Migration
«Wer im 19. Jahrhundert auswanderte, war kein Einzelfall»

Der Historiker Pascal Maeder erklärt, warum Mitte des 19. Jahrhunderts trotzdem viele Schweizer ihr Glück im Ausland probierten

Leif Simonsen
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Pascal Maeder

Pascal Maeder

bz Basel

Herr Maeder, in seinem Tagebuch schildert der Benkemer Jakob Christoph Brodbeck, wie er 1847 wegen finanzieller Probleme in die USA auswandert. War die Emigration aus wirtschaftlichen Gründen damals etwas Spezielles?

Pascal Maeder: Wer im 19. Jahrhundert aus der Schweiz auswanderte, war kein Einzelfall. Man muss allerdings sagen, dass über das ganze Jahrhundert gesehen die Auswanderung nicht stetig war und immer auch von politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten abhing. Was man sicher sagen kann:
J. Christoph Brodbeck war insofern ein spezieller Fall, als er gleich ins ferne Amerika auswanderte. Der Grossteil der Schweizer Migrierenden versuchte sich im europäischen Ausland – Nordwestschweizer gingen etwa nach Mulhouse oder vom Fricktal nach Südbaden, wo ab 1850 kleinere «Schweizer Kolonien» entstanden.

Was waren ihre Beweggründe?

Primär lag es an der Industrialisierung in Europa und Nordamerika. Die Bauern waren beispielsweise auf der Suche nach Land. Dabei standen nicht die heutigen raumplanerischen Fragen im Vordergrund, vielmehr war das
Erbrecht ausschlaggebend. Die ältesten Nachkommen durften erben, die jüngeren zogen weg und nahmen vielfach Arbeiten in der wachsenden Industrie oder im Baugewerbe an.

J. Christoph Brodbeck war indes ein Erstgeborener, dessen Vater als Mühleknecht arbeitete und früh starb. Er hatte sieben Geschwister und hinterliess die Familie in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen. Ging es der Schweiz damals allgemein schlecht?

Sicher war die Schweiz nicht reich. Einzelne Branchen waren mit der Industrialisierung nicht mehr gefragt. Die traditionellen Mühlen waren nicht mehr zeitgemäss, was wahrscheinlich zu den finanziellen Schwierigkeiten von Brodbeck beitrug. Die Industrialisierung hatte ohnehin einen grossen Einfluss auf die Migration in dieser Zeit. Die Posamenter, die stark zur regionalen Wirtschaftskraft im Oberbaselbiet beitrugen, zog es mit der Industrialisierung von den Dörfern in die Stadt.

Aus dem Tagebuch Brodbecks wird nicht ersichtlich, warum er sich ausgerechnet für Amerika entschied. Ein ungewöhnlicher Entscheid?

Die Emigration nach Übersee war bis in die 1850er-Jahre geringfügig. Sie war eben auch ein bedeutend weitreichenderer Entscheid, als er es heute wäre. Wenn jemand sich zu diesem Schritt entschloss, dann war das für die Zurückgelassenen so etwas wie der Tod eines Mitmenschen. Man wusste nicht, ob man ihn jemals wiedersehen sollte.

Bestand denn nicht die Möglichkeit, nachzureisen? Heute würde man wahrscheinlich von einem Familiennachzug sprechen.

Gerade Mitte des 19. Jahrhunderts zog es viele unverheiratete Männer weg – sie waren nicht gleichermassen gebunden wie die religiösen Gruppen, die im 18. Jahrhundert nach Übersee auswanderten. Hier war die Auswanderung im Familienverbund viel üblicher. Für jene Junggesellen, die später auswanderten, gab es gelegentlich auch Anzeigen in der lokalen «Schweizer Zeitung», in welchen sie nach heiratswilligen Frauen suchten und so die Familie «nachzogen».

Jakob Christoph Brodbeck gibt kaum Einblick darüber, warum es ihn als 25-Jährigen ausgerechnet in die Vereinigten Staaten zog. Schliesslich war das Goldfieber damals noch gar nicht ausgebrochen.

Darüber kann ich auch nur spekulieren. Sicher scheint mir, dass er in einem bürgerlichen Umfeld sozialisiert wurde und beispielsweise die Zeitung las. Nicht alle konnten damals schreiben. Deshalb dürfte ihm die vom Baselbieter John Sutter in den 1840er Jahren in Kalifornien gegründete Schweizer Kolonie «Neu-Helvetien » bekannt gewesen sein.

Er schreibt, dass er kurz nach seiner Ankunft schon Freunde gefunden habe, die Deutsch gesprochen haben. Ein grosses Glück?

So ungewöhnlich dürfte das nicht gewesen sein. In den USA waren die deutschsprachigen Auswanderer eine grosse Bevölkerungsgruppe; früher oder später lief fast jeder Auswanderer jemandem über den Weg, der Deutsch sprach.

Kurz nach seiner Ankunft in den USA breitete sich das Goldfieber aus. Hatte dieses einen Einfluss auf die Auswanderungsströme in der Schweiz?

Wie vorhin angedeutet, das Goldfieber wurde in Europa wahrgenommen. Man muss sich aber vor Augen führen: Das Goldfieber entstand sehr kurzfristig. Und eine Reise in die Vereinigten Staaten war sehr teuer – etwas, worauf man als normaler Arbeiter hinarbeiten musste oder sich auf ein, zwei Jahre hin verschulden.

Alleine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten über 300 000 Menschen aus der Schweiz aus. Seit wann ist die Schweiz ein Einwanderungsland?

Erst seit dem Zweiten Weltkrieg kann man die Schweiz wirklich als «Immigrationsland» bezeichnen. Aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine starke Einwanderungswelle. Um 1900 kam etwa ein Drittel der baselstädtischen Bevölkerung aus dem Ausland. Zuvor verlief die Migration nach Wirtschaftszyklen, und bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg wanderten viele Menschen aus. Heute beschränkt sich die Emigration auf einige wenige Branchen, etwa Landwirte, Ingenieure oder Banker. Diese bleiben aber oft nicht für immer, sondern kehren nach zwei oder drei Jahren wieder zurück in die Schweiz.