Flüchtlingslager auf Samos

Jede Baselbieter Gemeinde soll Flüchtlingsfamilie aufnehmen – Marianne Hollinger fordert Mithilfe

Marianne Hollinger (im roten Kleid) bei der Arbeit im Frauenhaus auf der griechischen Insel Samos. Mit Flüchtlingen nähte sie dort Masken.

Marianne Hollinger (im roten Kleid) bei der Arbeit im Frauenhaus auf der griechischen Insel Samos. Mit Flüchtlingen nähte sie dort Masken.

Marianne Hollinger, alt Gemeindepräsidentin von Aesch, stellt nach ihrem Einsatz im Flüchtlingslager in Griechenland Forderungen.

21 Jahre war Marianne Hollinger im Gemeinderat von Aesch. Im Juni trat sie als dessen Präsidentin zurück und beendete damit ihre lange Politkarriere. Sie werde sicher Entzugserscheinungen haben, sagte sie, als sie ihren Rücktritt bekannt gab. Rumsitzen und Däumchen drehen scheint tatsächlich nichts für Hollinger zu sein.

Schon nach zwei Monaten im Politruhestand wird die ehemalige FDP-Landratspräsidentin wieder aktiv. Den September verbrachte sie auf der griechischen Insel Samos. Nicht etwa als Touristin, sondern als freiwillige Helferin in einem Flüchtlingslager. «Ich wollte die Situation mit eigenen Augen sehen und selbst beurteilen wie dort die Zustände sind», sagt sie.

Einen Monat lang arbeitete Hollinger in einem Safe Space für Frauen. Betrieben wird das Frauenhaus von der Zürcher Flüchtlingsorganisation Glocalroots. Das Haus mit Garten liegt im Städtchen Vathy, direkt neben dem Flüchtlingslager. Frauen können dort mit ihren Kindern einen Tag verbringen: Sie bekommen gesunde Mahlzeiten, haben Internetzugang und können zum Beispiel Englischkurse besuchen. Am Abend müssen sie ins Lager zurückkehren.

Zelte aus Baumstämmen und Plastiksäcken

«Für die Frauen ist es ein Ort, an dem sie sich für kurze Zeit vom Leben im Lager erholen können», sagt Hollinger. Über die Zustände im Flüchtlingscamp war sie schockiert. Die ehemalige Militäreinrichtung bietet eigentlich Platz für 700 Menschen, momentan leben dort etwa 5000 Flüchtlinge. Zu Spitzenzeiten waren es auch schon knapp 10000. «Die Menschen bauen sich Unterkünfte aus Baumstämmen und Plastiksäcken und es gibt keinen Strom.» Auch Toiletten gäbe es nur wenige, sodass sich die Menschen selbst welche bauen würden. «Das wiederum lockt die Ratten an».

Hollinger erzählt von einem zehnjährigen syrischen Mädchen, das im Frauenhaus das Essenspaket abholt: Einen Apfel, eine Orange, ein Ei und zwei griechische Petit Beurres. Die Mutter kann nicht kommen, weil sie vor kurzem einen Kaiserschnitt hatte und mit dem Neugeborenen im Zelt im Lager liegt. Und der Vater? «He stays in a line», sagt das Mädchen. Für die eine Mahlzeit am Tag müssten die Menschen bis zu fünf Stunden anstehen.

Behörden und Einwohner wollen nicht, dass sich Zustände verbessern

«Ich habe mich gefragt, was eigentlich mit all den Hilfsgeldern, auch aus der Schweiz, geschieht, als ich das Lager gesehen habe.» Schnell habe sie aber gemerkt, dass die lokalen Behörden und auch die Einwohner gar nicht wollen, dass sich die Zustände für die Flüchtlinge verbessern. Aus Angst vor einer Sogwirkung. Auch die NGO wolle man eigentlich nicht auf der Insel.

Hollinger sieht auch die Schweiz in der Pflicht. «Während man mit der Situation auf den griechischen Inseln hoffnungslos überfordert ist, liegt die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge momentan in vielen Gemeinden unter den Vorgaben», sagt sie am Telefon. In einem Text auf Social Media forderte sie von jeder Baselbieter Gemeinde eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen.

Persönliche Begegnungen mit geflüchteten Frauen

Als Gemeindepräsidentin war Hollinger schon selbst mit der Aufnahme von Flüchtlingen konfrontiert. 2012 wurde die Gemeinde Aesch verpflichtet, zusätzlich 20 Personen aufzunehmen, weil sie die kantonale Quote nicht erfüllte. Drei Jahre später wurde Aesch selbst aktiv und stellte freiwillig ein Durchgangszentrum für über 200 Flüchtlinge zur Verfügung.

Bleiben werden Hollinger vor allem die persönlichen Begegnungen mit den geflüchteten Frauen. Im Lager auf Samos kommen die meisten aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, dem Iran, Irak oder aus afrikanischen Ländern. In einem Nähkurs produzierte Hollinger gemeinsam mit einer Busfahrerin aus dem Iran, einer Köchin aus Syrien und einer Lehrerin aus Afghanistan Masken. «Die Lehrerin erzählte mir, wie sie als unabhängige Frau in Afghanistan mit dem Tod bedroht wurde. Das ging mir sehr nahe».

Feuer und zwei Coronafälle während dem Aufenthalt

Kurz vor ihrer Abreise brach im Lager ein Feuer aus. Und dann wurden noch zwei Personen positiv auf Corona getestet. Die Folge: Das Lager wurde geschlossen, die Menschen sind im Camp eingesperrt. «Das ist verheerend», sagt Hollinger. Zum einen sei die Gefahr einer Ansteckung dort sehr gross, die medizinische Versorgung schlecht. Zum anderen bedeute das Verbot des Ausgangs eine deutliche Verminderung der Lebensqualität.

Auch künftig wird Hollinger wohl nicht untätig ihren Ruhestand geniessen. Dass sie nochmals auf Samos zurückkehrt, stehe für sie fest. Ob nochmals als freiwillige Helferin, sei hingegen noch nicht klar.

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