Öffentlicher Verkehr
Der Schienen-Doktor mit dem Röntgenblick

Alle zwei Wochen läuft der SBB-Mitarbeiter Kurt Rüfenacht als Streckenwärter die Gleise zwischen Frenkendorf und Liestal ab. Auf diesem Abschnitt, meint er, seien die Schienen in einem guten Zustand.

Leif Simonsen
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er SBB-Streckenwärter Kurt Rüfenacht (rechts) ist stets bei der Sache und erkennt selbst kleinste Mängel.

er SBB-Streckenwärter Kurt Rüfenacht (rechts) ist stets bei der Sache und erkennt selbst kleinste Mängel.

Ehre, wem Ehre gebührt: Der Helm Kurt Rüfenachts wurde von seinen Kollegen mit einem Doktortitel versehen. «Nur ein Scherz», meint der Streckenwärter. Einer aber mit Wahrheitsgehalt. Denn im gleichen Atemzug sagt Rüfenacht: «Ein bisschen bin ich schon am ‹dökterle›, wenn ich die Gleise ablaufe.» So auch an diesem kalten Wintermorgen auf der Strecke zwischen Frenkendorf und Liestal.

Seine Patienten sind die Gleise. «Auf diesem Abschnitt sind sie in gutem Zustand», meint Rüfenacht. Kleinere, ungefährliche Wehwehchen treten da und dort auf, schliesslich haben Schienen und Betonschwellen hier gemäss Gravur Jahrgang 1977.

Angesichts einer Lebensdauer von 40 Jahren bei gutem Unterhalt nähern sie sich ihrem Lebensabend. Anders als einige seiner SBB-Kollegen, die beim Bahnhof Liestal die Qualität der Holzschwellen im Gleis 1 als «besorgniserregend» empfinden, sieht er als Unterhaltsspezialist keinen Grund zur Aufregung.

Die Sicherheit sei gewährleistet und das Gleis werde gemäss ordentlicher Planung im Juli komplett erneuert.

Alle zwei Wochen

Täglich läuft Rüfenacht SBB-Gleise ab. Die Strecke zwischen Frenkendorf und Liestal nimmt er alle zwei Wochen unter die Füsse. Mit seinem geschulten Blick sucht Rüfenacht nach kleineren und grösseren Mängeln, die dann sorgfältig rapportiert werden.

Am häufigsten sind die so genannten «Head Checkings», für den Laien kaum bemerkbare, haarfeine Einkerbungen in den Schienen. «Die lassen sich leicht wegschleifen», sagt Rüfenacht. Eine andere übliche Abnutzungserscheinung ist der Schotter, der sich unter den Schwellen hin- und herbewegt. Der muss von Zeit zu Zeit wieder zurückgestopft werden.

Vieles steht auf dem Spiel

Die Strecke von Frenkendorf nach Liestal dauert mit der Bahn zwei Minuten. Für die Kontrolle im gleichmässigen Schritttempo braucht Rüfenacht dafür eine Stunde. Gedankenversunken darf er trotz Schlendergeschwindigkeit nicht sein. Zweierlei steht auf dem Spiel: Die Sicherheit der SBB und nicht zuletzt sein eigenes Leben. Schliesslich ist morgens um neun Uhr, wenn er seine Tour beginnt, viel Verkehr.

Um sicherzustellen, dass er nicht von einem hinterrücks herbeibrausenden Zug überrascht wird, gibt er der Zugverkehrsleitung in Basel die Anweisung durch, dass «sein Gleis» nur von Zügen befahren wird, die ihm entgegenkommen.

Auch wenn die Anweisung verlässlich ist: «Neben offenen Augen rät es sich immer auch, die Ohren zu spitzen.» Das Natelzeitalter hat der Sicherheit einiges gebracht: «Früher bereitete uns das Rauschen der Funkgeräte hin und wieder Probleme», gibt Rüfenacht preis.

Dass die neue Technik die Sicherheit automatisiert, macht Rüfenacht kein Bauchweh. Die 40 Streckenwärter der SBB werden durch die Diagnosefahrzeuge in nächster Zeit kaum ersetzt werden. «Das menschliche Auge erkennt anderes als das Diagnosefahrzeug», sagt er.

Dem Rat des Vaters gefolgt

Er macht keinen Hehl draus, dass er bis zur Pensionierung beim Unternehmen arbeiten will, dem er schon fast 34 Jahren treu ist

. «Aber heute ist das ja nicht selbstverständlich», meint Rüfenacht, der aus einer Bähnlerdynastie stammt. Sein Vater war auch SBBler und lotste ihn damals zur Bahn mit den Worten: «Hier hast du eine sichere Stelle.» Die «sichere Stelle» wurde von Rüfenacht noch etwas uminterpretiert zur «Sicherheitsstelle». Ansonsten ist er dem Rat seines Vaters gefolgt.

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