Freilichtspiel
Crazy, krud und cool: Theatergruppe Rattenfänger inszeniert Woody Allen Komödien

Die Theatergruppe Rattenfänger Muttenz zeigt Woody Allens Komödien «Gott» und «Tod». Sie setzt auf Unterhaltung und Show.

Jörg Jermann
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Das Ensemble der Rattenfänger Muttenz in Aktion.

Das Ensemble der Rattenfänger Muttenz in Aktion.

Jörg Jermann

Es passt alles: Die heitere Realsatire des Freilichtspiels Muttenz deckt sich mit Woody Allens schrägen Vögeln aus der amerikanischen Gegenwart und seinem kunterbunten Theaterwitz. Die Theaterbeiz ist rammelvoll, die Kirche von Sankt Arbogast thront als mächtige Requisite über den Brettern, die Mücken folgen ihrer Bestimmung auf unseren Armen und Beinen, die Glocke vom Turm schlägt viertelstündlich, es schallt von einem benachbarten Fest eine Rockband. Einer tritt aus einem Restaurant nebenan und lallt etwas von Sein oder Nichtsein Richtung Bühne.

Wir befinden uns bei den Griechen, Autor Hepatitis und Sklave Diabetes suchen einen Stückschluss. Die Probensituation ist das Stück. Auch die Zuschauer werden befragt, wie es weiter gehen soll mit der letzten Szene. Der Sklave ruft mit seinem Natel den Autor Woody Allen himself an, eine Zuschauerin kommt auf die Bühne.

Die Ebenen durchdringen sich. Die Figuren werden als erfunden beschrieben wie die Zuschauer, der Unterschied zwischen Fiktion und Realität zerbröckelt. Niemand weiss, ob er wirklich an Gott glaubt. Auch die Zeiten durchdringen sich, Julia Capulet aus dem 16. Jahrhundert taucht auf, sie sei aus ihrem Shakespeare-Stück fortgelaufen. Und die Krönung des Spasses im Spass-Zeitalter ist ein fliegender Zeus mit Höhenangst: Er stirbt kurz vor der Pause, Gott ist tot.

Wie und wann kommt der Tod?

Regisseur Danny Wehrmüller setzt konsequent auf Überzeichnung und Show. Das gelingt im ersten Teil prächtig. Peter Wyss steht hier schauspielerisch als Diabetes im Zentrum; und Samuel Bally als Hepatitis zieht mit. Einen herausragenden Farbtupfer, grell und crazy, setzen die beiden Schicksalsschwestern Livia Studer und Laurence Sauter. Auch im zweiten Teil, in «Tod», geraten die Ebenen durcheinander. Ein Herr Kleinmann, einer wie Sie und ich, sehr gut gespielt von Freddy Sommer, wird mitten in der Nacht von beängstigenden Typen mit dicken Oberarmen geweckt.

Er müsse mitkommen, die Zeiten hätten sich geändert. Es ist, als hole ihn der Tod und er hätte noch keine Ahnung davon. Ein Mörder werde gesucht, er müsse mitsuchen. Er könnte auch selber der Mörder sein; alles ist eng geworden in der Welt. Angstvoll, keiner traut keinem. Kleinmann wirkt verloren, total verunsichert. Eine Nutte taucht auf: Kleinmann , nomen est omen, sagt, nur was man anfassen könne, sei wirklich. Und sie sagt ihm, sie sei anzufassen. Aber jeder Kuss koste.

Alle sprechen von Plänen, die da seien, aber ihnen unbekannt. Jeder kann Verbrecher sein. Die Ereignisse überschlagen sich ins Groteske, ein Scharlatan und eine Seherin tauchen auf, Kleinmann wird zum Mörder erklärt. Nach dem kecken Schwung des ersten Teils wirkt der zweite verhaltener und repetitiver, die beiden Gangster-Gangs kommen etwas stereotyp daher. Woody Allens Vorlage hat auch Mängel. Bald ist klar, dass hier und heute alles verworren und unklar ist und es keine Antworten gibt. Darin bleibt das Stück manchmal hängen. Aber das Vexierspiel der Rattenfänger gelingt grossartig, das Gelächter in den Rängen hallt nach. Um zehn Uhr schlagen die Glocken der realen Grossrequisite besonders lang in die Szene, die Mücken sind des Beissens noch nicht müde und das Rockfest nebenan kommt auf Touren. Herrlich.

Weitere Vorstellungen jeweils Mittwoch bis Samstag vom 23. August bis am 9. September. Beginn um 20 Uhr.