Rothenfluh
Pfarrersfrau hält Kaninchen im Pfarrhaus: Das Dorf ist in Aufruhr

Die Frau des Rothenfluher Pfarrers hat im früheren Sitzungszimmer des Pfarrhauses eine Auffangstation für Kaninchen eingerichtet. Die Mehrheit der Kirchgemeinde befürwortete das Gesuch, worauf der Kirchenpflegepräsident demissionierte.

Simon Tschopp
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Das Pfarr-Ehepaar Lukas und Esther Baumann hat wegen der «Kaninchen-Affäre» strube Wochen hinter sich.

Das Pfarr-Ehepaar Lukas und Esther Baumann hat wegen der «Kaninchen-Affäre» strube Wochen hinter sich.

Nicole Nars-Zimmer

«‹Chüngel› gehören doch nicht in den Wohnbereich.» «Die Informationspolitik der Kirchenpflege war sehr mangelhaft, deshalb ist alles aus dem Ruder gelaufen.» «Die Kirchenpflege hat doch noch reagiert, aber zu spät.» Einige Einwohnerinnen und Einwohner von Rothenfluh machten am Donnerstagabend ihrem Unmut Luft an einer Orientierungsversammlung der Kirchgemeinde. Diese sah sich zu diesem Anlass gezwungen wegen der «Kaninchen-Affäre» im Pfarrhaus.

Worum gehts? Esther Baumann, die Frau des Rothenflüher Pfarrers Lukas Baumann, hat im früheren Sitzungszimmer des Pfarrhauses eine Auffangstation für Kaninchen eingerichtet. Zuvor stellte die leidenschaftliche Tierschützerin und ausgebildete Tierbetreuerin, seit Juni Mitglied des Vereins Pro Kaninchen, Anfang Jahr bei der Kirchenpflege dafür ein Gesuch. Die Kirchgemeinde ist Vermieterin des Pfarrhauses. Laut Mietvertrag ist Tierhaltung erlaubt. Die Mehrheit des Gremiums befürwortete das Gesuch, was bei Kirchenpflegepräsident Erich Erny das Fass zum Überlaufen brachte. Er stellte sein Amt per Ende Juli zur Verfügung.

Petition brachte Wende

Die Kirchenpflege kommunizierte diese Demission zwar in den Gemeindenachrichten, auf die Gründe ging sie jedoch nicht ein. Was sich als Fehlleistung herausstellte. Medien bohrten, es folgten Leserbriefe, und im Dorf brodelte die Gerüchteküche. Im Juli trat der einheimische SVP-Landrat Hans-Urs Spiess auf den Plan, lancierte eine Petition und sammelte über 100 Unterschriften. Damit wollte er Druck aufsetzen, damit die Kirchenpflege auf ihren Beschluss zurückkommt.

Die Petition wirkte. Die Behörde, überrascht vom Sturm der Entrüstung, setzte sich mit der Ehefrau des Pfarrers zusammen und machte im Einverständnis mit ihr den Entscheid am 18. August rückgängig. «Wir hätten auch ohne Petition so gehandelt», versicherte Fritz Häuselmann, der interimistische Kirchenpflegepräsident, am Donnerstag. Kirchenpflegerin Sharon Straulino warb um Verständnis und zeigte sich ob der grossen Empörung sprachlos. «Ich würde nicht mehr zustimmen, wenn ich gewusst hätte, was alles folgt.»

Die Kaninchen hausen seit Mitte Monat nicht mehr im Sitzungszimmer. Wo sie jetzt sind, will Esther Baumann nicht sagen. Das Sitzungszimmer wird seit Anfang 2014 nicht mehr für den eigentlichen Zweck benutzt, weil es zu ringhörig ist. Die Diskretion sei nicht gewährleistet, sagt Pfarrer Lukas Baumann.

An der gut besuchten Versammlung am Donnerstagabend, an der gegen 60 interessierte Personen teilnahmen, sollten die Worte von Esther Baumann über ihr Projekt Kaninchenpension Kunterbunt für Aufklärung sorgen. Dennoch wurde die Diskussion teils emotional geführt. Es gab aber auch Leute, die Sachlichkeit in die Debatte brachten. Die Kirchenpflege musste sich wegen ihrer mangelhaften Informationspolitik einiges anhören lassen. Auch wurde sie für ihren Entscheid, der viele vor den Kopf gestossen hatte, stark gerügt. Zudem diskutierten die Versammlungsteilnehmer über artgerechte Haltung von Kaninchen – drinnen oder draussen; die Meinungen gingen weit auseinander.

«Unter der Gürtellinie»

Sein Fett ab bekam ebenfalls das Pfarr-Ehepaar. Einige Vorwürfe hatten jedoch nicht direkt mit der Kaninchenhaltung im Pfarrhaus zu tun. «Das Ganze ist eine emotionale Retourkutsche der Dorfbevölkerung», zeigte sich ein Landwirt überzeugt. Offenbar geniessen Esther und Lukas Baumann nicht überall Sympathien.

Zum Schluss fragte Esther Baumann in die Runde: «Wer ist überhaupt für mich?» Mehrere Hände schnellten nach oben von Personen, die nicht in die Diskussion eingegriffen hatten. Die Pfarrfrau fühlt sich «verletzt», sie habe viele Reaktionen «unter der Gürtellinie» erhalten, aber auch positive. Toni Nyffeler, einst 15 Jahre Präsident der Kirchenpflege, lobte Esther Baumanns Einsatz für Tiere. Er wies aber darauf hin, dass das Pfarrhaus eine Geschichte habe und sich viele Leute mit diesem Gebäude verbunden fühlten. «Die Kaninchenhaltung im Sitzungszimmer hat die Rothenflüher aus der Fassung gebracht, die emotionale Ebene ist sehr stark angegriffen worden», sagte Nyffeler.

Nach der Versammlung meinte Esther Baumann, dass sie keinen Schritt weiter sei. Ihr Mann, Lukas Baumann, gab sich lockerer: «Ich fühle mich befreit.» Der dickste Rauch in Rothenfluh hat sich nach der «Kropfleerete» verflüchtigt. Einige Schwaden sind aber noch sichtbar. Wenn die Kirchenpflege die richtigen Lehren aus dieser Angelegenheit zieht und künftig sensibler handelt, ist sie auf dem richtigen Pfad. Aber es wird noch eine Zeit lang dauern, bis Gras über die Sache gewachsen ist.

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