Region Basel

Berichterstattung im ersten Weltkrieg: Reporter lebten Gefährlich

Im Ersten Weltkrieg konnte man in Basel und Umgebung den Krieg zwar täglich hören, aber es gab kaum geprüfte Informationen darüber: Die Zeitungsredaktionen berichteten über einen Krieg, in dem sie nichts nachprüfen konnten.

Auch das war eine Katastrophe: Im Ersten Weltkrieg konnte man in Basel und Umgebung den Krieg zwar täglich hören und nachts das Feuer im Elsass sehen. Aber es gab kaum verlässliche Informationen darüber. Da geschah Weltgeschichte vor der Haustüre, und man wurde von den Kriegsparteien mit einseitigen Meldungen abgespeist.

Weder Journalisten noch Privatpersonen konnten solche Meldungen nachprüfen oder die Front im Elsass selber besuchen, denn bald nach Kriegsbeginn hatten die Deutschen die Schweizer Grenze mit einem 45 Kilometer langen Zaun abgesperrt.

Marktfrauen ausgehorcht

Das Interesse am Krieg im Sundgau war in der Region Basel sehr gross. Die Bevölkerung zog in Scharen aufs Bruderholz, auf die Margarethenterrasse oder nach Schönenbuch, um den Krieg vom Balkon aus verfolgen zu können. Man eilte an die Grenze und zu den Zollämtern, um etwas aufzuschnappen und Einreisende auszufragen. Um genauere Informationen zu erhalten, mussten die Zeitungsredaktionen damals einiges an Kreativität aufbieten.

Die Basellandschaftliche Zeitung, die Basler Nachrichten und die National-Zeitung zogen alle Register, um die Leserschaft bei der Stange zu halten. Sie lauschten dem Kanonendonner, zählten Flugzeuge und Züge, beobachteten Truppenbewegungen, schätzten Distanzen und versuchten, mit dem Feldstecher etwas Genaueres zu erspähen.

In den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs waren die Grenzen und sogar die Front noch durchlässig, der Drahtzaun noch nicht errichtet. Das nutzten Privatpersonen und Reporter aus, um ihre Wanderungen und Velotouren «zufällig» ins Elsass auszudehnen. Sie fragten die Leute im Sundgau nach ihren Beobachtungen und berichteten diese den Zeitungen. Auch die Marktfrauen, die zu Kriegsbeginn noch Gemüse aus dem Sundgau nach Basel brachten, wurden ausgefragt und in den Zeitungen zitiert.

Andere gingen hinüber nach Saint-Louis, das damals noch Sankt Ludwig hiess, und besuchten verletzte Soldaten in den Spitälern, um auch diese auszuhorchen. Ausgefragt wurden auch Reisende oder Kriegsgefangene, wenn sie aus dem Kriegsgebiet nach Basel kamen, oder Landsturmsoldaten aus dem Sundgau, die mit der Birsigthalbahn (heute Tramlinie 11) nach Basel und weiter nach Deutschland reisten. Substanzielles war auf diese Weise jedoch kaum zu erfahren.


«Grandioses Kanonenkonzert»

Die Redaktionen haben in vielen Berichten auf sich selber vertrauen müssen und sich selber einen Reim auf den ständigen Kanonendonner gemacht. Wenn sie gar keine Informationen hatten, haben sie den Kriegslärm beschrieben, als wäre es eine Konzertkritik. Die Geschütze haben «ihre raue Stimme erschallen lassen», hiess es da, oder man höre einen «unheimlichen eisernen Gesang». Nach einer Pause «erhoben die schweren Haubitzen aufs Neue ihre Stimme», schreibt ein Redaktor, und der «blutige Tanz» im Elsass gehe weiter - als wärs ein Ballett.

Der Kriegslärm wird als «grandioses Kanonenkonzert» beschrieben, als «schauriges Konzert» oder fast schon nüchtern als «Kriegskonzert». Dabei gehen die Redaktoren ins Detail und beschreiben in ihrer Not sogar den Charakter des Geschützlärms: «Bald schwach verhallend, bald zu unheimlichem Getöse anschwellend, dröhnte das Geschützfeuer ohne Unterbruch herüber.» Das Artilleriefeuer wird beschrieben als lebhaft, andauernd, anschwellend, höllisch, unheimlich und so weiter.

Mehr Glück haben die Redaktionen, wenn sie konkrete Beobachtungen auswerten können, zum Beispiel wenn sie Flugzeuge sehen oder Zeppeline, Leuchtraketen, Scheinwerfer, Blitze von Abschüssen oder Explosionen. So berichteten die Zeitungen über jedes Flugzeug, das von Basel aus erblickt wurde und jeweils Scharen von Leuten auf die Strassen und freien Plätze trieb. Mit der Dauer des Krieges wuchs die Zahl der Flugzeuge, der Motorenlärm wurde langsam alltäglich: «Diese Musik wiederholt sich im Elsass alle Tage.»

Zumindest in einem Fall hat ein Reporter der «Basler Nachrichten» eine Beobachtung gemacht und richtig gedeutet. Er sah, dass die deutschen Umschlagplätze der Bahn nachts beleuchtet waren. Daraus zog er den Schluss, dass besonders viele Soldaten und Material verladen werden und folglich Kämpfe bevorstehen.

Gute Ortskenntnisse

Die Redaktoren haben sich in etlichen Fällen mit einer sehr guten Kenntnis des Sundgaus über Wasser halten können: Sie konnten oft gut einschätzen, wo es geknallt hatte und bei welcher Ortschaft Rauch aufgestiegen war.

Damals galt in Deutschland die Mitteleuropäische Zeit, in Frankreich jedoch die mittlere Pariser Zeit. So konnte 1916 ein Redaktor aufgrund der Uhrzeit schätzen, welche Kriegspartei gerade das Artilleriefeuer eröffnet hatte.

Die Redaktionen lagen aber nicht immer richtig. 1914 schrieb die bz, der Krieg werde lange dauern, nämlich etwa ein Jahr. 1915 schrieb das gleiche Blatt, der Krieg werde in acht Monaten zu Ende sein, weil alle Parteien erschöpft seien.

In den letzten Tagen des Krieges versiegen die Berichte über den Krieg im Sundgau. Fast könnte man meinen, die Redaktionen der Zeitungen in der Region Basel hätten das Kriegsende verschlafen. Tatsächlich haben zwei andere Themen den Weltkrieg aus den Schlagzeilen verdrängt. Zunächst wütete die Spanische Grippe. Die Zeitungsseiten füllten sich mit Todesanzeigen und Reklame für Medikamente. Die Angst ging um, da schien der Krieg weit weg und sowieso bald zu Ende. Zudem sorgten revolutionäre Unruhen und der Generalstreik von 1918 für mehr Unsicherheit als der Krieg, von dem man keine Gefahr mehr befürchtete.

Der Generalstreik sorgte auch dafür, dass die Zeitungen bei Kriegsende immer dünner wurden. Etliche Ausgaben wurden nur mit wenig Personal als Notausgaben herausgebracht, und einige sind wegen des Streiks gar nicht erschienen.

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