Wartenberg-Burgen
Eine Burg so gross wie für Könige gemacht

Selbst der Geschichtsforschung war bisher nicht in vollem Ausmass klar, welche gewaltigen Dimensionen der Burgenkomplex auf dem Muttenzer Wartenberg einst hatte.

Bojan Stula
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Wartenberg-Burgen
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Mittlere Burg: Der im 12. Jahrhundert erbaute Wohnturm muss von einer Ringmauer umgeben worden sein.
Hintere Burg: Im 12. oder 13.Jahrhundert erbaut und bis ins 15.Jahrhundert bewohnt. Visualisierungen/Archäologie Baselland
Die präzisen Zeichnungen von Emanuel Büchel aus dem 18.Jahrhundert stellen für heutige Forscher eine unschätzbar wichtige Quelle dar.

Wartenberg-Burgen

Die Spezialisten der Archäologie Baselland haben keinen einzigen Schaufelstich getan. «Gegraben haben wir bloss in unseren Köpfen und den Archiven», sagt der Baselbieter Kantonsarchäologe Reto Marti. Transformiert in Bits und Bytes hat der Luzerner Illustrator Joe Rohrer aus diesem wieder hervorgeholten Wissen völlig neue Ansichten der drei Burgen auf dem Muttenzer Wartenberg gestaltet. Zu unterschiedlichen Zeiten erbaut und allesamt im Verlauf des 15. Jahrhunderts aufgegeben, dienten die Anlagen dazu, vom markanten Aussichtspunkt ob Muttenz die damals wichtigen Handelswege zu kontrollieren: die Ost-West-Verbindung vom Bodenseegebiet zur Burgundischen Pforte genauso wie die Nord-Süd-Achse vom Oberrhein zu den Alpenpässen.

Herausgekommen sind spektakulär neue Ansichten, die zumindest im Fall der Vorderen und Mittleren Burg wesentlich von früheren Rekonstruktionen abweichen. Erst die Gesamtansicht des zuvor nur punktuell wahrgenommenen Gebäudekonglomerats habe bei der Vorderen Burg die ursprünglichen Dimensionen fassbar gemacht. «Jetzt merkt man, was für eine gewaltige Anlage das einst war», stellt Marti fest. Der dreidimensionale Blick aufs Ganze bringe die Forscher nun auf völlig neue Ideen. «Jetzt fragen wir uns: Wieso stand der Turm genau an dieser Stelle? Was war der Sinn der Raumaufteilung? Wieso erfolgte der Zugang über diese Seite?», nennt Marti einige Beispiele der eigenen archäologischen Bewusstseinserweiterung.

Königlich-kaiserliches Treffen

Genau aus solchen Gedankengängen heraus sind Martis Experten zum Schluss gekommen, dass der markante Wohnturm der Mittleren Burg einst von einer Mauer umgeben gewesen sein muss. «Der klar erkennbare Burggraben hätte ohne Ringmauer schlicht keinen Sinn gemacht», erläutert Andreas Fischer, der stellvertretende Baselbieter Kantonsarchäologe.

Zurück zur grossen Vorderen Burg: Angesichts ihrer mit Schloss Pfeffingen vergleichbaren Macht wird die Anlage im 10. Jahrhundert vermutlich als burgundische Königsburg gedient haben. «Aller Wahrscheinlichkeit nach fand das vom kaiserlichen Geschichtsschreiber Wipo überlieferte Treffen König Rudolfs III. von Burgund mit Kaiser Konrad II. im Jahr 1027 auf dem Wartenberg statt», steht im neuen Faltprospekt der Archäologie Baselland über die drei Burgen auf dem Wartenberg.

Eine Königsburg oberhalb von Muttenz? Keine schlechte Vorstellung, die bisher nur den allerwenigsten Wanderern, Schulkindern und Pfadis gekommen sein dürfte, die auf dem Wartenberg auf den grösstenteils überwachsenen Mauerresten und dem in den 1950er-Jahren restaurierten Wohnturm herumklettern. Ebenso zentral für den Baselbieter Kantonsarchäologen Reto Marti ist der Aspekt der Vermittlung des neuen Wissens an die Bevölkerung: Mit dem Faltprospekt, neu aufgestellten Info-Tafeln auf dem Wartenberg und einer geplanten Ausstellung im Ortsmuseum Muttenz will Marti «den Mut beweisen, zu zeigen, wie die Ruinen einst ausgesehen haben». Und wer weiss, vielleicht müssen die Archäologen angesichts der überraschenden Rekonstruktionen doch wieder ob Muttenz zur Schaufel greifen.