Gelterkinden
Vorzeigefrau der Kantonalbank knackte mehrere Männerdomänen

Esther Freivogel war die Vorzeigefrau bei der Baselbieter Kantonalbank – jetzt geht sie in Pension. Damit geht ein Stück Frauengeschichte zu Ende. Die Spuren, die Freivogel hinterlässt, sind dafür umso beeindruckender.

Andreas Hirsbrunner
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Esther Freivogel vor «ihrem» Kantonalbank-Sitz in Gelterkinden. Am kommenden Donnerstag hat sie ihren letzten Arbeitstag. Kenneth Nars

Esther Freivogel vor «ihrem» Kantonalbank-Sitz in Gelterkinden. Am kommenden Donnerstag hat sie ihren letzten Arbeitstag. Kenneth Nars

Für die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) geht Ende März ein Stück Geschichte zu Ende, ein Stück Frauengeschichte präziser ausgedrückt. Und da die BLKB in diesem Bereich zumindest im Kader schmal auf der Brust ist, ist die Spur, die Esther Freivogel (62) hinterlässt, umso beeindruckender: Sie war bankintern die erste Frau an der Kasse, die erste Frau, die das Bankbeamtendiplom erwarb und die erste Frau, die eine Niederlassung leitete und dem Direktorium angehörte. Jetzt lässt sich Freivogel nach 24 Jahren als Chefin des Gelterkinder Sitzes und nach 45 Dienstjahren bei der BLKB, wo sie schon die Lehre absolvierte, vorzeitig pensionieren.

Freivogel hatte während ihrer Karriere die für Pioniere typischen Begleiterscheinungen hinzunehmen, die von Achtung bis Skepsis reichten. Im grossen Ganzen habe ihr Umfeld positiv auf ihre Vorreiterrolle reagiert, in Gelterkinden hätten sich anfänglich aber schon einige Kunden gewundert, dass sie plötzlich einer Frau gegenüberstanden. Nie sei ein Geschäft aber wegen ihres Geschlechts gescheitert, versichert Freivogel.

Sie, die gegen Quoten ist, aber für gleiche Möglichkeiten von Mann und Frau eintritt, sagt aber auch: «Wenn ein Fehler passiert, wird das bei einer Frau kritischer angeschaut.» Auch habe sie die Erfahrung gemacht, dass in der Bankenwelt Äusserliches wie Kleidung und Frisur bei einer Frau mehr ins Gewicht falle als bei einem Mann.

«Keine Fester ohne Esther»

Und wie erklärt sie sich, dass noch heute Frauen im obersten Kader der BLKB Exotinnen gleichkommen? «Die Bankspitze möchte noch so gern Frauen fördern. Doch nur wenige sind bereit, sich auch zeitlich überdurchschnittlich zu engagieren, weil das nicht mit ihren familiären Verpflichtungen vereinbar ist.» Bei Freivogel selbst waren Einsätze nach Feierabend und an Wochenenden die Regel, wenn zum Beispiel die BLKB Gelterkinden als Sponsorin zu Anlässen eingeladen wurde. Im Oberbaselbiet macht denn auch das Bonmot «Keine Fester ohne Esther» die Runde. Dieses Engagement sei ihr als zweifacher Mutter nur dank der Hilfe ihrer Eltern und einer Schwester möglich gewesen, sagt Freivogel.

Dazu zeichnet sie eine gehörige Portion Mut aus, sich ins kalte Wasser zu werfen. Denn als Freivogel die Gelterkinder Filiale übernahm, hatte sie null Erfahrung mit der Vergabe von kommerziellen Krediten und Hypotheken. Und als sie ein langjähriger Mitarbeiter bei ihrem Start übers Land fuhr und ihr erklärte, wer wer sei und auf was es zu achten gelte, hätte sie nie gedacht, dass sie über zwei Jahrzehnte später mit den gleichen Detailkenntnissen ihren Nachfolger einführen würde – wieder ein Mann namens Marco Sanvito.

Politik hatte keinen Platz mehr

Dass Freivogel den oberen Kantonsteil fast wie ihre Westentasche kennt, hat aber nicht nur mit ihrer beruflichen Situation zu tun: Freivogel hatte auch eine Fülle von Ämtern inne. So war oder ist sie Mitglied in diversen Gremien in ihrem Wohnort Ormalingen, im Vorstand des Gewerbevereins Gelterkinden und Umgebung, in der Stiftung Kirchen- und Schulgut, in der Verwaltungskommission der Gebäudeversicherung, Präsidentin der Spitex Gelterkinden und Umgebung und so weiter. Und von 1983 bis 1987 sass sie als Parteilose für die EVP auch im Landrat, heute fühlt sie sich politisch bei der SVP zu Hause, «beim Berner Flügel», wie sie betont.

Dass sie sich nach nur einer Amtsperiode aus dem Kantonsparlament verabschiedete, hatte nichts mit mangelnder Polit-Lust zu tun. Im Gegenteil: Freivogel, damals hiess sie noch Schmutz, fand ausserordentlichen Gefallen an ihrer Arbeit in der Geschäftsprüfungskommission, die sogenannte Watrag-Affäre – Watrag stand für Wasserfallen Transport AG – aufarbeitete. Doch weil Freivogel 1986 ihr zweites Kind gebar, hiess die Frage für sie: Familie und Politik oder Familie und Beruf. Als eingefleischte Kantonalbänklerin entschied sie sich für Letzteres.

Ein langjähriger Begleiter Freivogels war Paul Hug. Er war während ihrer Landratszeit Fraktionspräsident der SVP – die Vertreter der EVP und der Liberalen bildeten damals mit der SVP eine Fraktionsgemeinschaft. Er sass mit Freivogel in der Geschäftsprüfungskommission und er begutachtete später als Bankrat ein halbes Dutzend Mal Freivogels Filiale in Gelterkinden. Hug schildert Freivogel als vielseitig interessiert, engagiert, hilfsbereit, immer aufgestellt und selbstständig «mit einem wahnsinnig guten Draht zum Oberbaselbieter Umfeld». Entsprechend weh habe es ihr getan, als ihr die BLKB im Rahmen einer Reorganisation Kompetenzen weggenommen und ans übergeordnete Regional-Zentrum Sissach verschoben habe, sagt Hug.

So unkonventionell wie Freivogels berufliche ist auch ihre private Leidenschaft: Sie liebt den Norden über alles, hat Dänisch gelernt, hat Freunde in Skandinavien und reist natürlich auch immer wieder nordwärts. So kürzlich nach Grönland und demnächst mit dem Schiff über den Atlantik nach Neufundland und den St. Lorenz-Strom hinauf. Freivogel sagt: «Der Norden ist meine zweite Heimat, vor allem Dänemark. Mir gefällt die Mentalität und die eher gemütliche Lebensart, in der man sich mehr Zeit nimmt.»

Und dann dürfte da auch noch etwas Unausgesprochenes mitspielen: In Skandinavien stehts besser um die Gleichberechtigung der Frauen und sie sind in den Firmenleitungen keine Exotinnen.

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