Glücksspieol
Spielsüchtiger: «Ich baute mir ein Lügengebäude auf»

Noch bis Mitte Juli läuft eine Sensibilisierungs-Kampagne von zehn Deutschschweizer Kantonen über die Risiken des Glücksspiels. In der bz erzählt ein Spielsüchtiger über das Spielen, das zur Droge werden kann und wieso ihm die Therapie hilft.

Nils Hänggi
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Auch im Internet lauert die Gefahr des Glückspiels. Es gibt unzählige Apps. Martin Töngi

Auch im Internet lauert die Gefahr des Glückspiels. Es gibt unzählige Apps. Martin Töngi

Martin Toengi

Ein Leben, komplett auf das Spiel ausgerichtet. Manuel R. (Name der Redaktion bekannt) ist seit seiner Jugend spielsüchtig. Die bz trifft sich mit dem Mittfünfziger im Restaurant Laufeneck im Gundeli. Manuel R. kommt in gepflegter Kleidung. Es ist warm und die Sonne scheint, als er beginnt, über seine Sucht zu sprechen.

Manuel R. , was löste Ihre Sucht aus?

Manuel R.: Ich weiss nicht recht. Ich denke, das waren Spielautomaten in Spielsalons. Und grundsätzlich der Glaube, dass man gewinnt, wenn man schlau genug ist.

Und das Gewinnen ist auch der Reiz des Spielens?

Am Anfang sicherlich. Mit der Zeit merkt man dann, dass das Gewinnen nicht so einfach ist. Man meint, dass man dafür ganz clever sein muss.

Kampagne: Spielen ohne Sucht

Noch bis Mitte Juli läuft eine Sensibilisierungs-Kampagne von zehn Deutschschweizer Kantonen über die Risiken des Glücksspiels. Mit Plakaten, Bierdeckeln und Postern, über den Jugendsender Joiz und auf Social Media beleuchtet die Kampagne die Mechanismen und Auswirkungen einer Glücksspielsucht aus der Perspektive von Betroffenen und weist auf die Gefahren hin. Gleichzeitig wird mit der Website und Helpline von SOS-Spielsucht.ch auf ein Hilfsangebot hingewiesen, das seit 2012 besteht und nun kontinuierlich erweitert wurde.

Aber wenn man sich der Schwierigkeit bewusst ist: Wieso spielt man?

Am Anfang ging es darum, Zeit totzuschlagen. Vor allem dann, wenn man einfach nichts anderes zu tun hat. Später dann, wenn man im Leben steht, ist es entweder Stressbewältigung oder der Versuch, sich irgendwie grössere Macht zu verschaffen. Ein Versuch, Allmachtsfantasien zu befriedigen. Denn zu meinen Anfängen waren die möglichen Gewinne nicht hoch: Mit 1 Franken konnte man 100 Franken gewinnen. Aber das sind vergangene Zeiten. Heute kann man mit einem Franken 5000 gewinnen. Und das hat ganz andere Auswirkungen. Man denkt: «Ich kann es – die anderen nicht!». (Überlegt) Wir waren bei der Frage, wie ich zum Spielen kam. Aber das ist gar nicht so relevant. Wichtig ist doch, ob ich mit 16 meine 100 Franken verspielt habe, oder ob mit 30 meine ganzen Löhne.

Haben Sie einmal einen Jackpot geknackt?

Nein, nie. Gewonnen schon. Das sind Gefühle, die jeder Spieler erlebt. Man gewinnt und dieses Gefühl möchte man wieder haben, man spielt also wieder und sucht Möglichkeiten. Und die werden ja reichlich angeboten mit all den Jackpots bei Euromillions. (Überlegt) Wissen Sie, das Wort Allmachtsfantasien ist sehr wichtig. Mit der Zeit, wenn der Spieler schon länger dabei ist, hat er viel Zeit verloren, viel Geld verspielt. Daraus entstehen Probleme, die immer grösser werden. Und auch die Gewinnillusion und der Gewinnwunsch werden derart gross, dass der Spieler immer weiter spielt. Deshalb passt das Wort Allmachtsfantasien sehr gut: Man ist ohnmächtig, man hat kein Geld, keine Ressourcen mehr. Das Umfeld lässt einen allein und man ist überall verschuldet. Darum denkt der Spieler mit der Zeit, dass er mit dem grossen Gewinn alle Probleme auf einmal lösen kann.

Wie lange dauerte es, bis Sie Hilfe suchten?

Ich suchte nie selber Hilfe – ich wurde dazu von meinem Umfeld gedrängt. Es hiess Entweder-oder. Ohne dieses Drängen hätte ich nie Hilfe angenommen. Ich merkte zwar, dass ich süchtig bin, aber dass ich Hilfe benötigte, war mir nicht klar. Bis ich es dann machen musste, weil ich gedrängt wurde und ich das Spielen vor meine Familie stellte. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich zur Therapie gedrängt wurde.

Wie oft gingen Sie zu Ihren schlimmsten Zeiten ins Spielcasino?

Täglich mehrere Stunden. Einfach so oft wie möglich. Lange war ich der Meinung, dass ich nicht oft im Casino sei und das es mein Umfeld gar nicht merken würde. Irgendwann kam dann aber der Crash. Ein Crash in dem Sinne, dass das ganze Geld weg war. Dadurch geriet ich in finanzielle Schwierigkeiten. Erst dann wurde mir bewusst, dass mein Verhalten nicht normal war. Ich konnte mich nicht aufraffen, selber Hilfe zu suchen. Die Scham war viel zu gross. Deshalb ist es so wichtig, dass das Umfeld eines Süchtigen reagiert. Es muss die Gefahr erkennen und dem Betroffenen helfen.

Seit sechs Jahren befinden Sie sich in ambulanter Behandlung. Wie sieht die Therapie aus?

Wir reden die meiste Zeit. Was aber wichtig ist: Wir reden über alles. Denn Süchtige, die eine Familie haben, müssen dieser ja erklären, was sie die zwei bis drei Stunden pro Tag machen, wenn sie im Casino sind. Ich baute mir riesige Lügengebäude auf, die ich immer am Leben halten musste. Das löst einerseits einen enormen Stress aus und andererseits eine Unfähigkeit, über Alltägliches zu reden. Mir war es nicht möglich, über meine Probleme zu reden, und darum ist das Reden darüber so hilfreich. Ich kann die Probleme ansprechen. Wenn ich mich selber über die Problematik reden höre, wird mir das Ausmass der Sucht bewusst. Und wenn ich dann noch mit anderen Spielsüchtigen in der Gruppentherapie reden kann, hilft das auch sehr. Man muss sich der Sucht bewusst werden.

Sie gehen nicht mehr ins Casino?

Nein. Aber in der Zwischenzeit gibt es Internetcasinos. Die sind die schlimmste Versuchung – und da bin ich noch immer betroffen. Aber ich möchte klarstellen, dass die Therapie nützt. Wenn man keinen Ort hat, wo man über Probleme sprechen kann, kommt der Suizidgedanke immer häufiger auf.

Ihre Sucht hatte drastische Auswirkungen: Privatkonkurs, Scheidung, Verschuldung im Umfeld.

Ich habe auch ein Kind, das ich selten sehe und bin gesundheitlich angeschlagen. Das alles wegen des Spielens. In der Gruppentherapie stellte ich auch fest, dass ich ein atypischer Fall bin. Ich spiele seit 40 Jahren – andere fangen erst in einem höheren Alter an und hören auf, wenn sie kein Geld mehr haben. Bei mir ist es anders. Mein Umfeld wusste von Anfang an, dass ich spiele. Doch bis zum Privatkonkurs hatten sie keine Ahnung, wie schlimm es ist. 1998 wurde das meiner Frau bewusst. Zwei Jahre hielt sie es aus, dann trennte sie sich. Dann war ich wieder alleine und kannte überhaupt keine Grenzen mehr.

War es eine schwierige Entscheidung für Sie, offen über ihre Sucht zu sprechen?

Ja, es ist mir enorm schwergefallen. Doch ich habe im Rahmen meiner Therapie gemerkt, dass ich gerne Plattformen habe und die Leute auf die Gefahr des Spielens hinweisen möchte. Ich finde es gut, dass eine Sensibilisierung stattfindet. Denn bei der Spielsucht erkennt man die Betroffenen nicht auf den ersten Blick. Ein Heroinsüchtiger fällt durch seine äussere Erscheinung sofort auf. Ein Spielsüchtiger aber sieht normal aus.

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