frühen Stadium der Krankheit über Betreuungsangebote informieren. Die Tagesbetreuung der Stiftung ist für die Angehörigen eine Entlastung. «Sie können durchatmen und wieder ein Stück weit ein eigenes Leben führen. Oder sich um alltägliche Dinge kümmern,» sagt Berger-Wernli. Demenzkrankheiten können ganz unterschiedlich verlaufen. Einige der Betroffenen bleiben lange stabil, bei anderen verschlechtert sich der Zustand rasch. Wenn die Betreuung durch Angehörige und Tagesstätte nicht mehr möglich ist, folgt in der Regel der Übertritt in ein Pflegeheim. Die stückweise Aufgabe von Selbstbestimmung und Selbstständigkeit fällt den meisten Menschen schwer. Der Widerstand der Betroffenen, in die Tagesstätte einzutreten, sei daher meistens gross, sagt Flurina Manz, Leiterin der Beratungsstelle.

Musik als Schlüssel zum Gedächtnis

Peter Hürlimann betritt den Klangraum gemeinsam mit Herrn A. und Herrn P.* Im Raum befinden sich zahlreiche, ganz unterschiedliche Instrumente. Kleine und grosse Trommeln, Flöten, Gongs, eine Klangschale, ein kleines Xylophon auf einem Regal in der Ecke, auf dem Tisch ein etwa ein Meter langes, selbstgebasteltes Saiten-Instrument. «Das Musikgedächtnis bleibt sehr lange intakt», sagt Hürlimann. Auch wenn die Demenz so weit fortgeschritten sei, dass die Betroffenen nicht mehr sprechen, könne eine Melodie, die sie aus der Kindheit kennen, sie plötzlich wieder zum Singen bringen oder zumindest etwas in ihnen auslösen. Doch nicht allen gefällt es im Klangraum. Und nicht allen auf dieselbe Weise: «Einige mögen lieber leise, andere lieber laute Töne», sagt Hürlimann, nimmt das Instrument mit den Saiten und fragt: «Wollen wir zusammen spielen, Herr P.?» Zu zweit setzten sie sich und beginnen, an den Saiten zu zupfen.

Herr A. nimmt einen Schlägel und fängt an, auf den grössten Gong im Raum zu schlagen. Tiefe Klangwellen breiten sich im Raum aus und vermischen sich mit den hellen Tönen des Saiteninstruments von Herrn P und Peter Hürlimann. Es entsteht ein experimenteller Klangteppich. Immer wieder schlägt Herr A. auf den Gong, mal sanfter, mal stärker. Nach einigen Minuten werden die drei wie auf Kommando alle leiser. Peter Hürlimann blickt lächelnd zu den beiden Männern. «Toll, Herr P.! Und Herr A., hat es ihnen gefallen?» Herr A. hat glänzende Augen. Mit zitternder Stimme sagt er: «Es ist zum Heulen schön. Wissen Sie, ich habe früher Klavier gespielt. Irgendwann konnte ich nicht mehr so spielen, wie ich wollte. Am Schluss habe ich immer diesen französischen Komponisten gespielt, wie hiess er noch … Ausgehendes 19. Jahrhundert?» Einen Moment lang steht er da, schaut ins Leere, reibt sich mit einer Hand am Kopf und versucht, sich zu erinnern. Es gelingt ihm nicht.

*Name der Redaktion bekannt. 


Nachgefragt

«Bei der Therapie gab es in den letzten zwanzig Jahren keine Fortschritte»

Die Memory Clinic Basel zählt zu den grössten Schweizer Zentren für die Diagnostik von Hirnleistungsstörungen, insbesondere für die Früherkennung von Demenzerkrankungen. Die 1986 gegründete Institution war eine der ersten ihrer Art in Europa. Die «Schweiz am Wochenende» hat mit dem Leiter der Klinik, Professor Andreas U. Monsch, über die Entwicklung in der Demenzforschung und die Therapie von Alzheimerpatienten gesprochen.

Herr Monsch, wie sieht heutzutage der einfachste Test aus, um herauszufinden, ob jemand demenzkrank ist?

Andreas Monsch: Normalerweise geht ein Patient als Erstes zum Hausarzt. Dieser macht dann meistens einen kurzen Test – er lässt zum Beispiel eine Uhr zeichnen.

Macht man das heute noch?
Ja. Der Uhrentest ist der beste Test, den es gibt. Zeichnen Sie doch mal eine Uhr.

(Zeichnet Uhr.)
Schauen Sie, Ihre beiden Zeiger sind jetzt ungefähr gleich lang.

Dann habe ich ein Problem?

Na ja… Indem Sie die Uhr gezeichnet haben, haben Sie die folgenden Dinge getan: Sie haben die Anweisung verstanden, das ist der Bereich «Sprache». Dann brauchten Sie eine Problemlösungsstrategie. Als Nächstes mussten Sie das Zifferblatt visuell und räumlich einteilen. Sie haben mit einer Einteilung in Viertel begonnen. Dann haben Sie das Konzept der Uhr abgerufen, dazu gehört, dass es zwei unterschiedliche Zeiger gibt. Zum Schluss müssen die Testpersonen auch noch die Frage beantworten, welche Zeit die Uhr anzeigt.

Diesen Test macht aber normalerweise der Hausarzt.

Genau. Der Hausarzt ist der erste Schritt. Und wenn dann entweder der Hausarzt, die Angehörigen, oder der Betroffene das Gefühl hat, das etwas nicht stimmt, kommt die Person zu uns in die Memory Clinic. Wir führen dann ungefähr 2 Stunden lang verschiedene neuropsychologische Tests durch. Dabei werden alle Hirnleistungsbereiche untersucht.

Sind diese Tests eindeutig? Oder anders gefragt: Ist die Abgrenzung zwischen Vergesslichkeit und Demenz einfach?

Nein, das ist sehr anspruchsvoll. Wenn ein Testresultat einen bestimmten Wert über- oder unterschreitet, kann man – unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Bildungsstand – sagen, die Person ist vermutlich nicht mehr gesund. Wir erheben ungefähr 50 Variabeln in diesen zwei Stunden. Wenn jetzt zwei, drei etwas unter dem Normwert sind, muss man sich noch nicht viele Sorgen machen. Wenn es zehn oder fünfzehn sind, ist das kein gutes Zeichen.

Wie sahen solche Tests vor zwanzig Jahren aus? Was hat sich in der Forschung in den letzten Jahrzehnten verändert?

Die Untersuchungen waren schon vor zwanzig Jahren ähnlich, wurden aber in der Zwischenzeit verfeinert. Ausserdem gab es bedeutende Verbesserungen bei den bildgebenden Verfahren. Bei der Therapie hat man in den letzten 20 Jahren hingegen praktisch keine Fortschritte gemacht.

Keine Fortschritte in 20 Jahren?

Bei der medikamentösen Therapie gab es wirklich keine Fortschritte. Gerade gestern wurde bekanntgegeben, dass eine weitere Studie, bei der es um den familiären Alzheimer-Typ ging, gescheitert ist. Es geht nicht vorwärts, obwohl die Anstrengungen, die in diesem Bereich unternommen wurden, riesig sind. Die Pharmaindustrie hat bereits über 250 Milliarden Dollar in die Demenzforschung gesteckt.

Gab es denn bei anderen Therapieformen Fortschritte?

Ja durchaus. Unter anderem dank Projekten wie der Stiftung Wirrgarten. Das Verständnis in der Bevölkerung für Demenzformen wie Alzheimer ist viel grösser als vor zwanzig Jahren. Wenn ich heute sage, dass ich über Alzheimer forsche, dann wissen die Leute, wovon ich spreche. Es gibt mittlerweile auch ein viel breiteres Angebot für Patienten und Angehörige. Oder Behörden.

Gibt es eine hohe Dunkelziffer an Personen, die nicht diagnostiziert sind?

Ja. Mindestens die Hälfte aller Patienten hat keine Diagnose. Das ist nicht ohne: Diese Leute haben Gedächtnisprobleme, sie kriegen Mahnungen, können ihren Alltag nicht mehr richtig meistern. Viele ziehen sich von Freunden zurück, weil sie mit Gesprächen überfordert sind. So werden sie immer einsamer. Letztlich sind neunzig Prozent aller Betroffenen erleichtert, wenn sie die Diagnose erhalten.

Wo steht die Demenzforschung heute? Und wo geht sie hin?

Die Therapien, die wir heute haben, sind nicht wirkungslos. Sie führen zu einer Verzögerung der Verschlechterung. Aber die Wirkung ist bescheiden. Also sollte dringend mehr in die Forschung investiert werden.

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