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Immer mehr Beistände in Basel: Hilflosigkeit in der Stadt der Singles

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Einsamkeit wirkt sich auf Zahlen aus.

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Die Zahl der Beistandschaften in Basel-Stadt steigt seit Jahrzehnten an – das hat verschiedene Gründe.

Es ist ein trauriger Rekord. Die Zahl der Beistandschaften für Erwachsene ist im Kanton Basel-Stadt im vergangenen Jahr auf 3'090 geklettert. Das sind knapp siebzig mehr als im Vorjahr und markiert die Fortsetzung einer stetig negativen Entwicklung über die vergangenen Jahrzehnte. Vor zwei Jahren war die Zahl erstmals auf über 3'000 angestiegen. Basel-Stadt gehört damit zu denjenigen Kantonen mit der höchsten Quote an Bewohnern, die Schutzmassnahmen in Anspruch nehmen müssen. Zum Vergleich: In Baselland liegt die Zahl der Beistandschaften bei Erwachsenen bei insgesamt etwas über 2'400. Pro Kopf sind es in Basel-Stadt (18 auf 1'000 Einwohnerinnen und Einwohner) deutlich mehr als in Baselland
(10 auf 1'000 Einwohnerinnen und Einwohner).

Einsamkeit wirkt sich auf Zahlen aus

Patrick Fassbind, Präsident der Basler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), macht in erster Linie die demografische Entwicklung im Stadtkanton für die Entwicklung verantwortlich. «Es gibt immer mehr ältere Menschen mit Demenz, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag selber zu bestreiten», sagt er.

Daneben ziehe es vermehrt auch psychisch Kranke in die Stadt. Und, was für die Entwicklung der Beistandschaften eine mitentscheidende Rolle spielt: Basel-Stadt ist schweizweit der Kanton, der die meisten Single-Haushalte hat. Gemäss den jüngsten Daten von 2018 gibt es im Kanton Basel-Stadt fast zwölf Prozent mehr Einpersonen-Haushalte als im Rest der Schweiz. Fast die Hälfte aller städtischen Einwohner lebt alleine. Und wo die Beziehung oder allgemein soziale Kontakte fehlen, fallen die Menschen häufiger durch die Maschen. «Die Vereinsamung nimmt zu. Das Problem betrifft alle Alterskategorien», sagt der Kesb-Präsident.

Die Wenigsten sind dauerhaft urteilsunfähig

Die meisten Betroffenen haben sogenannte «massgeschneiderte Beistandschaften». Hier gilt das Prinzip: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Wenn also eine Person beispielsweise nach dem Tod ihres reichen Partners den Hang hat, in grossem Stil Geld an «Freunde» zu verschenken, kann die Behörde eine Mitwirkungsbeistandschaft anordnen. In diesem Fall hätte das zur Folge, dass der oder die schenkfreudige Hinterbliebene nur mit der Zustimmung des Beistands Geld verteilen kann. Bei der letzten detaillierten Erhebung im Jahr 2018 nahmen 2'853 Baslerinnen und Basler solche partielle Beistandschaften in Anspruch. «Nur» 139 Mal musste die Kesb eine vollumfängliche Beistandschaft einrichten. Dies geschieht, wenn eine Person dauerhaft urteilsunfähig und beispielsweise sich und andere in ihren Handlungen gefährdet – etwa den Nachbarn verklagt, weil er sein Gemüsebeet verstrahlen würde, meint, er sei Napoleon, oder will die Welt retten, obwohl er nicht mal in der Lage ist, seine eigene Wohnung zu finden.

Kesb-Massnahmen werden vermehrt verhindert

Die zunehmende Zahl der Beistandschaften könnte besorgniserregend wirken. Doch Kesb-Präsident Patrick Fassbind zeigt sich optimistisch, dass eine Trendumkehr bewerkstelligt werden kann. Zum einen würde die Kesb Betroffenen immer häufiger andere Hilfe vermitteln können, womit ein grosser Teil der eröffneten Abklärungen (siehe Grafik links) gar nicht erst in Schutzmassnahmen mündeten. Zum anderen würden sich immer mehr Menschen dazu durchringen, Vorsorgeaufträge mit dem sozialen Umfeld abzuschliessen – sie wappnen sich also häufiger als früher für den Fall, dass sie dereinst nicht mehr urteilsfähig sind. Fassbind sagt deshalb: «Die zentrale Aufgabe ist es, Betroffenen Unterstützung zukommen zu lassen. Aber wir werden dabei auch immer besser, Kesb-Massnahmen zu verhindern.»

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