Landzunge und Stadtmund
An eine Ehrenfrau

Eva Oberli
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Lasst uns Mutter Natur nicht vergessen. (Archivbild)

Lasst uns Mutter Natur nicht vergessen. (Archivbild)

Es gibt Leute, die jetzt gerade ganz viel gut machen. Diejenigen, die sich beim Einkaufen und beim Besuch öffentlicher Anlagen verantwortungsvoll verhalten. Diejenigen, die Freunden und Familie Unterstützung bieten und Wertschätzung entgegenbringen. Diejenigen, welche die Situation ernst nehmen, ohne Angst und Panik zu schüren. All diejenigen, die systemrelevant sind, in dem sie die Gesellschaft zusammenhalten. Ehre, wem Ehre gebührt! Doch bei diesem Verteilen von Lorbeeren geht jemand Bestimmtes oft vergessen. Jemand, der in unserer Wahrnehmung vermeintlich nur im Hintergrund agiert. Jemand, vor dem wohl sogar der hochgepriesene Landesvater Alain Berset seinen breitkrempigen Hut ziehen würde.

Mutter Natur! Die macht doch gerade einen wirklich guten Job. Sie lässt Wald und Wiesen blühen, mehr Vögel denn je zwitschern, die Sonne geradezu filmreif auf- und untergehen und für die Allergiker spült sie auch regelmässig die Pollen wieder aus der Luft. Sie beschert uns tolle Aufnahmen für Mamas Whatsapp-Profilbild oder die eigene Statusmeldung. Sie erobert sich Territorium zurück, schickt Kuhnasenrochen in die Dubai Business Bay und Krokodile in die Kanäle Venedigs. Sie hebt unsere Stimmung.

Man stelle sich nur mal vor, wir hätten die letzten Wochen nicht nur im Lockdown, sondern auch noch in einer undurchdringlichen, spätherbstlichen Nebelsuppe verbracht. Nass, kalt und globale Pandemie. Da ist dann nichts mit Serotonin. Hat der Teufel die Ziege geholt, kann er den Bock auch noch haben, hätte sich Mutter Natur sagen können. Stattdessen haben wir von ihr die volle Dosis Frühlingsgefühle auf dem Silbertablett serviert bekommen. Was für eine Ehrenfrau. Und in Zeiten, in denen die Medien in einem nie gekannten Ganzjahres-Sommerloch, verursacht durch die Covid-19-Zensur, steckt, sorgt sie sogar noch für ein wenig Spannung.

Gibt es diese Woche noch einmal Schnee? Holen sich die Eisheiligen pünktlich zur kalten Sophie nochmals ein wenig Respekt? Oder möchte uns Mutter Natur lediglich durch die Eisblume mitteilen, dass wir den Klimawandel und seine Wetterextreme bei den ganzen Wegwerf-Schutzmasken und Doppelmetern doch nicht ganz vergessen? Ich hoffe ja, dieses Engagement von Mutter Natur an ihre höchsten Geschöpfe war nicht alles Perlen vor die Säue. Doch was wird passieren, jetzt, wo überall wieder geöffnet und hochgefahren wird? Wenn die Grenzen wieder aufgehen, tragen wir doch bestimmt als erstes mal ein paar Eulen nach Athen. Was nehmen wir schon mit, wenn jetzt die Normalität wieder stattfinden soll? Wenn wir wieder wie die Schnapsdrosseln die Sau rauslassen dürfen, denken wir dann noch zurück an diese seltsame Zeit?

Eigentlich egal, denn am Ende regelt eine einzige Kraft. Ob es uns gefällt oder nicht. «Die Natur ist unerbittlich und unveränderlich, und es ist ihr gleichgültig, ob die verborgenen Gründe und Arten ihres Handelns dem Menschen verständlich sind oder nicht», sagte Galileo Galilei. Und wenn wir etwas mitnehmen, zurück in diese neue Normalität, dann doch bitte das.

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.