Interview

Gemeindeschwester Dorli Biedert (91): «Ich tat halt einfach das, was man unter Menschen so tut»

Nachdem Dorli Biedert jahrelang Menschen pflegte, ist sie jetzt selber im Altersheim.

Nachdem Dorli Biedert jahrelang Menschen pflegte, ist sie jetzt selber im Altersheim.

Die 91-jährige Münchensteinerin Dorli Biedert spricht heute Abend über ihre Erfahrungen als Gemeindepflegerin.

20 Jahre lang war Dorli Biedert (91) Gemeindeschwester in Münchenstein. Seit drei Jahren lebt sie im Altersheim Hofmatt in Münchenstein. Heute spricht sie an einem Podium in Liestal.

Frau Biedert, Gemeindeschwestern gibt es heute nicht mehr. Was waren damals Ihre Aufgaben?

Ich kümmerte mich um pflegebedürftige Patienten im Dorf. Manche brauchten Spritzen oder Verbände, andere erhielten von der Weleda-Klinik in Arlesheim Ampullen, die ich dann verabreichte. Meine Patienten waren nicht nur Alte. Ich pflegte zum Beispiel zwei Junge mit Leukämie.

Waren Sie für Ihre Aufgabe vorbereitet?

An meinem ersten Tag 1969 stand ich vor einem blauen Koffer mit allem, was ich brauchte, und einer Liste mit den Patienten, die ich besuchen musste. Mehr hatten mir die Diakonissen, die vor mir meine Aufgabe erledigten, nicht hinterlassen. Ich bin ausgebildete Psychiatriekrankenschwester. Aber ich musste alles tun, was an mich herangetragen wurde.

Wie wurde Ihre Stelle finanziert?

Angestellt war ich vom Kranken- und Hauspflegeverein Münchenstein. Die Patienten zahlten vor Ort in bar, meistens hatten sie das Geld parat. Blutdruck Messen kostete einen Franken, Spritzen zwei Franken. Auf einem grossen Bogen mit allen Patienten trug ich alles ein, was ich tat. Am Ende des Monats ging ich mit dem Bogen zum Vereinskassier und holte meinen Fixlohn ab.

Konnten Sie Ihre Arbeit so ausgestalten, wie Sie wünschten?

Viele Patienten habe ich bis zum Tod begleitet, weil ich sie später im Altersheim besuchte, als ich sie nicht mehr pflegte. Teilweise litt ich mit den Patienten mit. Viele waren einsam, für sie konnte ich mir Zeit nehmen. Bei Sterbenden waren die Familien froh, wenn ich dabei war. Da blieb ich oft eine Nacht an einem Sterbebett, und am Morgen fragte mich niemand, ob ich ausgeschlafen war. Ich tat halt einfach, was man unter Menschen so tut.

Und nach Ihnen übernahm die Spitex Ihre Aufgabe.

Ja, die erledigt die Arbeit ganz anders. Da steht nicht der Mensch, sondern das Geld im Vordergrund. Neulich hörte ich, dass aufgeschrieben werden muss, wenn man bei einem Patienten den Rollladen hochzieht. Das ist doch verrückt.

Haben Sie jemals gedacht, dass Sie selber in einem Altersheim leben würden?

Als junge Frau sah ich oft vor dem Altersheim die alten Männer mit ihren Stöcken. Aber ich habe mir nie über mein Leben Gedanken gemacht. Ich tat einfach, was an mich herangetragen wurde.

Und jetzt sind Sie selber in einem Altersheim.

Vor drei Jahren hab ich mir das Altersheim zum zweiten Mal angeschaut. Von der Terrasse aus sah ich das Münchensteiner Dorf und den Wald und dachte: Jetzt kannst Du gar nicht anders, als Ja zu sagen. Münchenstein ist mein Leben.

Haben Sie den Entscheid jemals bereut?

Man sollte nie etwas bereuen im Leben. Hier muss zwar auch alles zuerst durch den Computer. Aber wenn man mal Hilfe braucht, sind sie schon für einen da. Nur etwas stört mich: Mein Leben lang war ich für alle die «Schwester Dorli». Ich fand das nicht abschätzig, denn einer Schwester kann man alles anvertrauen. In der Stiftung Hofmatt bin ich jetzt «Frau Biedert». Aber das ist für mich ein fremder Name.

 

Talkrunde «Pflege im Alter: daheim oder im Heim?»
Heute Abend, 19.30 Uhr im Martinshof, Liestal
Mit Dorli Biedert, Klaus Bally (Allgemeinmediziner), Ex-Pflegefachfrau Mariette Jecker, Hanspeter Meier (Graue Panther)
Moderation Röbi Koller

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