Schreinerei Schneider
Schock für Prattler Firma: Stadler Rail beendet Kooperation – 70 Jobs gehen verloren

Stadler Rail baut seine Zug-Toiletten künftig selber. Die Schreinerei Schneider AG in Pratteln muss zwei Drittel der Belegschaft entlassen. Seitens Schneider AG wird Stadler hart angegangen: Dort habe man vergessen, dass hinter «jedem Entlassenen eine Familie steht».

Benjamin Wieland
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Zwei Drittel der Stellen weg: Schreinerei Schneider AG in Pratteln.

Zwei Drittel der Stellen weg: Schreinerei Schneider AG in Pratteln.

Kenneth Nars (13. November 2020)

«Traurig sitze ich vor meinem leeren Bildschirm und lasse meine Gedanken über die Tastatur allmählich auf dem Bildschirm zu diesem Text erscheinen.» Wenn der Verwaltungsratspräsident eines Unternehmens sich mit solchen Zeilen an seine Belegschaft richtet, kann das nichts Gutes verheissen.

Am vergangenen Montag wurden die Angestellten der Schneider-Gruppe darüber in Kenntnis gesetzt, dass man sich von 70 Mitarbeitenden trennen müsse. Betroffen ist die Tochterfirma Systemtech Schneider AG. Die Schreinerei Schneider AG und die Systemtech Schneider beschäftigen laut dem erwähnten Schreiben total 105 Mitarbeitende. Mit den Entlassungen müssen sich zwei von drei Angestellten neue Jobs suchen. Schon im Januar hatte die bz darüber berichtet, dass es beim Prattler Traditionsunternehmen zu neun Entlassungen gekommen war.

Die Geschäftsleitung begründet den Stellenabbau im Brief an die Belegschaft mit dem «durch die Coronakrise hervorgerufenen Bestellrückgang» und mit verschobenen Montageterminen. Betroffen sei vor allem die «Komponentenfertigung für die Fahrzeug- und Waggonindustrie». Mit einem Hauptkunden seien zudem Verhandlungen gescheitert. Er habe entschieden, bereits bestellte Produkte «nicht mehr bei uns in Pratteln», sondern selber herzustellen. Der Ausfall betrage 80 Prozent. Das könne man, heisst es weiter, «mit keinen Massnahmen der Welt wettmachen».

VR-Präsident Andreas Schneider, der auch die Wirtschaftskammer Baselland präsidiert, nennt den aus seiner Sicht Hauptschuldigen am Niedergang von Systemtech Schneider beim Namen: Stadler Rail.

Harsche Vorwürfe an den vormals grössten Kunden

Systemtech Schneider beliefert Stadler Rail mit Zugtoiletten. Das modulare WC-System wird unter dem Namen Toilino beworben. «Was in den letzten Tagen abgelaufen ist, versteht keiner von uns», schreibt Schneider. Das Ablehnen des Angebotes an Stadler, das beiden Betrieben Vorteile geboten habe, beweise «einmal mehr die Undurchsichtigkeit einer grossen Unternehmung». Stadler Rail habe «scheinbar vergessen, dass hinter jedem Mitarbeiter eine ganze Familie steht».

Die «Schweiz am Wochenende» sprach mit einem betroffenen Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Er sagt, die Probleme der Sparte Zugtoiletten hätten schon vor der Coronakrise begonnen. Lieferanten seien so spät bezahlt worden, dass sie nicht mehr liefern wollten. Mit der Produktion sei man derart in Rückstand geraten, dass Stadler der Geduldsfaden riss. Die Thurgauer seien mit LKW in Pratteln vorgefahren und hätten kurzerhand das gesamte Lager für den WC-Bau abtransportiert. «Man bot uns an, eine Weile im Werk Altenrhein zu arbeiten», sagt der entlassene Mitarbeiter.

Stadler Rail wehrt sich

Von der Schreinerei Schneider AG war gestern keine Stellungnahme erhältlich. Stadler Rail schreibt, man weise die Vorwürfe «mit aller Deutlichkeit zurück». Noch im Frühjahr 2020 wäre eine Lösung möglich gewesen, welche die Fortsetzung des Betriebs erlaubt hätte. «Leider hat Systemtech Schneider sämtliche Lösungsvorschläge abgelehnt.»

Stadler habe Materialien für die eigenen Aufträge übernommen. Erste Anstellungsgespräche mit Schneider-Mitarbeitenden seien im Gang.