Frachtbox GmbH
Er krempelt die Logistik-Branche um – dabei wollte er doch nur seine Ruhe

Der Allschwiler Mehmet Can entwickelte eine Art Booking.com für Fracht-Transporte. Das Bedürfnis ist offenbar gross: Sein Start-up, die Anfang 2019 gegründete Frachtbox GmbH, sorgt in der Türkei für Schlagzeilen und sucht nach Personal.

Benjamin Wieland
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«Break-even schon erreicht»: Unternehmer Mehmet Can.

«Break-even schon erreicht»: Unternehmer Mehmet Can.

Juri Junkov

Die besten Ideen kommen nachts, heisst es. Mehmet Can würde das sofort unterschreiben. Als er einmal nicht schlafen konnte, hatte er die Idee für Frachtbox, sein Start-up, das nur sechs Monate nach der Lancierung eine Niederlassung in Istanbul gegründet, einen Preis eingeheimst und neues Personal eingestellt.

Im Sommer vor drei Jahren, nach einem aufreibenden Tag, habe er sich im Bett hin- und hergewälzt, erinnert sich der gelernte Speditionskaufmann. Bis weit in den Feierabend hinein hätten ihn Kunden angerufen, um sich nach Preisen und Konditionen von Transporten zu erkundigen. Die Anrufer wussten: Can, Teilhaber einer Logistikfirma und seit Jahren im Business tätig, weiss Rat, hat alle Zahlen im Kopf – und vor allem: Er antwortet. «Ich helfe ja gerne», sagt Can. «Aber damals dachte ich mir: Das muss einfacher gehen. Es sollte möglich sein, dass die Kunden ihre Daten auf einer Website eingeben und sie ihnen gleich passende Angebote ausspuckt. Die Vision war eine Art Suchmaschine für Transporte.»

Vertretung in Istanbul als Tor zum Nahen Osten

Gedacht, getan. Zwei Jahre nach der ersten Idee machte Can ernst. Im Juni 2018 liess er die Frachtbox GmbH mit Sitz in Allschwil im Handelsregister eintragen. Kick-off war im Januar, schon im Monat darauf nahm die Niederlassung in Istanbul ihren Betrieb auf.

Richtig los ging es im Mai: UTA Logistic, ein türkisches Branchenmagazin, verlieh den Newcomern den Titel «Logistiklösung des Jahres». Danach hätten ihnen die Interessenten regelrecht die Bude eingerannt, sagt Can. Der Personalbestand wuchs von zu Beginn vier auf vierzehn Angestellte an. Zehn davon sind in der Türkei tätig, in dem Land, aus dem Cans Eltern stammen.

Nach halbem Jahr Break-even erreicht

Aber was macht diese Frachtbox GmbH genau? «Die Idee ist eigentlich simpel», sagt Can. «Wir bringen Transporteure mit den Kunden zusammen.» Der gebürtige Frenkendörfer empfängt die bz in seinem Büro am Allschwiler Lindenplatz, weit weg von den Logistik-Hotspots der Region wie Häfen oder dem Dreispitz, aber in Gehdistanz zu seiner Wohnung und zum Schulhaus Gartenhof – dem Ort, wo der Allschwiler Einwohnerrat tagt. Can sitzt seit April 2018 für die SP im Ortsparlament. Weil man sich für seinen Wohnort einsetzen soll, wie der Vater von zwei Kindern das politische Engagement begründet.

Herz der Frachtbox GmbH ist die Suchmaske. Will jemand Ware transportieren lassen, gibt er oder sie auf der Website Start und Ziel ein, dazu Art und Menge der Ladung, Gewicht und Transportdatum. Wie bei Flugbuchungsseiten listet Frachtbox.com in Sekundenschnelle Angebote auf. Auch Sonderwünsche können angeklickt werden, etwa Hochsicherheits- oder Kühltransporte sowie die Erledigung der Zollformalitäten.

Mit der Vermittlung der Transporte allein verdient Frachtbox nichts. Die Firma verzichtet auf Provisionen. Stattdessen bietet sie den Transporteuren eine Art Flat-rate-Abo an. Für 690 Euro pro Jahr dürfen sie so viele Angebote abgeben, wie sie wollen. Frachtbox-Mitarbeitende prüfen zuvor alle Interessenten, ob sie genügend versichert sind.

Der Abo-Preis scheint tief. Doch das zahle sich aus, sagt Can. Bislang hätten sich rund 1200 Transporteure registrieren lassen. Dadurch habe die GmbH den Break-even-Point schon erreicht – die Einnahmen würden die Kosten decken. Damit liegt das Start-up laut Can, der als Geschäftsführer und Hauptkapitalgeber amtet, bereits zwei Jahre vor dem Businessplan.

Ein Unternehmen, das sich bei Frachtbox registrieren liess, ist die Müller Gysin AG mit Sitz im Basler Dreispitz-Areal. Das Unternehmen ist auf den Transport von klassischem Industriestückgut spezialisiert, mit Schwerpunkt Grossbritannien. Daneben führt Müller Gysin auch Notfall- und Spezialtransporte durch, liefert etwa Triebwerke und Helikopter aus. Geschäftsleiter Thomas Baumann bezeichnet das Angebot des Allschwiler Start-ups als interessant. «Das ist ein innovativer Ansatz mit Potenzial. Wir schauen, wie sich die Nachfrage entwickelt.» Zwar gebe es in der Logistikbranche bereits ähnliche Angebote, etwa Fracht- und Laderaumbörsen. Doch Frachtbox sei niederschwellig. «Vor allem im internationalen Markt füllt Frachtbox eine Lücke.»

Weitere Publizität könnte Frachtbox die Swiss Innovation Challenge bescheren. Im September kämpft Can mit seinen Mitstreitern um den Einzug in die zweite Runde beim Firmenwettbewerb.