Jugend
Der Weg in die Berufswelt statt in die Sozialhilfe

Mit Scouts werden Jugendliche, die durchs Netz zu fallen drohen, aufgestöbert und beraten. So wird versucht, die Arbeitslosigkeit einzudämmen.

Jürg Gohl
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Von der Schulbank direkt in die Sozialhilfe: Vor sechs Tagen schlug «Der Sonntag» Alarm. 30000 Jugendliche schaffen in der Schweiz den Sprung ins Erwerbsleben nicht, 44 Prozent der Sozialhilfebezüger sind keine 25 Jahre alt. Im Baselbiet ist man sich der Gefahr für Junge dieses Alters, in die Anonymität abzutauchen und dann den Anschluss zu versäumen, bewusst. Gleichwohl setzen die zuständigen Stellen hinter die Studie, oder vielmehr hinter deren Interpretation, zwei Fragezeichen.

Das erste Fragezeichen: Wohl beträgt der Anteil der Altersgruppe «unter 25» auch im Baselbiet 43,5 Prozent, gemäss der Erfassung von 2009 waren es in Zahlen 1927 der total 4434 Sozialhilfe-Empfänger des Kantons. «Doch», schränkt Rudolf Schaffner, Vorsteher des kantonalen Sozialamts, sogleich ein, «exakt 892 dieser über 1900 Jugendlichen, die Sozialhilfe erhalten, sind Kinder von alleinerziehenden Müttern oder Vätern.» Diese Gruppe zählt auf den Sozialämtern zu den dominierenden. Im Baselbiet umfasst die Gruppe der 18- bis 25-Jährigen 477 Personen. Das sind gerade 10,8 Prozent aller Sozialhilfebezüger. Also weit weniger als die 44 Prozent, auch wenn man die 105 Jugendlichen der Kategorie der 16- und 17-Jährigen noch hinzurechnet.

Gefährdete Jugendliche im Auge

Doch gerade bei der Altersgruppe an der Schwelle zu weiterführenden Schulen oder zur Berufswelt investiert der Kanton viel Geld, um zu verhindern, dass Junge den Weg in eine geregelte Zukunft verfehlen und dafür jenen zur Sozialhilfe einschlagen müssen. Weil alle betroffenen Stellen davon überzeugt sind, dass hier gute Präventionsarbeit geleistet und vor allem aufgegleist wird, setzt Rudolf Schaffner hier das zweite Fragezeichen, wenn er Rückschlüsse aus der Schweizer Studie auf die Situation in Baselland ziehen muss. «Wir sind auf einem guten Weg», sagt er.

Für rund eine Million Franken leistet sich Baselland das Projekt «BerufsWeg-Begleitung» (BWB), das Jugendliche vor der Sozialhilfefalle behütet soll. Denn man ging damals davon aus, dass von den 2800 Schulabgängern pro Jahr zwischen 50 und 100 «gefährdet» sind.

26 Lehrer spüren Jugendliche auf

Deshalb sprach sich der Landrat im März 2008 deutlich für die «Investition an der Nahtstelle» aus, wie das Projekt in einem externen Bericht bezeichnet wird. «Das Konzept beeindruck durch das Festhalten an der besonderen und umfassenden Verantwortung der Bildungsinstitutionen bei der beruflichen Integration», wird die Einrichtung, die unter der Federführung der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion steht, im Bericht gelobt. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass Baselland im landesweiten Vergleich deutlich über dem Durchschnitt in diese Einrichtung investiert.

26 Sekundarlehrer im Kanton sind dafür ausgebildet, an ihrer Schule gefährdete Jugendliche aufzuspüren und zu beraten (Artikel unten). Zudem haben zwei sogenannte Scouts – eine Frau und ein Mann, die sich eine Vollzeitstelle teilen – die Aufgabe, Jugendliche aufzuspüren, die nach der Schulzeit oder nach einer abgebrochenen Lehre auf Tauchstation gegangen sind. «Hauptaufgabe der Scouts ist es, Gefährdete aufzuspüren und zu motivieren», sagt Ruedi Meier vom Amt für Berufsbildung und Berufsberatung, der Co-Leiter des BWB-Projektes ist.

Zwei Ämter Hand in Hand

Das Vorgehen, dass die verschiedenen Stellen eng zusammenarbeiten und Daten über gefährdete Jugendliche austauschen, wird oft als Erfolgsgeheimnis des Baselbieter Konzepts betrachtet. Einem Argwohn etwa aus Datenschutz-Gründen begegnen die Macher selten bis nie, weil die Betroffenen selber realisieren, dass ihnen damit aus einer möglichen Notlage geholfen wird. «Natürlich haben wir uns bei dieser Frage auch beim Datenschutz abgesichert», sagt Meier.

Neben Ruedi Meier leitet noch Jürg Müller vom Amt für Volksschulen das BWB. Wenn «dr Meier und dr Müller» gemeinsam ihr Projekt mit kabarettistischem Talent vorstellen, steckt dahinter das eigentliche Erfolgsrezept, mit dem sich das Baselbieter Modell von anderen Bemühungen abhebt: Ihre beiden Ämter arbeiten eng zusammen und decken damit die gesamte kritische Phase in der schulischen und beruflichen Entwicklung eines Jugendlichen ab. «Viele Jugendliche wollen aussteigen, um zu jobben und an Geld zu kommen», sagt Meier, «Wir wollen ihnen zeigen, dass Ausbildung wertvoller ist als Geld für Red Bull.»

In einem Jahr wird das auf fünf Jahre begrenzte Projekt «Berufs-WegBegleitung» ausgewertet. «Quantifizierbar ist der Erfolg noch nicht», sagt Rudolf Schaffner, «doch ein Erfolg ist es bereits, dass das Projekt erkannt und auf gutem Weg ist.»

Arbeitslose landen bei Sozialhilfe

Werner Spinnler, Präsident des Verbands für Sozialhilfe Baselland, sieht wohl noch Schwachstellen. Er vermisst etwa die regierungsrätliche Verordnung und stellt fest, dass die Einrichtung an der Basis, den Sozialämtern der Gemeinden, noch zu wenig bekannt ist. «Doch wir sind auf dem Gebiet ein Vorzeigekanton und kommen so dem Ziel näher, dass niemand direkt von der Schulbank bei der Sozialhilfe landet», sagt Spinnler.

Der Fokus seines Verbandes dürfte sich bereits am 23. Februar auf eine andere Gruppe verschieben. Dann meldet das kantonale Arbeitsamt, wie viele Arbeitslose nach der Revision der Arbeitslosenversicherung ab 1. April auf einen Schlag bei ihm in der Sozialhilfe landen.

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