Regionale Wirtschaft
Beat Oberlin: «KMU prüfen Verlagerungen ins Ausland - ein Alarmzeichen»

Der SNB-Entscheid fordert die Wirtschaft der Region: Exportorientierte KMU mit Spezialprodukten kämpfen ums Überleben. Zum starken Franken kommen tiefe Investitionen und sinkende Preise: Für BLKB-Chef Beat Oberlin ist dieser Cocktail «toxisch».

Hans-Martin Jermann und Bojan Stula
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Für Kantonalbank-Chef Beat Oberlin und seinen Finanzchef Herbert Kumbartzki sind die tiefen Zinsen ein Problem: Der Anreiz zum Sparen fehlt – das hat Auswirkungen auf die Solidarität in der Gesellschaft.

Für Kantonalbank-Chef Beat Oberlin und seinen Finanzchef Herbert Kumbartzki sind die tiefen Zinsen ein Problem: Der Anreiz zum Sparen fehlt – das hat Auswirkungen auf die Solidarität in der Gesellschaft.

Martin Töngi

Beat Oberlin erfährt beim Interviewtermin am Mittwochnachmittag von der bz, dass die Ziegler Papier AG ihre Produktion in Grellingen einstellt. Die schlechte Nachricht passt – leider – nur zu gut zu dem vor längerem vereinbarten Gesprächsthema: Wie hat sich die Region seit der Aufgabe der Euro-Franken-Bindung durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor einem Jahr verändert? BLKB-CEO Beat Oberlin und Finanzchef Herbert Kumbartzki analysieren die Auswirkungen auf die Unternehmen, Sparer und Wohneigentümer.

Herr Oberlin, Herr Kumbartzki, Ziegler Papier begründet die Einstellung der Produktion in Grellingen unter anderem mit dem Entscheid der SNB, den Euro-Mindestkurs aufzugeben. Ihr Kommentar?

Beat Oberlin: Das sind traurige Nachrichten. Jetzt zeigt sich an mehreren Beispielen, dass exportorientierte Firmen stärker unter Druck kommen, als das öffentlich wahrgenommen wird. KMU, die vom Export eines Spezialprodukts abhängen, leiden besonders. Wenn wegen des veränderten Wechselkurses die Marge um 10 bis 15 Prozent einbricht, dann schlägt sich das sofort heftig in den Geschäftszahlen nieder. Diese Unternehmen mussten bereits den Zerfall von 1.40 auf 1.20 Franken pro Euro verkraften. Für eine Branche mit ohnehin engen Margen wird es sehr schwer, wenn innert kurzer Zeit eine weitere Euro-Schwächung zu noch stärkeren Einsparungen zwingt.

Wurden die mit dem SNB-Entscheid verbundenen Probleme anfänglich unterschätzt?

Herbert Kumbartzki: Nach der Aufgabe des Mindestkurses sah es zuerst nach einer Rezession aus. Im Sommer hat sich die Situation leicht aufgehellt. Wir gingen allerdings von Anfang an davon aus, dass die effektiven Auswirkungen in Wellen spürbar werden. Anfänglich waren die Auftragsbücher noch voll, die negativen Folgen durch den SNB-Entscheid traten erst mit einiger Verzögerung ein. Dies sehen wir jetzt.

Welche Auswirkungen hatte die Aufgabe des Euro-Mindestkurses generell auf die regionalen KMU?

Beat Oberlin: Der SNB-Entscheid hatte für die Wirtschaft nicht ausschliesslich negative Folgen: Einerseits ist beim Verkauf von Waren in den Euro-Raum die Marge zusammengebrochen, andererseits profitieren hiesige Unternehmen vom günstigeren Einkauf im Ausland. Wie es der regionalen Wirtschaft geht, werden wir erst in einigen Monaten genauer sehen, wenn die Abschlüsse fürs Geschäftsjahr 2015 erstellt sind. Im Mai werden wir die Resultate unserer Umfrage unter den Baselbieter KMU vorliegen haben, die in Kürze verschickt wird.

Mit der Schliessung bei Ziegler schreitet die Deindustrialisierung in Baselbieter Randgebieten voran.

Beat Oberlin: Ich denke nicht, dass man das so absolut sagen kann. Eine gewisse Deindustrialisierung findet sicher statt. Klar ist, es wird wegen des hohen Lohnniveaus immer schwieriger, in der Schweiz Mengenprodukte, sogenannte Commodities, zu produzieren. Wer hier produzieren will, braucht Produkte oder Dienstleitungen, mit denen im Verkauf relativ hohe Margen gerechtfertigt werden können. Gerade das Laufental ist aber noch immer ein starker Produktionsstandort, denken Sie an die Ricola, die Keramik Laufen oder die Aluminium Laufen. Schwieriger hat es ein Gebiet wie das Waldenburgertal: Es leidet wegen seiner dezentralen Lage darunter, dass es als Arbeitsort nicht mehr sehr attraktiv ist. Es ist einfacher, in Stadt- und Grenznähe qualifizierte Mitarbeitende und Spezialisten zu finden. Bei einigen Firmen, die das Tal verlassen haben, war dies der Grund.

Wo steht die Schweiz insgesamt ein Jahr nach dem SNB-Entscheid?

Herbert Kumbartzki: Der SNB-Entscheid kam unerwartet, ein Harmagedon blieb aber aus. Zudem sind die Energiepreise momentan sehr tief, und wir sehen einen leicht erstarkten Dollar, der für erhöhte Exporte in die USA gesorgt hat. Im Unterschied zu den Finanzkrisen 2008 und 2011 haben wir jetzt im Ausland keine Nachfragekrise. Allerdings wurden Schweizer Güter im Euro-Raum teurer. Insgesamt gesehen war der Effekt durch den SNB-Entscheid in einer ersten Runde schwächer als erwartet. Auch, weil sich die Schweizer Unternehmen vor dem 15. Januar 2015 durch Effizienzsteigerungen fit gemacht haben, da sich der Franken schon zuvor markant aufgewertet hatte.

Welche Gefahren bergen die tiefen Zinsen für die BLKB, aber auch für die Bevölkerung?

Beat Oberlin: Die BLKB ist Währungsschwankungen nur gering beziehungsweise nur indirekt ausgesetzt. Deshalb hatten wir mit den Wechselkursschwankungen per se kein Problem. Mit den damit zusammenhängenden tiefen Zinsen hingegen schon. Es ist wie in der Algebra im Mathematik-Unterricht: Wenn das Minus-Zeichen ins Spiel kommt, wird’s kompliziert. Sie können viele Fehler machen, wenn Sie nicht aufpassen. Genau gleich verhält es sich mit Negativzinsen. Für die Banken haben sich dadurch aber auch zusätzliche Geschäftsfelder eröffnet.

Herbert Kumbartzki: Tiefe oder negative Zinsen verleiten Anleger, in Vermögenswerte zu investieren, welche sich im Nachhinein als nicht sehr vorteilhaft erweisen. Zur Zeit sind deshalb Investitionen in Immobilien sehr gesucht. Dadurch steigt mittelfristig die Gefahr einer Überhitzung im Immobilienmarkt. Eine weitere grosse Herausforderung sind die Auswirkungen der Negativzinsen für die Pensionskassen. Sie sind wegen der tiefen Zinsen kaum mehr in der Lage, das Niveau des technischen Zinssatzes zu erreichen, also eine Rendite zu erwirtschaften, der nur schon ein Halten des Deckungsgrades erlaubt. Dadurch entsteht die Gefahr, dass sich die Stabilität der Pensionskassen langfristig verschlechtert.

Die Minuszinsen führen auch zu einer Umverteilung des Geldes vom Sparer zum Schuldner.

Herbert Kumbartzki: Das ist so. Von den negativen Zinsen profitieren vor allem grosse Schuldner wie der Staat. Das erklärt auch, weshalb politisch der Druck eher gering ist, die Zinssätze anzuheben. Würden diese in Japan in etwa um zwei Prozentpunkte erhöht, so müsste der japanische Staat sein gesamtes Bruttoinlandprodukt alleine für das Bezahlen von Schuldzinsen aufwenden. Subventioniert werden diese riesigen Schuldenberge vom Sparer.

Es kann nicht in Ihrem Sinne sein, wenn der Sparer plötzlich als Verlierer dasteht. Er war bisher der Gute, auch weil er durch sein Sparen Investitionen ermöglicht.

Beat Oberlin: Die Negativzinsen stellen langfristig das Geschäftsmodell von Retailbanken infrage. Das ist aber weniger gravierend als die Gefahren, die auf uns als Gesellschaft insgesamt zukommen: Mit Negativzinsen fehlt für den Einzelnen der Anreiz, für die Zukunft, fürs Alter zu sparen. Das hat potenziell weitreichende Auswirkungen für die gesellschaftliche Solidarität und den Vertrag zwischen den Generationen. Hier kommen Reibungsflächen auf uns zu, die mir Sorgen bereiten.

Herbert Kumbartzki: Die Investitionsquoten sind weltweit sehr tief, obwohl die Zinsen tief bis negativ sind. Dies ist sowohl bemerkenswert als auch problematisch. Der Grund für die tiefen Investitionsquoten dürfte in der Unsicherheit bezüglich des wirtschaftlichen Ausblicks liegen.

Beat Oberlin: Das bringt uns zurück zu den KMU: Trotz rekordtiefer Zinsen sind sie wegen der erwähnten Unsicherheit und Margenprobleme nicht bereit oder nicht in der Lage zu investieren, und sie prüfen Verlagerungen von Produktionsstätten und Arbeitsplätzen ins Ausland. Der Cocktail aus Deflation, tiefen Investitionen und der Wechselkurssituation ist toxisch. Das ist ein Alarmzeichen.

Im jüngsten Brief an ihre Kunden empfiehlt die BLKB den Hauseigentümern, die Hypothekarschulden zu reduzieren, am besten auf eine Belehnungsquote von 50 Prozent. Spricht daraus die Furcht vor einer Immobilienblase?

Beat Oberlin: Die Entwicklung der Immobilienpreise hängt vom Bekenntnis insbesondere der Life-Sciences-Industrie zu unserer Region ab. Die Immobilienpreise sind vor allem im Wohnbereich nahe der Stadt Basel immer noch hoch. Diese Situation wird anhalten, solange die Investitionstätigkeit der Firmen anhält. Wir sehen gleichzeitig erhöhte Probleme bei einem Immobilienverkauf in den Randregionen und bei Liebhaberobjekten. Die Verkäuflichkeit ist schwieriger geworden. Der Druck auf die Verkaufspreise steigt. Auch haben wir vereinzelt festgestellt, dass Erbengemeinschaften bei schlecht unterhaltenen Altliegenschaften das Erbe ausschlugen, weil sich Erneuerungsinvestitionen nicht lohnen und vom Markt nicht honoriert werden. Wir sprechen aktuell nicht von einer Blase, sondern von erschwerter Verkäuflichkeit bei ungünstigen oder schlechten Lagen.

Wenn Sie zur Verringerung der Hypothekarschulden auffordern, verringert sich Ihr Risiko als Bank.

Beat Oberlin: Wir regen unsere Kunden dazu an, dass sie – sofern sie diese Handlungsfreiheit besitzen – ihre Schulden verringern. Kurzfristig entspricht das nicht dem finanziellen Interesse der Bank: Eine hohe Belehnung der Immobilien bringt der Bank hohe Hypothekarzinsen ein. Als Bank sagen wir gleichzeitig auch: Gesunde Kunden sind langfristig die besten Kunden.

Welches Risiko bergen die hohen Hypothekarschulden für die BLKB?

Herbert Kumbartzki: Sie sind für die Bank kein grosses Risiko. Wir haben unser Hauptrisiko, ein Erdbeben in der Dimension von 1356, durch die Erdbebenversicherung abgesichert. Das Volumen unseres Hauptprodukts, Hypotheken für privates Wohnen, beläuft sich auf 11 Milliarden Franken. Wenn nun ein Erdbeben die Hälfte des Immobilienwertes in der Region zerstören würde, hätten wir einen Schaden von mehreren Milliarden. Mein Ziel mit dem Brief an die Kunden ist es eher, ihnen einen Tipp zur Wahrung ihrer finanziellen Handlungsfreiheit zu geben, auch wegen der erwähnten Unsicherheiten in der Zukunft wie sinkenden Renten.

Mit Ihren Warnungen zu den Hypotheken stehen Sie in der Welt der Banker ziemlich alleine da.

Beat Oberlin: Ja, ich habe diese Überlegungen als einer der ersten formuliert. Das jetzige Zinsumfeld begünstigt das Sparen nicht. Vor diesem Hintergrund umfasst deshalb unsere Beratung beide Seiten der Bilanz der Kunden. Auf der einen Seite ist es die Entwicklung von Einkommen und Vermögen über die verschiedenen Lebensabschnitte hinweg. Dem stehen auf der anderen Seite die Verpflichtungen gegenüber und damit verbunden der Aufwand und die Fähigkeit, Kredite bedienen zu können. Ich bin weiterhin überzeugt, dass die steuerliche Begünstigung von Wohneigentum nicht mehr zeitgemäss ist. Ich freue mich, dass der Kanton bereits reagiert und eine Standesinitiative eingereicht hat mit dem Ziel, bei der Wohneigentumsbesteuerung den Eigenmietwert unter gleichzeitiger Aufhebung des Hypothekarzinsenabzugs abzuschaffen.

Für den Einzelnen heisst das: Die Steuerbelastung geht rauf, wenn er weniger von der Hypothekarschuld von den Steuern abziehen kann.

Herbert Kumbartzki: Der Zeitpunkt ist günstig, diese Änderung jetzt vorzunehmen, auch aus der Optik des Steuerzahlers: Die Hypothekarzinsbelastung ist aktuell sehr tief, die Eigenmietwerte demgegenüber relativ hoch geblieben. Oft ist der Eigenmietwert höher als der abzugsfähige Hypothekarzins. Die Systemumstellung ist keine verkappte neue Steuereinnahme. Wir haben die Auswirkungen zwar nicht im Detail berechnet, gehen aber davon aus, dass sie grosso modo steuerneutral ausfallen würden. Die Subventionierung des Wohneigentums ist im internationalen Umfeld ein eher exotisches Modell.