Zum zweiten Mal fand im römischen Theater von Augst ein Dreiländer-Slam statt: Und wie bei der Premiere vor einem Jahr stimmte alles: das Wetter, das Line-Up, der Publikumsaufmarsch.

Die Ausgangslage war für alle Teams dieselbe, wie Moderator Laurin Buser erklärte: Sie mussten einen Text präsentieren, der sich um das vorgegebene Stichwort drehte: «grenzwertig».

Nach einem Warm-up durch die junge Pfeffinger Slammerin Gina Walter eröffnete Renato Kaiser für das Team Helvetica den Dichter-Wettstreit mit einer Aufarbeitung des skandalisierten Schweizer WM-Ereignisses: dem Doppeladler von Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka.

Wider die Doppelmoral

Klug führte der St. Galler in seinem emotionalen Text die hiesige Doppelmoral vor. Das Geschäft mit dem Krieg, kein Problem für die neutrale Schweiz, die Kriegsmaterial exportiert. Wenn aber eine Familie aus einer Kriegssituation hierher geflüchtet ist, dabei ihre Geschichte und jene ihres Volkes mitbringt, hat man kein Verständnis. Kaiser baute in seinen fulminanten Text denn auch ein brandaktuelles Ereignis ein: Er sprach über den Berner Nationalrat Erich Hess und dessen Verwendung des N-Worts und erwähnte en passant, dass ihm «eine Basler Gugge dafür sogar die Ehrenmitgliedschaft angeboten hat».

Gekonnt kombinierte Kaiser Politik mit Pointen. Und traf damit den Nerv der Jury, die ihn zum Rundensieger kürte. Die junge Österreicherin Anna-Lena Obermoser hatte mit ihrem assoziativ-poetischen aber auch schwer verständlichen Text (das nicht nur, weil sie Dialektsätze einflocht) einen schweren Stand.

Politisch, aber schwerer verdaulich war der Text von Alex Burkhard, seines Zeichens amtierender deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister.

Ernste Beiträge aus Deutschland

Sein Text spielte im Jahr 1942 und beschrieb eine Szene in einem schwedischen Dorf, wo ein Polizist den Auftrag hatte, die Durchfahrt eines Sonderzugs aus Norwegen sicherzustellen, eines Zugs mit Hakenkreuz-Logo, eines Zugs mit Soldaten.

Konnte der Schwede diesen einfach so passieren lassen? «Dieser Zug ist der Krieg. Und er ist nie neutral», sagte Burkhard am Ende.

Und man ahnte, dass man das Wort Schweden auch durch Schweiz ersetzen könnte.

Das deutsche Team rollte Geschichte auf, ernsthaft und nachdenklich. Jean-Philippe Kindler überrollte das Publikum allerdings mit seinem anspruchsvollen Text über 1969, die Studentenunruhen und Adorno. Da war Sandra Da Vina publikumsfreundlicher, auch, weil sie mit ihren Gedanken zum Jahr 2018 nah am Alltag war: Auf einer Zugreise hatte sie keinen Internetempfang. Und realisierte, wie befreiend das war, ohne den ganzen Hass, der einem in den sozialen Medien entgegenbrandet. «Wann sind eigentlich alle Menschen so wütend geworden», fragte sie. Und kam in ihrem Text zum Schluss, dass das viel gerühmte Global Village oft nur an eine dreckige Kneipe erinnere.

Die Trolle und Hater beschäftigten auch den Österreicher Yannick Steinkellner in seinem Text «Weisse Männer», während sein Kollege Fabian Navarro «die schöne neue Welt» der künstlichen Intelligenz vor Augen führte.

Wortspielreiche Schweizer

Es waren eindrückliche Texte, die Beiträge kritisch, oft politisch und im Fall der Schweizer Vertreter auch reich an Wortspielen und -witzen. Die Aargauerin Patti Basler unterhielt mit ihren Gedanken zum Cervelat und zu Andreas Glarner, diesen «Hanswurst». Der amtierende Schweizermeister Kilian Ziegler lud zur grenzwertigen Reise eines Geisterfahrers.

Das Schweizer Team mit seinen Mundarttexten überzeugte am Ende die meisten Jurymitglieder, gewann knapp mit einem hauchdünnen Punkt Vorsprung auf Österreich.

War der Sieg aus neutraler Sicht berechtigt? Doch, auch nach Abzug des Heimvorteils kann man ihn absolut gelten lassen. Das Team Helvetica lieferte ausschliesslich starke Auftritte – und in seinem finalen Team-Text auch einen Gedanken, den es für die Organisatoren mitzunehmen gilt: Warum eigentlich hat dieser Wettstreit, so nah am Dreiländereck, keine französische Beteiligung? Nur der deutschen Sprache wegen? Das Schweizer Team plädierte klar für den Einbezug unserer Nachbarn, mit dem Slogan: «Nie mehr ohne – Frankofone!» Ob der Appell ankommt? On verra.