Baselbiet
Warnsignal nervt Anwohner – zu Stosszeiten bimmelt es fast pausenlos

Die BLT stellt immer mehr Warnsignale auf, um die Fussgänger vor dem herannahenden Tram zu warnen. Ein Nebeneffekt: Anwohner nerven sich über das Gebimmel. Es vertreibt sogar Hotelgäste.

Benjamin Wieland
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Wegen dieses Warn-Pfostens öffnet der Binninger Daniel Suter seine Fenster nicht mehr.

Wegen dieses Warn-Pfostens öffnet der Binninger Daniel Suter seine Fenster nicht mehr.

Nicole Nars-Zimmer

Daniel Suter mag Indianer. Als Kind habe er Winnetou-Bücher verschlungen, sagt er.

Den Indianer bei der Tramhaltestelle vor seinem Haus kann der Binninger aber gar nicht leiden. Es ist ein sogenannter Gleis-Indianer: Sobald sich ein Tram nähert, fängt der Pfosten an zu blinken und zu bimmeln, als Warnung an die Fussgänger. «Das Gebimmel ist kaum auszuhalten», klagt Suter. «Vor allem zu Stosszeiten ist das Gerät fast pausenlos am Bimmeln».

Suter wohnt bei der Tramstation Bottmingermühle in Binningen. Im Januar installierte die Baselland Transport (BLT) an beiden Enden der Perrons je einen Warnpfosten – seither verfolgt Suter das Bimmeln fast den ganzen Tag: «Zuhause muss ich immer die Fenster schliessen», sagt er. «Und weil das Büro, in dem ich arbeite, auch bei der Station liegt, habe ich nicht einmal dort Ruhe vor dem Ding.»

Jede zweite Minute bimmelts

Die Pfosten, rund einen halben Meter hoch, machen sich bemerkbar, sobald sich beim Bahnübergang vor der Station die Schranken schliessen – ist das Tram vorbeigefahren, verstummen sie wieder. Das dauert etwa eine Minute. Da jedoch zwei Linien, die 10 und die 17, die Station bedienen, läutet es zu Stosszeiten fast ununterbrochen. So halten zwischen 7 und 8 Uhr morgens insgesamt 31 Trams.

Nora Jauslin betreibt bei der Station Bottmingermühle die gleichnamige Gaststätte. Sie störe das Gebimmel nicht, sagt sie – ihre Kundschaft aber schon. Einer der beiden Pfosten steht genau vor dem Gebäude und damit auch exakt unter den Fenstern der Gästezimmer. «Die Gäste, die bei uns übernachten, sind wenig begeistert, dass sie auch noch im Bett vor einfahrenden Trams gewarnt werden.»

Die BLT stellt sich auf den Standpunkt, die Gleis-Indianer würden der «Erhöhung der Sicherheit bei Übergängen» dienen. Dies treffe auch bei der Haltestelle Bottmingermühle zu, sagt Fredi Schödler, Leiter Betrieb und Technik beim Transportunternehmen. Der Übergang liege auf dem Schulweg vieler Kinder. Der letzte schwere Vorfall datiert vom November 2010: Damals sprang ein sechsjähriger Knabe direkt vor einen Tramzug und wurde schwer verletzt. Danach habe man nach Lösungen gesucht, sagt Schödler. Dabei seien auch Elternverbände und die Gemeinde involviert gewesen – beide hätten die Massnahme begrüsst.

Binningen ist aber nicht der erste Ort, an dem die Personenwarnpfosten – so lautet ihr korrekter Name – zum Einsatz kommen. Der erste ging vor über sechs Jahren in Betrieb, sagt Schädler, heute hat es solche auch in Münchenstein, Reinach, Oberwil und Arlesheim.

Die Warnsignale sind Teil der des Programms «Sicherung der Bahnübergänge» des Bundesamts für Verkehr. Auch in Basel steht ein Indianer: Er warnt an der Station Hirzbrunnen/Claraspital Velofahrer; zuvor gab es dort mehrere tödliche Unfälle.

«System stumpft Kinder ab»

Daniel Suter wiederum zweifelt den Nutzen der Pfosten an – zumindest bei der Bottmingermühle, denn die Station sei übersichtlich und gerade. «Ich bin auch für mehr Sicherheit. Aber dieses System stumpft die Kinder ab. Es wird nicht mehr ernst genommen, wenn es ständig warnt.» Er habe schon häufig Kinder beobachtet, die achtlos an den bimmelnden Pfosten vorbei gelaufen seien. Erst kürzlich habe ein BLT-Mitarbeiter die Anlage kontrolliert. «Ich habe ihn angesprochen und gefragt, was er von ihnen halte», sagt Suter. Er habe den Kopf geschüttelt und gesagt, die Dinger seien «ein Blödsinn» und «reines Alibi».

Das will Fredi Schödler so nicht gelten lassen. Die Technik habe sich bewährt, sagt er. Das Lichtsignal befinde sich auf Augenhöhe von Kindern. Diese würden sehr gut auf sie ansprechen. «Übliche Rotlichter befinden sich ja auf rund zwei Metern Höhe, weshalb Kinder diese übersehen.»

Restaurant-Inhaberin Jauslin entgegnet, dass die BLT das Gebimmel zumindest nachts abstellen sollte: «Dann sind ja keine Schulkinder unterwegs.» So aber dauere die Nachtruhe nur wenige Stunden. Ein Blick auf den Fahrplan bestätigt: Das erste Tram verkehrt um 4.48 Uhr in der früh, das letzte um 1.18 Uhr, Freitag und Samstag sogar noch eine halbe Stunde später. Schödler entgegnet, dass die Signale bereits heute beim Eindunkeln leiser würden: Die Pfosten hätten Lichtsensoren.

Wie Suter berichtet, hat die BLT gestern bereits reagiert. Zwei Mitarbeiter hätten die Pfosten inspiziert. Und die BLT bestätigt auf Anfrage, dass die Nachtlautstärke «auf ein zulässiges Minimum reduziert» worden sei.

Für Suter ein schwacher Trost. Er sagt, es sei noch immer zu laut.

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