Interview
Zolli-Direktor Olivier Pagan blickt auf ein bewegendes Jahr zurück: «Die Tiere können nicht ins Homeoffice»

Der Basler Zolli muss wieder schliessen. Direktor Olivier Pagan spricht übers Jahr 2020, die Elefanten und die Primaten-Initiative.

Nora Bader
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Er blickt auf ein bewegtes Jahr zurück: Zolli-Direktor Olivier Pagan.

Er blickt auf ein bewegtes Jahr zurück: Zolli-Direktor Olivier Pagan.

Roland Schmid

Es ist ein kalter Dezembermorgen. Zollidirektor Olivier Pagan zieht Winterjacke und Maske an. «Wollen wir einen Spaziergang machen? Ich bin gerne so oft wie möglich draussen», sagt er, als er uns empfängt. Das war, bevor der Bundesrat gestern die Massnahmen verschärft hat. Mittlerweile sieht die Situation schon wieder anders aus.

Olivier Pagan, der Bundesrat hat beschlossen, dass Zoos wieder schliessen müssen. Ein harter Schlag?

Olivier Pagan: Wir bedauern diese Massnahme, sehen aber, dass es nicht um unsere Institution als solche geht, sondern um das Verhindern der Mobilitätsströme. Ja, es ist sehr schade, dass wir schliessen müssen, wir sind aber froh, dass aktuell nicht unsere besucherintensivste Zeit ist. Natürlich entgehen uns die gut besuchten Feiertage. Die Situation ist aber nicht so gravierend wie vergangenen Frühling. Es ist uns auch klar, dass wir keine andere Wahl haben, und es ist wichtig und richtig, dass wir uns alle an diese Vorgaben halten. Was den Zoo betrifft, ist wichtig zu wissen: Die Qualität der Tierhaltung hat auch während der Schliessungszeit Priorität und ist optimal sichergestellt. Kasse, Restaurant und Shop sind in dieser Zeit geschlossen. Für dieses Personal wird Kurzarbeit beantragt, wie im Frühling.

Das Jahr 2020 war herausfordernd.

Angefangen hat es sehr gut, mit milden Temperaturen und guten Besucherzahlen – bis die Hiobsbotschaft kam. Der erste Lockdown ging uns unter die Haut. Wir konnten nicht alle Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken. Die Tiere können auch nicht ins Homeoffice. Ein grosser Teil der Mitarbeitenden muss hier sein.

82 Tage war der Zolli im Frühling geschlossen. Das Loch in der Kasse beträgt 3,4 Millionen Franken.

Und was das prozentual ausmacht, kann ich noch nicht sagen. Die Frühlingssaison ist immer die beste; diese Einnahmen fehlen. Jetzt kommt der zweite Lockdown dazu. Wir können wider Erwarten das Defizit vom Frühling nicht aufholen, obwohl wir ab Juni bessere Zahlen hatten als im Vorjahr. Allerdings haben wir viele Spenden von unseren treuen Donatoren erhalten mit dem Vermerk «für den Betrieb». Diese Güte motiviert uns sehr.

Haben Sie nicht langsam die Schnauze voll?

Der Zolli ist wie ein KMU. Wenn man verantwortlich ist für das Führen eines Unternehmens, ist klar, dass es Momente gibt, in denen man Sicherheit haben möchte. Und wir wussten, es dauert nicht ein paar Tage, sondern wie Bundesrat Alain Berset sagte: Wir müssen uns auf einen Marathon vorbereiten. Als Marathonläufer fand ich das ein gutes Bild. Ich habe eine gute Crew. Ich trage die Last nicht allein. Wir haben 200 Mitarbeitende. Wir können nicht warten und dann reagieren, sondern müssen immer vorbereitet sein. Bisher hatten wir glücklicherweise praktisch keine Covid-19-Fälle.

Wir stehen jetzt vor dem Löwengehege. Die sehen zufrieden aus. Wie wirkt sich der Lockdown auf die Tiere aus?

Wir müssen uns immer wieder vergewissern, dass wir nicht den Fehler machen, unsere Emotionen ins Tier zu projizieren. Was wir aber festgestellt haben ist, dass Flächen, die sonst den Besuchern gehören, wie Wege sehr schnell in Beschlag genommen wurden von Tieren, die sonst im Zolli sind. Etwa Störche oder Enten, die hier landen und wieder starten. Eine Biologin hat für uns zehn Tage die Menschenaffen im Lockdown beobachtet. Dasselbe tat sie im Herbst nochmals. Die Resultate sind noch nicht da. Ziel ist es, wissenschaftlich zu eruieren, ob es Unterschiede gibt.

Bleiben wir bei den Affen. Die sogenannte Primaten-Initiative gab dieses Jahr viel zu reden. Wie stehen Sie dazu?

Wir sind der Meinung, dass wir qualitativ optimale Tierhaltung betreiben im Zoo. Das hat nichts mit Grundrechten oder Teilgrundrechten zu tun. Es geht nicht darum, den Tieren Grundrechte zu geben, sondern den Menschen, die sie halten, Pflichten aufzuerlegen, und auf dieser Basis ist unsere Tierschutzgesetzgebung aufgebaut. Die Tierschutzverordnung erlässt der Bund, die Kantone vollziehen sie. Auch wir als zoologischer Garten werden kontrolliert vom kantonstierärztlichen Dienst. Deshalb sehe ich diese Initiative als nicht zielführend. Wissend, dass in Basel-Stadt nur noch die Langen Erlen und der Zolli Primaten halten. Eine Lex Zolli machen zu wollen, kann ich nicht nachvollziehen.

Haben Sie die Initiative als Angriff empfunden?

Es ist schwierig zu beurteilen, weil die Initianten sagten, es gehe nicht um den Zolli, sondern um Tierversuche, dass die Haltung optimal sein müsse. Tierversuche in Basel wurden in der Pharma mit Primaten gemacht. Vor zwei Jahren wurde das gestoppt. Ich verstehe deshalb nicht, weshalb die Initiative aufrechterhalten wird. Weil wir nicht die Zielscheibe der Initiative sein können.

Ihre Gegner gehen generell sehr aggressiv vor, das sah man bei der Abstimmung ums geplante Ozeanium 2019.

Ob das dieselben Gegner sind, weiss ich nicht. Was ich hingegen feststellen kann: Es gibt viele Leute, die sich für den Schutz der Tiere einsetzen mit der Absicht, eine gute Haltung zu ermöglichen. Und dann gibt es Leute, welche die Haltung von Tieren generell ablehnen. Das wird schwierig. Tierschutz ist nicht teilbar. Dann ist die Haltung von Katzen und Hunden auch fehlbar.

Gebaut werden kann das neue Vogelhaus für 25 Millionen Franken. Wie ist da der Stand der Dinge?

Die Planung hat fast vier Jahre gedauert. Zuerst mussten die Vögel platziert werden in anderen Zoos, oder sie wurden bei uns in das extra gebaute Gewächshaus gezügelt. Die Aussenanlagen sind modelliert. Wir haben Ende vergangenen Jahres mit dem Rückbau angefangen, jetzt ist er abgeschlossen, und wir sind am Aufbau. Es gab etwas Verzögerungen in dieser unsicheren Zeit, weil gewisse Dinge in der Planung verschoben werden mussten. Zum Glück konnte von einem Baustopp abgesehen werden.

Sind fürs neue Jahr weitere Projekte geplant?

Es gibt im Vivarium ein Terrarium für einen Schlammteufel (Riesensalamander aus dem nordamerikanischen Raum, d. Red.). Das Aquaterrarium wird im ersten Quartal aufgehen. Soeben ist eine neue Tierart, der Urson, in die für ihn angepasste Anlage gezogen. Das Antilopenhaus haben wir umgebaut, aber wegen der zweiten Welle wurden wir unsicher, ob die Eröffnung jetzt Sinn macht. Deshalb warten wir auf sicherere Zeiten. Ich will nicht leere Versprechungen an die Besucher machen.

Wie sieht es bei den Elefanten aus? Nachwuchs kam keiner. Jack musste wieder ausziehen. Wann kommt Ersatz?

Wenn man Zootiere hält, ist man eingebettet im Netzwerk der zoologischen Gärten. Elefanten sind bedrohte Tierarten und in europäischen Erhaltungszuchtprogrammen EEP eingegliedert. Die sorgen dafür, dass die Zoos Tiere bekommen, die genetisch optimal zusammenpassen. So soll die genetische Gesundheit der Zoopopulationen aufrechterhalten werden. Jack hatte im Zoo, wo er zuvor war, Junge gezeugt. Er ist ein sogenannter «prooven breader», und hier klappte es nicht. Er ging zurück. Weil es dort, wo er herkam, wieder Elefantenkühe gibt, die trächtig werden könnten. Wir sind in Kontakt mit dem EEP, um einen neuen Bullen zu bekommen. Stand jetzt kommen zwei in Frage. In den nächsten Monaten werden wir erfahren, welcher es sein wird.

Wo sind diese Kandidaten jetzt?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich möchte nicht vorgreifen.

Die Kühe auszutauschen war kein Thema?

Früher tat man dies und stellte fest, dass die Elefantenkühe als hochsoziale Wesen dann Mühe haben, sich in einer anderen Kuhgruppe zu integrieren. Auf Stufe EEP wurde entschieden, mit den Bullen zu rotieren. Die Kühe bleiben, wo sie sind. Ein Imitat aus natürlichen Verhältnissen quasi: Eine Herde wird von der Matriarchin geführt, der Bulle ist immer auf der Seite der Herde und pickt sich die brünstige Kuh hinaus.

Zum Schluss. Haben Sie wirklich kein Lieblingstier?

Wenn Sie so mit Nachdruck fragen, sage ich: Das ist mein Hund zu Hause. Ich habe den Zolli so lange erlebt und mitgestalten dürfen, seit 1993 als Tierarzt und seit acht Jahren als Direktor. Da habe ich festgestellt, dass jedes Tier in seiner Art faszinierend ist. Ich kann mich in einen Termitenstock verlieben oder finde ein Erdmännchen herzig. Die Biologie ist das, was mich fasziniert. Und ich hatte wirklich gute Lehrmeister hier.