Fall Laufen
Ein Verbrechen, Hanf, Motorräder und mittendrin «ein gmögiger Typ»

In Laufen fragt man sich, wieso es im Steinbruch zu einem Tötungsdelikt gekommen ist. Der mutmassliche Täter galt als ruhig.

Dimitri Hofer und Philipp Felber
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In diesem zu einem Wohnmobil umgebauten Postauto im Steinbruch in Laufen lebte der mutmassliche Täter.

In diesem zu einem Wohnmobil umgebauten Postauto im Steinbruch in Laufen lebte der mutmassliche Täter.

Philipp Felber

Im Steinbruch nahe des Schwimmbads in Laufen dröhnen schon wieder die Baumaschinen, als wäre nichts geschehen. An ihnen vorbei geht es einen steilen Stutz hinauf. Hier soll sich am Montagvormittag ein Tötungsdelikt zugetragen haben.

Eine knappe Woche danach fragt man sich im 5500-Einwohner-Städtchen, wie es zur Bluttat kommen konnte. Der mutmassliche Täter, der 55-jährige H.S.*, der auf dem Gelände wohnte, galt überall als ruhiger und gmögiger Typ. Dass er einem Kollegen mit einer Pistole in die Brust geschossen und ihn umgebracht haben soll, kann sich niemand so richtig vorstellen.

Für die Baselbieter Staatsanwaltschaft und die Polizei, die den Fall derzeit untersuchen, steht eine Auseinandersetzung um eine im Steinbruch betriebene Indoor-Hanfanlage im Fokus. Nach jetzigem Stand gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass ein Streit um den Betrieb der Anlage zur Tat geführt hat. An der Hanfanlage waren sowohl der Verdächtige als auch das Opfer, der 34-jährige S.B.* aus Muttenz, welcher sich im rechtsradikalen Milieu bewegte, beteiligt. Der mutmassliche Täter befindet sich in dreimonatiger Untersuchungshaft.

Der Täter hatte Geldprobleme

H.S. schuf sich im Steinbruch vor rund fünf Jahren ein ungewöhnliches Zuhause. Umgeben von Wald stehen zwei ältere Busse, einige Autos und ein längliches Holzhaus. Einen der Busse, ein gelbes Postauto, funktionierte der Verdächtige zu einem Wohnmobil um. Viele Türen sind versiegelt und zeugen davon, dass die Ermittlungen noch andauern. Neben dem Haus liegen vertrocknete Hanfblätter und verschiedene Hilfsmittel zum Anbau von Hanf. Sie sind Indiz dafür, dass tatsächlich eine Hanfanlage betrieben wurde.

Die Maniacs hinterliessen Spuren.

Die Maniacs hinterliessen Spuren.

Philipp Felber

«Davon habe ich nichts mitbekommen. Zudem machte er immer einen anständigen und freundlichen Eindruck», sagt Erwin Bärtschi. Seiner Firma Moweb gehört das Gelände, auf dem er H.S. für eine geringe Miete wohnen liess. Der mutmassliche Täter habe jedoch immer mit Geldproblemen zu kämpfen gehabt, schränkt Bärtschi ein. «Den Schuss am Montagmorgen habe ich nicht gehört, da ich nicht da war», erzählt Bärtschi. Als er von einem Auftrag zurückgekommen sei, habe er erst gar nicht nach hinten fahren können, weil die Polizei die Strasse gesperrt hatte. Er sei schockiert gewesen, als er hörte, was während seiner Abwesenheit passiert sein soll. Den getöteten S.B. habe er bis vor kurzem nicht gekannt. «In den letzten Wochen ist er aber einige Male im Steinbruch gewesen. Einmal hat er sich als Freund von H.S. bei mir vorgestellt.»

200 Motorräder im Steinbruch

Verlässt man das Gebiet mit den Bussen und dem Haus, passiert man ein Steinschlag-Signal. Auf diesem klebt ein Sticker des Maniacs MC. An einem Samstag Mitte Juni feierte der Basler Ableger der Motorradgang im Steinbruch sein 10-Jahr-Jubiläum. «H.S. hatte mich angefragt, ob sie das Fest hier durchführen können», erinnert sich Erwin Bärtschi. «Ich hatte nichts dagegen. Während den Aufbauarbeiten verhielten sich die Rocker äusserst anständig.» Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass sowohl der Verdächtige als auch das Opfer Mitglied der Maniacs waren.

Auf dem Sticker im Steinbruch wird vor freilaufenden Maniacs gewarnt. Darüber: ein Schädel mit weit aufgerissenem Mund, ein blau grundiertes Spruchband, sowie eine römische 13. Der sogenannte Patch der Motorcycle Clubs Maniacs reiht sich ein in die Erkennungszeichen einschlägig bekannter Motorradgangs. Die Maniacs sind denn auch ein sogenannter Grosspatchclub. Sie dürfen deshalb, von der Szene akzeptiert, einen grossen Aufnäher auf ihren Kleidern tragen, der sie als Motorcycle Club (MC) zu erkennen gibt. Neben den Maniacs und dem wohl bekanntesten Motorradclub, den Hells Angels, sind auch der Dragons MC und der Mojo MC in der Region aktiv. Die Maniacs sind in der Region Basel, im Aargau und in Schaffhausen mit einem Ableger, sogenannte Chapter oder Charter präsent. Der Basler Ableger betreibt ein Clublokal in der Nähe des Basler Bahnhofs.

Die Südstaatenfahne hängt noch.

Die Südstaatenfahne hängt noch.

Philipp Felber

Unterstützt werden die Maniacs von den Bad Thirteen Brothers. Die Zahl 13 kann verschieden gedeutet werden. Bekannt ist, dass die 13 von sogenannten Outlaw-MCs getragen wird. Dies kann als Hinweis gedeutet werden, dass sich die Rocker als ausserhalb des Gesetzes sehen. So werden etwa auch kriminelle MCs von Europol und anderen Polizeibehörden als «Outlaw Motorcycle Gangs» benannt. In der Schweiz wurde jedoch bis heute kein Mitglied einer Rocker- oder rockerähnlichen Gruppierung wegen Beteiligung an oder Unterstützung einer kriminellen Organisation verurteilt, heisst es vom Bundesamt für Polizei. Die 13 kann auch für den dreizehnten Buchstaben im Alphabet stehen: dem M. Möglicherweise simpel für Maniacs. Oder als Hinweis darauf, dass die Mitglieder des MCs Marihuana oder Methamphetamin konsumieren. Auffällig ruhig blieb es auf den Homepages und Social-Media-Accounts der Basler Szene.

Am Jubiläumsfest der Maniacs vor gut zwei Monaten in Laufen herrschte ein Grossaufmarsch der Rocker. «Ich zählte rund 200 Motorräder», sagt Erwin Bärtschi. Nach dem Anlass habe er mitgekriegt, dass sich H.S. über die anderen Mitglieder geärgert habe. «Er beklagte sich, dass er nach dem Veranstaltung alles selber aufräumen musste.» Die geräumige Bar aus Holz ist bis heute nicht entfernt worden, dasselbe gilt für eine Südstaatenflagge.

Keine Spur von Aggressivität

In Laufen war das Tötungsdelikt in den vergangenen Tagen nicht nur bei den Bauarbeitern gleich neben dem Tatort das wichtigste Gesprächsthema. Auch in der Bar Dixie mitten in der Altstadt redeten viele Gäste über den hier nicht unbekannten H.S und seine Tat. Weshalb der Verdächtige das getan habe, könne er sich nicht erklären, sagt der Betreiber des Dixie.
Der mutmassliche Täter sei regelmässig in der Bar gewesen und habe dabei immer einen ruhigen Eindruck gemacht. «H.S. hat einfach seinen Kaffee getrunken. Völlig unspektakulär.» Von Aggressivität habe man überhaupt nichts gespürt. Meistens sei er von einem Kumpel im etwa selben Alter begleitet worden. «Beide trugen dasselbe Rocker-Gilet, wenn sie hier waren.» Das Opfer habe er nie gesehen.

Am Montagvormittag, als sich die Tat im Steinbruch ereignet hat, sass der Bruder von H.S. zufälligerweise im Dixie. Etwa um elf Uhr erhielt er einen Anruf. Der Betreiber erinnert sich: «Er sagte: Bleib da. Ich komme gleich.» Anschliessend sei er plötzlich aufgestanden, habe das Geld auf den Tisch gelegt und habe die Bar verlassen. Kurze Zeit später ging bei der Baselbieter Polizei ein Notruf ein.

*Namen der Redaktion bekannt.

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