Nostalgie

Zum Start der Openair-Saison: Wir blicken auf die besten Konzerte im alten Joggeli zurück

Früher war die fussballfreie Zeit geprägt von Rockkonzerten. In diesem Jahr tritt im St. Jakob-Park nur Helene Fischer auf. Die «Schweiz am Wochenende» ging den Gründen nach – und fand auf der anderen Strassenseite einen kleinen Hoffnungsschimmer.

Die Fussballsaison ist vorbei, Stille kehrt ein im Joggeli. Nur einmal wird sie durchkreuzt in den nächsten beiden Monaten. Wenn Helene Fischer ihre Schlagerhits wie «Atemlos durch die Nacht» durch die Abendluft trällert (26. Juni). Das aber vermag die Rocknostalgiker nicht zu besänftigen. Sie trauern den Zeiten nach, in denen in den Sommermonaten die Gitarrenriffs durchs Fussballstadion hallten.

Die Grossen waren alle da in den 80ern und 90ern: Guns n’ Roses, Pink Floyd, die Rolling Stones oder U2, um nur einige zu nennen. Einige Topstars wie Tina Turner liessen Basel nie aus auf ihren Tourneen. Die Amerikanerin gab zwischen 1987 und 1996 gleich vier Konzerte am Rheinknie. Doch seit der Eröffnung des neuen Joggeli 2001 ist die Konzertdichte stark gesunken. Das letzte Highlight liegt vier Jahre zurück: Metallica traten 2014 auf.

Fussball ist eben König in Basel, ist man versucht zu sagen. Doch die Basler Konzertflaute hat viele andere Gründe. Am Willen des Gastgebers liegt es nicht. Jonas Blechschmidt, Leiter Stadion und Gastronomie beim FC Basel, sagt, der FCB habe durchaus Interesse an Rockkonzerten. «Wir finden Konzerte toll, aber sie sind mit einem grossen zeitlichen Aufwand verbunden.» Das grösste Problem sei ein logistisches. «Dadurch, dass der FCB sich seit Jahren für die europäischen Wettbewerbe qualifiziert, gibt es viele Sperrdaten, die für den Fussball reserviert sind.»

Ein Rockkonzert besetzt das Stadion eben nicht nur einen Abend. Sieben Tage vor dem Konzert startet der Aufbau der Bühne, insgesamt ist das Stadion für zehn Tage besetzt. So ist es quasi unmöglich, ab Ende Juli noch freie Termine zu finden – dann beginnt der FCB seine Saison auf europäischer Ebene.

Und auch für die verbleibenden zwei Monate ist es schwierig, grosse Acts nach Basel zu locken. Gegen die Konkurrenz aus Zürich und Bern war man in den vergangenen Jahren oft chancenlos. Vor allem der Zürcher Letzigrund hat ein starkes Argument. Dank der Tartanbahn fasst das Stadion 48'000 Zuschauer und somit 7000 mehr als das Joggeli. Bei Ticketpreisen von weit über 100 Franken sind dies bei ausverkauftem Haus Mehreinnahmen von rund einer Million Franken.

Und in Zeiten rückläufiger Platten- und CD-Verkäufe sagen die Bands dazu nicht Nein. Erschwerend kommt für Basel hinzu, dass die Schweiz europaweit die höchste Festivaldichte hat. Die Veranstalter stehen sich auf den Füssen und balgen derzeit um die ganz wenigen grossen Gruppen, die noch Stadien füllen können. Auch Zürich und Bern bekommen das zu spüren. Der Vorverkauf für das Foo-Fighters-Konzert im Stade de Suisse vom 13. Juni läuft jedenfalls schleppend, wie zu hören ist.

Konkurrenz ist härter geworden

Wie früher dürfte es also nie mehr werden. Und doch gibt es für die Musikliebhaber einen Hoffnungsschimmer - ennet der Strasse. Im Oktober wird die neue Joggelihalle eingeweiht. 12'000 Zuschauer wird das Stadion fassen, bisher waren es 8500. Das hatte zur Folge, dass Basel in den vergangenen Jahrzehnten auch in der Herbst- und Frühlingssaison Musikbrache war. Nun schickt sich einer an, die Stadt wieder auf die musikalische Weltkarte zu bringen: Thomas Kastl, der Geschäftsführer der St. Jakobshalle. «Es ist Wunsch und Ziel, dass wir endlich wieder mehr Konzerte in Basel haben», sagt er.

Wenn es nach ihm geht, wird es in Zukunft im Joggeli «jeden Monat ein gescheites Konzert geben». Ein Blick auf den Terminkalender zeigt, dass er davon noch weit entfernt ist. Für dieses Jahr sind erst Filmkomponist Hans Zimmer (7. November) und Schlagerstar Andreas Gabalier (7. Dezember) angekündigt, 2019 steht bisher nur der italienische Tenor Andrea Bocelli auf dem Programm.

Kastl sagt, es könne kein Senkrechtstart erwartet werden. «Die Agenten der Musiker sitzen zu 90 Prozent in London. Basel muss sich erst wieder einen Platz auf der Karte erarbeiten.» Er räumt ein, dass dies trotz seiner über Jahrzehnte geknüpften Beziehungen harte Arbeit wird. «Die Konkurrenz in der Musikszene hat sich in den vergangenen Jahren extrem verändert», sagt er. Nicht nur Festivals schössen in der Schweiz aus dem Boden, sondern auch Konzerthallen. Im Raum Zürich gibt es neben dem Hallenstadion nun neu auch die Maag Hall und die Samsung Hall. Letztere habe dafür gesorgt, dass die schottische Sängerin Amy Macdonald, obwohl geplant, nicht in Basel aufgetreten sei.

Der Geschäftsführer der St. Jakobshalle hat nun aber das Gefühl, dass man mit der neuen Halle längerfristig Paroli bieten kann. Zürich habe nahezu einen Überfluss an guten Konzerten. «Ich sehe das als gutes Argument für Basel, wo nicht annähernd diese Dichte herrscht. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass hier mehr Leute an ein Konzert kommen. Wenn Rod Stewart sieben Mal in Zürich gewesen ist, ist es vielleicht schlauer, mal nach Basel auszuweichen», findet Kastl.

Neben dem grösseren Fassungsvermögen und dem Standort mit dem Einzugsgebiet aus dem Dreiland setzt er auch Hoffnungen in die verbesserte Logistik. Der zu schmale Eingang der alten Halle habe das eine oder andere Konzert verhindert. Der Auftritt von Shakira sei so verunmöglicht worden. «Jetzt bekommen wir zwei 4.80-Meter-Einfahrten. Die Lastwagen können mit dem ganzen Bühnenbild rein- und wieder rausfahren. Das erleichtert vieles», sagt Kastl.

Basel mit grosser Hypothek

Ein anderer Branchenkenner teilt diesen Optimismus nicht. «Die Dinosaurier der Rockmusik sterben aus», sagt Thomas Dürr, Chef des Konzertveranstalters Act Entertainment. Wer sich danach sehne, dem biete das Z7 in Pratteln heute genügend Gelegenheiten. Den Standortvorteil Basels sieht er im Gegensatz zu Kastl nicht. «Die Bands wollen in Zürich spielen. Das ist in der öffentlichen Wahrnehmung die coolste Stadt.» An den schlechteren Rahmenbedingungen habe sich ebenfalls kaum etwas geändert. «In Basel hat die Regierung auch alles gemacht in den vergangenen Jahrzehnten, um die Eventveranstalter fernzuhalten.»

Zürich biete eine Reihe von Vorteilen: Die Veranstalter müssten nicht für die Transportkosten der Besucher aufkommen, tiefere Quellensteuern bezahlen und hätten niedrigere Abgaben für das Polizeiaufgebot. Für Dürr ist die Joggelihalle auch von der Grösse her nicht optimal. Er sieht eine grössere Nachfrage für mittelgrosse Hallen zwischen 2000 und 6000 Besucher.
Kastl wird alles daransetzen zu beweisen, dass seine 12'000er-Halle nicht zu gross ist für Basel. Für das nächste Jahr habe er mit mehreren grossen Künstlern Kontakt, einer habe bereits unterschrieben. Er lässt sich nicht von seiner Überzeugung abbringen: «Künftig muss man nicht mehr für jeden Event nach Zürich fahren müssen.»

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