Landzunge und Stadtmund
Ich hab meine Meinung – verwirr mich nicht mit Fakten

Eva Oberli
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Mit dem Lügen kommt die Aufmerksamkeit.

Mit dem Lügen kommt die Aufmerksamkeit.

Kenneth Nars

Sprechen wir doch mal über Wahrheit. Oder eher darüber, was aus der Wahrheit geworden ist. Faktenresistent ist die Wahrheit geworden. Und mit ihr ihre Rezipienten. Was nicht in unser Weltbild, in unsere Wahrheit passt, glauben wir einfach nicht. Fakten müssen für uns nicht mehr wahrheitsbasiert, sondern nützlich in der Diskussion sein. Weil unsere Meinung eben unsere Meinung ist, egal auf welchem Fundament dabei die Argumentation baut.

Die Wahrheit ist kein festes Gut mehr, nirgends mehr. Kein Grundrecht, keine Verlässlichkeit in Zeiten von Fake News, Lügenpresse und reisserischer Betitelung. Kommerzzweck und Klickzahlen sind wichtiger als die Abzüge im Karmabereich fürs Lügen. Und es funktioniert, weil mit dem Lügen die Aufmerksamkeit kommt. Die Wahrheit zu sagen, ist weniger relevant, als die Unwahrheit zu sagen. Ein Regierungsoberhaupt welches nur wie alle anderen Regierungsoberhäupter beteuert, dass ihm das Wohlergehen der Landesbevölkerung am Herzen liegt, bekommt eben nicht dieselbe Aufmerksamkeit, wie ein Regierungsoberhaupt, welches anratet, man solle sich zu gesundheitlichen Präventionszwecken Desinfektionsmittel spritzen. Ein intravenöser Schuss ins Blut der Menschen und in die Revolverpresse der Welt. «Man sollte ihn dafür hängen, solchen Mist zu verbreiten!», brüllen wir dann, wenn wir mit chemisch verätzen Venen im Krankenhaus liegen. Andererseits, sind wir nicht selber schuld, wenn wir nicht selber nachdenken? Jedem Kind, das auf die heisse Herdplatte fasst, sagen wir «Denk doch nach, Liebes!». Aber wenn wir selber merken, dass der Boden heiss wird, warten wir auch, bis uns die Füsse anbrennen. Und hinterher ist der Rauchmelder schuld, der uns nicht rechtzeitig gewarnt hat. Vorbildfunktion, oder was?

Wir könnten es auch so sehen: Die Verwässerung der Wahrheit ist ein Appell an uns, den eigenen Verstand zu gebrauchen. «Überlegen macht überlegen», sagt ein altes Sprichwort. Und an sich wäre es durchaus wünschenswert, dass wir nicht mehr kopflos allen Aussagen und Predigten hinterherlaufen wie der Melodie des Rattenfängers von Hameln. Doch dabei sei bedacht, wenn wir die Wahrheit suchen, kann es unangenehm werden. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir eingestehen, dass die Wenigsten es ertragen, die Wahrheit ungefiltert ins Gesicht gesagt zu bekommen. Auch wenn alle immer sagen, Ehrlichkeit und Wahrheit sei ihnen das grösste Gut. Das trifft nur bei dem zu, was sie selber auch hören wollen. Und sagt man mal etwas, das zwar ehrlich aber unschön ist, ist allen dann doch ein netter Euphemismus lieber. Oder noch besser, gar nichts mehr sagen. «Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, sollte man lieber schweigen.» Weil so Konfliktlösung funktioniert, oder was? Wollen wir die Wahrheit oder wollen wir das Wohlbefinden – das ist wohl die Frage. Müssen wir die klären? Oder habt Ihr alle schon eine eigene Meinung dazu?

Eva Oberli wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf und war bis zu ihrem Abschluss kürzlich Schülerin am Gym Muttenz.