Die Baselbieter SP hat ein Problem mit der Agglomeration. Dies ist das Fazit nach den eidgenössischen Wahlen vom Sonntag. Die Sozialdemokraten haben in fünf der elf Gemeinden im Kanton mit mehr als 10 000 Einwohnern die Poleposition bei den Parteistimmen-Zahlen abgegeben – in allen fünf wurde die SP von der SVP auf den zweiten Platz verdrängt. Es sind dies Binningen, Liestal, Muttenz und Therwil sowie die grösste Gemeinde im Kanton: Allschwil.

An der Spitze behaupten konnte sich die SP in zwei ihrer traditionellen Hochburgen. In Münchenstein und Birsfelden steht sie weiterhin an der Spitze bei den Stimmenanteilen, doch auch in diesen zwei Vororten verlor sie 574 (Birsfelden) und 307 (Münchenstein) Stimmen. In den übrigen neun Orten mit mehr als 10 000 Einwohnern herrscht neu oder weiterhin die Partei mit der Sonne im Logo, die SVP.

«Agglo zurückerobern»

Der Stimmenrückgang in der Agglomeration ist für die SP besonders bitter. Zwar verlor sie auch in anderen Gebieten, kantonal ging ihre Stimmenzahl im Vergleich zu 2011 um rund 12 Prozent zurück. Doch gerade in den sogenannten Gürtelgemeinden rund um die Stadt wollten die Genossen Boden gutmachen – oder sich zumindest halten. Im vergangenen Jahr erklärte die SP Schweiz die «Agglo» als prioritär. In der Mitgliederzeitung «links» vom Juni 2014 hiess es kampfeslustig: «An der Stadtgrenze sackt der Stimmenanteil der SP um 10 bis 15 Prozent ab. Mit dem Projekt ‹Starke SP in der Agglo› will die SP die Agglomeration zurückerobern.»

Was sind die Gründe für die Verluste, welche die SP am Sonntag auch andernorts erlitten hat im Umkreis der Kernstädte, die, wie Basel, mehrheitlich rot-grün regiert sind? Politgeograf Michael Hermann lieferte eine mögliche Erklärung bereits im Februar 2014 in einem bz-Interview. Demnach würden die Agglomerations-Bewohner in einem «Dazwischen» leben. Ein grosser Teil von ihnen betrachte den Wohnort als Kompromiss zwischen Notwendigkeit und Wunsch. «Man muss in der Nähe der Stadt wohnen, weil da die Jobs sind», konstatierte Hermann. «Gleichzeitig sehnt man sich nach Idylle, Ruhe, Überschaubarkeit.»

Personenfreizügigkeit und Einwanderung – dies sind laut Michael Hermann städtisch empfundene Probleme und diese würden in der «Agglo» als Bedrohung betrachtet «für den letzten Rest ländlicher Idylle». Hermanns Analyse ist geprägt vom Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative, die auch in einigen Baselbieter Agglomerationsgemeinden Zustimmung fand. Heute würde Hermann als Beispiel für eine empfundene Bedrohung wohl an erster Stelle die Flüchtlingskrise nennen.

Genau das tut Gabriela Vetsch, Co-Präsidentin der SP Binningen. «Die SVP hat ganz sicher von der aktuellen Flüchtlingssituation in Europa und der von ihr schon lange bewirtschafteten Wahrnehmung dieser Probleme profitiert», schreibt sie auf Anfrage. In Binningen büssten die Sozialdemokraten im Vergleich zu den eidgenössischen Wahlen 2011 mehr als 13 Prozent ihrer Stimmen ein.

Ständerat: kein Rechtsrutsch

Knapp 12 Prozent weniger Stimmen gegenüber vor vier Jahren machte die SP in Muttenz. Die Muttenzerin Kathrin Schweizer, Erstnachrückende auf der SP-Nationalratsliste, will sich nicht auf die Äste hinaus lassen. Sie glaubt aber nicht, dass die Sektion zu wenig Wahlkampf betrieben habe. «Wir waren häufig auf der Strasse», sagt Schweizer.

«Nur» 11 Prozent ihrer Stimmen von 2011 verlor die SP in Allschwil. Landrat Andreas Bammatter ist Vorstandsmitglied der Ortssektion und Präsident der SP-Fraktion im Einwohnerrat. Bammatter stimmt Gabriela Vetschs Analyse zu, die SVP habe national die Flüchtlingsproblematik beackert, «und das fand nun wohl auch auf lokaler Ebene seinen Niederschlag». Dann habe die SVP auch ein grösseres Werbebudget zur Verfügung gehabt. Die SP hätte aber «durchaus noch ein wenig stärker mobilisieren können».

Nicht unerwähnt lassen will Bammatter, dass bei der Ständeratswahl Claude Janiak auch in Allschwil klar vor Christoph Buser lag: «Hier ist der Rechtsrutsch nicht eingetreten.»

Sektionen waren überrascht

Unbestritten ist wohl, dass die SP-Ortsparteien – trotz Vorzeichen – den starken Einbruch nicht erwartet hatten. «Ich war am Sonntag völlig überrascht», sagt Kathrin Schweizer. «Ich hätte wirklich nicht mit einem derartigen Verlust gerechnet.»