Nähkästchen
SP-Landrätin Mirjam Würths unbekannte Seite: «Ich war mitten unter Bären und Wölfen»

Mirjam Würth plaudert aus dem Nähkästchen. Über neue Prioritäten, alte Abenteuer und Grizzlybären.

Michael Nittnaus
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Mirjam Würth öffnet das Nähkästchen in der Kantonsbibliothek Baselland und zieht den Begriff «Fremde Welt».

Mirjam Würth öffnet das Nähkästchen in der Kantonsbibliothek Baselland und zieht den Begriff «Fremde Welt».

Kenneth Nars

Frau Würth, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

Mirjam Würth: Fremde Welt.

Was ist die erste Assoziation, die Ihnen dabei in den Sinn kommt?

Ich musste sofort daran denken, dass wir hier genau am richtigen Ort sitzen, nämlich in einer Bibliothek. Denn ich komme oft hierher, wenn ich Dinge suche, die ich zu Hause nicht habe. Das können andere Länder, andere Sprachen, neue Rezepte sein. Hier öffnet sich mir immer ein Tor zu einer fremden Welt.

Was viele nicht wissen dürften: Sie verbrachten Ende der 1980er, Anfang der 90er Jahre längere Zeit in Alaska – und zwar als Park Ranger im Nationalpark.

Ich bin eben von Natur aus ein sehr neugieriger Mensch. Während meines Biologie-Studiums konnte ich ein halbjähriges Berufspraktikum im Nationalpark von Alaska machen. Das reichte mir aber noch nicht, sodass ich nach meinem Studium nochmals nach Alaska zurückkehrte und als Parkhüterin arbeitete.

Wenn man Sie nur als Politikerin kennt, eine spezielle Vorstellung: Mirjam Würth mitten unter Grizzlybären?

Es war tatsächlich so abenteuerlich, wie Sie sich das jetzt wohl vorstellen. Zuerst hatte ich ziemlich Angst, dass hinter jedem Baum ein Grizzlybär steht, der nur auf mich wartet. Doch das war überhaupt nicht so, denn diese Tiere sind sehr scheu. Am Ende war ich diejenige, die auf die Suche nach den Bären ging und es dauerte lange, bis es mir gelang, einem Tier nahe zu kommen.

Was mussten Sie als Park Ranger denn dort genau machen?

Bei meinem zweiten Engagement dort bekam ich den Auftrag, auf der Halbinsel im Südwesten Alaskas ein unberührtes Gebiet naturtouristisch zu erschliessen. Ich wurde dorthin geflogen und ausgesetzt. Dann begab ich mich auf Bärenpfaden auf die Suche nach geeigneten Stellen, wo man schlafen, Essen aufbewahren oder Wasser beschaffen konnte. Da war ich also tatsächlich mitten unter Bären und Wölfen.

Und das ganz alleine?

Nein, ich ging zusammen mit meinem Partner (der stellvertretende Baselbieter Kantonsingenieur Urs Roth, Anm. d. Red.), der schon seit 35 Jahren an meiner Seite ist. Wir zwei waren auf uns allein gestellt, ohne einheimischen Guide, zelteten bei Minus 20 Grad, während die Wölfe draussen heulten. Das war ein wahnsinniges Gefühl.

Das heisst: Sie sind abenteuerlustig.

Ich bin eher sehr neugierig. Kaum zurück aus Alaska, reiste ich für meine Doktorarbeit nach Panama, wo ich die Auswirkungen von CO2 auf die tropischen Regenwälder untersuchte.

Interessieren Sie sich als Biologin denn nur fürs Exotische, weit entfernt
Liegende oder auch fürs Baselbiet?

Ich bin generell sehr naturverbunden, interessiere mich für Tiere und Pflanzen, und zwar durchaus hier in der Region. Aber es interessieren mich eben auch die Protozoen im Süden Afrikas oder die Vikunjas in Südamerika. Mein Hauptplatz ist aber klar das Baselbiet, wo ich mich unter anderem für den Biber eingesetzt habe.

Das beweisen Sie auch mit ihrem Engagement für Pro Natura Baselland. Allerdings: Nach 18 Jahren als Präsidentin treten Sie heute Freitag zurück. Wollen Sie nochmals in fremde Welten aufbrechen?

Als 57-Jährige bin ich nun in den letzten zehn Jahren meines Berufslebens und habe mich intensiv mit meiner Zukunft befasst. Ich machte eine Standort- und Potenzialanalyse. Mein ganzes Leben habe ich eigentlich unter den Schirm der Nachhaltigkeit gestellt. Diese kann in drei Komponenten aufgeteilt werden: eine ökologische, materielle und soziale. Als Biologin und während zehn Jahren als Nachhaltigkeitsanalystin der Bank Sarasin konzentrierte ich mich bisher auf die ersten beiden Bereiche. Nun möchte ich mich sozial engagieren. Den Fokus lege ich dabei auf Integrationsarbeit.

Wo wollen Sie da etwas bewirken?

Zum einen arbeite ich mittlerweile für das Schweizer Arbeiterhilfswerk der Region Basel. Und vor einem Jahr habe ich den Verein Freiwillige für Geflüchtete Frenkendorf Füllinsdorf gegründet, der Menschen mit Fluchthintergrund bei der Integration hier unterstützen will.

Für Flüchtlinge ist das Baselbiet natürlich auch eine fremde Welt.

Es ist in ihren Augen vor allem eine heile Welt, ruhig und sicher. Das ist für viele eine schöne Erfahrung. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir ihnen erklären, wie alles funktioniert und abläuft.

Und wie reagieren umgekehrt wir auf die Fremden?

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Fremde vielen Angst macht. Schon alleine, weil wir deren Sprache nicht verstehen. Ich empfinde es aber als Bereicherung, denn es macht ein Fenster auf in eine andere Welt. Übrigens: Als ältere Frau wird mir von den Flüchtlingen oft viel Respekt entgegengebracht, weil das bei ihnen so üblich ist. Ich kann ohne Probleme mit drei afghanischen Männern alleine sein, ohne dass sie unhöflich werden. Sowieso mache ich in einem Punkt keine Kompromisse: Sie müssen sich an unsere Regeln halten.