Wie ein Verrückter sieht er zwar nicht aus. Dennoch muss Moritz Thommen ein wenig verrückt sein. Mitte Juni verabschiedet er sich auf eine Weltreise der besonderen Art. Während fünf Jahren wird er mit Ehefrau Maya Leutert und Hündin Kaira auf Rädern unterwegs sein. Mit einem kräftig aufgemotzten Oldie-Lastwagen und aufgebautem, exquisitem Wohncontainer besuchen sie alle Erdteile. Thommen, ein passionierter Sammler von UNIC-Lastwagen und -Autos, hat einen 43 Jahre alten LKW total überholt. 2800 bis 3000 Stunden wendete er dafür auf.

Glücklich: Moritz Thommen in seinem Truck.

Glücklich: Moritz Thommen in seinem Truck.

«Sie reist gerne, ich reise gerne»

Der ETH-Maschineningenieur sog seine Leidenschaft für die frühere französische Automarke schon mit der Muttermilch ein. Sein Vater gründete die Garage Kurve in Bubendorf und importierte UNIC-Lastwagen. Für Moritz Thommen, den UNIC-Experten auf der Welt schlechthin, war immer klar: «Wenn ich eine Weltreise unternehme, dann nur mit einem solchen Lastwagen.» Was nun Tatsache wird.

Im vergangenen Jahrzehnt wuchs in ihm je länger, je stärker der Wunsch zu sehen, auf welchem Planeten wir leben. Dazu beigetragen hat seine jetzige Frau, die er 2011 kennen gelernt und vor zwei Jahren geheiratet hat. Zuvor verreiste Thommen fast nie in die Ferien. Das änderte sich mit dieser Partnerschaft schlagartig. «Seither mache ich öfters Ferien. Sie reist gerne, ich reise gerne.» Eindrückliches haben die beiden schon gesehen – unter anderem Bhutan, wo sie einen 40-Kilometer-Marsch auf 4000 Metern Höhe bewältigt haben. Nun begibt sich das Paar auf Weltreise. Beide sind begeistert.

«Vor allem interessieren mich auch andere Kulturen», erklärt der 64-Jährige. Moritz Thommen, der 1983 eine EDV-Firma gegründet und sich selbstständig gemacht hat, freut sich am meisten «auf den Moment, immer nur das zu tun, was ich gerne mache. Am Morgen aufstehen und schauen, was der Tag bringt, wie es weitergeht und wohin wir fahren.» Auf ein Leben ohne Bedingungen und Zwang, fasst der grauhaarige Frührentner zusammen.

Diese Zeit rückt unaufhaltsam näher. Für den 15. Juni ist die Fähre von Ancona (Italien) nach Igoumenitsa (Griechenland) gebucht. Von dort fährt das Ehepaar in die Türkei, wo es nahe Izmir Freunde trifft. Danach geht es nordwärts durch den Balkan ins Baltikum. Aus privaten Gründen kehren die zwei möglicherweise im Herbst für ein paar Wochen in die Schweiz zurück.
Als Fortsetzung steht die Fahrt an den Baikalsee in Sibirien an, im Anschluss ein Aufenthalt in der Mongolei. «Dann verbringen wir sicher zwei Jahre in Asien», schätzt Thommen. In Asien wird eingeschifft nach Australien, dann kommt Neuseeland an die Reihe. Als nächste Station ist Südamerika geplant. «Von dort bis hinauf nach Alaska wird es gegen zweieinhalb Jahre dauern.» Dann ist die Rückreise nach Hause vorgesehen, um gleich noch eine Kehre nach Südafrika oder zum Nordkapp anzuhängen. «Wir haben keine Ahnung, was uns alles erwartet. Wir wissen nicht: Bleiben wir gesund, was will das Leben von uns», philosophiert Moritz Thommen. Ein Plan B existiert nicht.

Dem grossen Abenteuer sieht er gelassen entgegen. «Ich löse die Probleme dann, wenn sie kommen», meint der Selfmademan trocken. In seinen selbst renovierten Lastwagen hat er unermessliches Vertrauen. Höchstens der Motor könne kaputtgehen. Für solche Fälle nehme er Ersatzteile und Werkzeug mit. «Und mit mir ist auch der Mechaniker dabei», lacht der Tüftler. Sollte die Windschutzscheibe in Brüche gehen, steht zu Hause Ersatz, der zum Abschicken bereit ist.

Thommen, in blauem Werkstattgewand und barfuss in Sandalen, dreht sachte den Schlüssel und lässt den Motor seines UNIC brummen. Auf einer kurzen Fahrt erzählt er über technische Details und die Vorzüge seines rollenden Heims.

Auch im Wohncontainer, für den das Paar einen Betrag in der Preisklasse einer kleinen Eigentumswohnung hingeblättert hat, ist alles durchdacht. Der Besitzer der holländischen Lieferfirma war selber auf einer Weltreise und hat deshalb grosse Erfahrung, was erforderlich ist, auch von der Konstruktion her. Gibt die Batterie zu wenig her, kann von der Lastwagenbatterie überbrückt werden – auch während der Fahrten. Alles ferngesteuert.

Dies, der Frischwassertank mit 500 Litern Inhalt und die zwei Abwassertanks mit je 200 Litern machen die Weltenbummler ziemlich unabhängig. Im Hinterteil findet noch ein Quad Platz für kürzere Ausflüge. Der Aufbau sei ein Haus «reduced to the max», meint Thommen begeistert. Es werde einem bewusst, dass man mit sehr wenig leben könne. «Meine Frau muss sich ein wenig mehr einschränken. Sie bekommt noch zwei, drei Kästchen von mir. Frauen brauchen ein bisschen mehr Platz. Aber sie weiss, worum es geht», ist der Baselbieter überzeugt.

«Nach Satellit und Gefühl»

Dessen Ehepartnerin hat die Zeichnungen auf dem Wohncontainer entworfen. Es sind schamanische Symbole aus allen fünf Kontinenten. Ein Spezialist hat die Folien aufgeklebt. Diese Aufmachung verleiht dem Gefährt eine ganz persönliche Note.

Sogar über die eineinhalbjährige Hündin Kaira, ein spanischer Podenco, macht sich Moritz Thommen keine Sorgen. «Wir haben sie, damit wir jeden Tag rausmüssen», schmunzelt er. Je nach Land müsse sie kurz in Quarantäne. Kaira ist offenbar ebenfalls reiselustig. Sie komme immer und überallhin gerne mit. «Besonders wohl fühlt sie sich, wenn sie im Lastwagen ist und hinausschauen kann», berichtet Thommen.

Der Lastwagen ist mit dem Nummernschild BL 2 versehen. Dieses Kennzeichen dürfte weltweit Kultstatus erlangen. Über spezielle Strassenkarten verfügt Moritz Thommen nicht. Für Westeuropa hat er jedoch ein gutes Lastwagen-Navi, «sonst fahre ich nach Satellit und Gefühl». Bis jetzt hat er von Personen, die ähnliche Touren unternommen haben, nur Positives gehört. Wenn man sich an die Reisewarnungen des EDA halte, sehe er keine Probleme, meint er.

In Thommens Lagerhalle am Dorfrand von Ziefen ist seine Sammlung mit 13 UNIC-Lastwagen aus den Jahren 1946 bis 1974 und fünf UNIC-Autos (1898 bis 1935) untergebracht. Darin integriert ist eine Wohnung. Diese und Teile der Halle wird er voraussichtlich vermieten. «Die Fahrzeuge werden während meiner Abwesenheit von einer Raumpflegerin, die auch die Wohnung putzt, jeden Monat ein bisschen abgestaubt», verrät Moritz Thommen. Damit sie auch noch glänzen, wenn der Globetrotter nach fünf Jahren zurückkehrt.

www.mokama.ch