Neues und Tradition
Zuhause in der Schweiz und Sri Lanka - ein Tanz mit zwei Welten

Während sie tanzt, verbindet Gayathri Sritharan Traditionelles mit Neuem. Das gilt nicht nur fürs Tanzen: Sie ist Baslerin mit tamilischen Wurzeln. Das Heimatland ihrer Eltern gehört zu ihrer Geschichte, sie war schon immer in zwei Welten zuhause.

Noemi Lea Landolt
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Im Tanztheater «The Camouflage Project» steht Gaya Sritharan mit ihrer Geschichte stellvertretend für die jungen Tamilen in der Schweiz.

Im Tanztheater «The Camouflage Project» steht Gaya Sritharan mit ihrer Geschichte stellvertretend für die jungen Tamilen in der Schweiz.

Kenneth Nars

Ihrem indischen Guru berührt sie die Füsse, wenn sie ihm danken möchte. Ihre Eltern umarmt sie, weil es für sie so am natürlichsten ist. Gayathri Sritharan, genannt Gaya, ist Tamilin. Geboren wurde sie vor 22 Jahren in Basel, in ihrer zweiten Heimat Sri Lanka war sie erst zweimal – zuletzt vor mehr als zehn Jahren. Für sie ist klar: «Ich bin Baslerin mit tamilischen Wurzeln.» Das sagt sie mit einer Überzeugung, an der es nichts zu rütteln gibt.

Selten fühlte sie sich hin und her gerissen zwischen den zwei Welten. «Wahrscheinlich, weil nie jemand von mir erwartet hat, mich für das Eine oder Andere zu entscheiden.» Ein Entweder-oder gibt es in ihrem Leben nicht. Seit sie vier Jahre alt ist, tanzt sie den klassischen indischen Tanzstil Bharathanatyam und studiert nun Jus an der Uni Basel.

Viele Tamilen der zweiten Generation empfinden die Traditionen aus der Heimat ihrer Eltern als einengend, als etwas, das den Fortschritt hemmt und ihnen im Weg steht. Gaya winkt ab. Die Frage sei, wie jemand mit Traditionen umgehe: «Übernimmst du sie blind, ohne sie zu hinterfragen? Oder nimmst du sie als Vorschlag an und machst etwas Eigenes daraus?»

Die über 100-jährigen Choreografien, die sie tanzt, bringen sie der Kultur ihrer Eltern näher. «Gleichzeitig hindern sie mich nicht daran, Gaya im Jahr 2015 in Basel zu sein.» Sie entwickelt neue Elemente, verbindet Traditionelles mit Neuem und findet es schön, wie zwei Kulturen aufeinandertreffen und verschmelzen. «Es ist wie mit dem Alphabet: Du lernst die Buchstaben im Kontext einer Sprache – aber niemand verbietet dir, neue Sprachen zu lernen.»

Nicht im Krieg und doch im Krieg

Im Gegensatz zu ihren Eltern haben Gaya und ihr jüngerer Bruder den Bürgerkrieg in Sri Lanka nicht miterlebt. Sie mussten nicht um ihr Leben fürchten, nicht Familie und Freunde zurücklassen und in einem fremden Land ein neues Leben aufbauen. Trotzdem sagt Gaya, der Krieg gehöre zu ihr: «Er ist Teil meiner Biografie und Persönlichkeit. Während wir hier wohlbehütet aufwuchsen, uns in der neuen Heimat integriert haben, war in Sri Lanka Krieg. Das kannst du nicht einfach ausblenden.» Dass ihre Eltern vor dem Krieg geflüchtet sind, war Gaya bereits früh bewusst. «Ich merkte ja, dass ich anders aussehe als die Schweizer Kinder. Und in meiner Klasse gab es viele andere Kinder, deren Eltern auch vor einem Krieg geflüchtet sind.»

Die Geschichten ihrer Eltern kennt sie allerdings nicht en détail. «Ich habe das Gefühl, dass die erste Generation der Tamilen vieles noch gar nicht bewältigen konnte und die älteren Menschen deshalb nicht unbedingt gerne darüber sprechen.» Sie wisse nicht, wie sich ihr Vater auf der Flucht wirklich gefühlt oder wie ihn der Krieg verändert habe. Sie weiss, dass er seinen Bruder verloren hat, in der Schweiz mehrere Jobs hatte, um sich eine neue Existenz aufzubauen – aber auch, um sich abzulenken von den Bildern und der Einsamkeit. Wenn sie mit ihren Eltern über den Krieg spricht, ist es ein langsames Vortasten: «Ich weiss nicht, was sie vertragen und auch nicht, was ich vertrage.»

Gemischte Gefühle

Gaya vermisst ihre Verwandten in Sri Lanka. Trotzdem kann sie sich im Moment nicht vorstellen, in die Heimat ihrer Eltern zu reisen. Auch wenn diese sie ermutigen, ihr sagen, es sei jetzt sicher, der Krieg vorbei. «Ich weiss einfach noch nicht, wie ich emotional zu diesem Land stehe.» Es sei paradox: Obwohl sie nie im Krieg war und nicht dort aufgewachsen ist, habe sie Angst davor, dass sie den Krieg noch spürt, die Bilder, die Geschichten und die Vergangenheit ihrer Familie im Land nicht einfach wegdenken kann. Die tamilischen Wurzeln gehören halt ebenso zur Baslerin. Es sind die beiden Teile, die sie in sich zu einem neuen Ganzen vereint hat.

Deshalb berührt sie auch die Füsse des indischen Gurus, wenn sie ihm danken möchte. Nicht, weil sie die tamilische Kultur zwingt, sich zu unterwerfen: «Das wäre ja völlig gegen mein Wesen.» Gaya tut es, weil er es so versteht und so kennt.

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