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«Wir gehen ein kleineres Risiko ein»: Open Air Basel verlegt Hauptbühne ins Innere

«Wir wollen unser Publikum bereichern.»

Sandro Bernasconi:

«Wir wollen unser Publikum bereichern.»

Das Open Air Basel verlegt in seinem zehnten Jahr die Hauptbühne in die Reithalle. Leiter Sandro Bernasconi erklärt, warum.

Drei Tage vor Festivalbeginn ist plötzlich alles anders: Wer am Dienstagmittag das Programm des Open Air Basel online studierte, musste feststellen, dass alle Konzerte der Main Stage auf dem Kasernenareal in die Reithalle verschoben worden waren. Was ist passiert? Open-Air-Basel-Leiter Sandro Bernasconi gibt Auskunft.

Warum der kurzfristige Entscheid, die Bühne zu verlegen?

Sandro Bernasconi: Wir haben bis zuletzt abgewogen, ob wir die grosse Bühne aufbauen sollen. Zum einen sind die Ticket- und Getränkeeinnahmen abhängig von der Wettersituation. Mit der Variante, die sechs Konzerte in der Reithalle stattfinden zu lassen, machen wir uns vom Wetter unabhängiger und hoffen damit auf mehr Besucherinnen und Besucher. Gleichzeitig erhöhen wir die Zugänglichkeit zum Festivalzentrum und der Bühne mit spannenden Bands aus der Schweiz. Zudem hatten wir einen sehr hohen finanziellen und organisatorischen Aufwand, um die Lärmemissionen der Konzerte auf der grossen Bühne einzudämmen.

Ist das Festival also vor den Lärmgegnern eingeknickt?

Nein, das kann man so nicht sagen. Das Open Air Basel bietet auch in diesem Jahr ein Musik- und Rahmenprogramm im Freien. Dazu kommt das Klubprogramm zur Jubiläumsausgabe ab Mitternacht im Renée, im Parterre One und im Rossstall der Kaserne Basel. Mit der Verlegung der sechs Acts von der Main Stage in die Reithalle der Kaserne gehen wir ein kleineres finanzielles Risiko ein und können uns auf den Inhalt freuen.

Ist das neue Konzept auch ein Schlag gegen die grassierende Gratis-Kultur?

Nein, die Veranstaltungen auf dem Festivalzentrum unter freiem Himmel bleiben ja gratis. Das schliesst die Mitten-in-der-Woche-Bühne mit spannenden Schweizer Bands, Essens- und Getränkeständen sowie Workshops ein. Nur die grossen Acts wandern in die Reithalle der Kaserne Basel.

Heisst das auch, dass weniger Publikum Platz findet? Die Reithalle fasst ja weniger Besucher als das Areal.

Die Reithalle und das Festivalareal auf dem Kasernenplatz haben zusammen eine Kapazität von rund 2500 Besuchern. Das entspricht mehr oder weniger den Platzverhältnissen, die wir zuvor hatten. Die Reithalle allein kann 1200 Personen aufnehmen.

Die Reithalle ist eine passable Alternativbühne.

Ja, das ganze Team und ich freuen uns sehr. Das Festivalzentrum wird so sogar noch an Attraktivität gewinnen, und die Headliner des Musikprogramms können in jedem Fall unter professionellen Bedingungen unabhängig vom Wetter spielen. Und das sogar lauter, als wenn sie draussen gespielt hätten!

Sie waren als Verantwortlicher von Beginn weg dabei. Was war in den zehn Jahren Ihr persönlicher Höhepunkt?

Das Konzert von Michael Kiwanuka im Jahr 2015 war für mich ein sehr emotionaler Moment. Mich hat als Veranstalter sehr berührt, wie aufmerksam das Publikum zugehört hat.

Was aber nicht bedeutet, dass es nur ruhig und beschaulich zugeht.

Auf jeden Fall. Ein Gegenbeispiel war der Auftritt der Beginner 2016, der auch zu meinen Highlights gehört. Die haben eine grosse Show abgeliefert mit allem, was dazgehört.

Womit die inhaltliche Spannweite des Open Air Basel abgesteckt wäre. Haben Sie keine Bedenken, dass das Festival dadurch gesichtslos wird?

Im Gegenteil. Ich finde, wir definieren uns gerade durch diese musikalische Offenheit. Dass das durchaus sein Publikum findet, beweisen etwa die Musikfestwochen Winterthur oder das Primavera in Barcelona und Porto.

Apropos Publikum: Wie stark wählen Sie Ihre Künstler nach der Zugkraft aus?

Die Ticketverkäufe sind natürlich ein Punkt, der uns beschäftigt. Aber in erster Linie machen wir ein Programm, an das wir inhaltlich glauben. Die Ticketverkäufe und die Gastro-Einnahmen sind aber ein wesentlicher Punkt zur Finanzierung des Festivals. Wir brauchen diese Einnahmen und die Unterstützung, um unser vielfältiges Programm auch umsetzen zu können. Das ist teils ein grosser Kraftakt.

Aber grundsätzlich gilt: Grössere Namen bringen mehr Publikum.

Ich habe kürzlich mit einem befreundeten Musiker darüber gesprochen und wir haben folgende Faustregel gefunden: Wenn man bei den Songs mitsingen kann, kommen mehr Leute. Aber wie gesagt, das ist nicht unsere Maxime, weswegen wir im diesjährigen Programm so etwas wie Tshegue (Freitag, 9. August, 20,45 Uhr, Anm. d. Red.) haben, deren Afro-Punk vielleicht etwas sperriger ist.

Sie wollen Ihr Publikum verstören?

Nein, wir möchten es bereichern. Wir wollen möglichst allen eine Bühne bieten, wenn die Qualität stimmt. Und wir hoffen, dass wir damit auch helfen, Mauern gegenüber fremden Kulturen abzubauen. Bei Acts wie Baba Zula (Samstag, 10. August, 20,45 Uhr, Anm. d. Red.) kann das durchaus auch eine politische Komponente annehmen: Die Band hatte in ihrer Heimat Türkei Mühe, ihr Album zu veröffentlichen. Sie musste auf ein deutsches Label ausweichen. Wir reden hier von Zensur.

Eine Plattform bieten ist das eine. Erleben Sie aber auch Zuspruch vom Publikum?

Ja. Das haben wir beispielsweise vergangenes Jahr beim Konzert der türkischen Psychedelik-Truppe Altin Gün sehr eindrücklich erlebt: Da kamen sehr viele Leute aus dem Quartier, die wir noch nie zuvor am Open Air Basel gesehen hatten.

Diversität leben Sie auch in Sachen Geschlechterquote: Dieses Jahr treten bei Ihnen mehr Musikerinnen als Musiker auf. Ein bewusster Entscheid?

Wir hatten im vergangenen Jahr schon eine Frauenquote von 45 Prozent. Dass diesmal erstmals mehr Frauen im Programm sind, habe ich aber erst nachher bemerkt. Ich höre oft, auch von anderen Veranstaltern, dass es nicht möglich sei, zugkräftige weibliche Headliner zu finden. Doch meine Erfahrung ist anders.

Lassen Sie uns zurückblicken auf die Anfänge. Ursprünglich hiess das Open Air Viva Con Agua. Wollte man mit der neuen Namensgebung das Revier markieren?

Nein. Ich weiss, was Sie meinen, vielleicht würden wir uns heute auch nicht mehr für den Namen Open Air Basel entscheiden. Damals wollten wir bewusst etwas Offenes, weil wir uns noch platzieren und einen eigenen Charakter herausarbeiten mussten. Wir haben erst im Lauf der Jahre gemerkt, wo wir uns hinbewegen wollen.

Der Name impliziert vielleicht auch eine höhere Beteiligung von Basler Bands.

Wir sind sicher keine regionale Szeneschau. Das ist mit HillChill, Imagine, JKF, Pärkli Jam und BScene bereits gut abgedeckt. Aber es ist uns dennoch ein Anliegen, in der Basler Szene gut vernetzt zu sein. Hier haben wir durch die Zusammenarbeit mit «Mitten in der Woche» eine gute Lösung gefunden, um die Nebenbühne zu bespielen. Zudem haben wir dieses Jahr mit Kallemi und Mr. Ray für die grosse Bühne Opener gefunden, die eine Basler Beteiligung haben. Auch bei den Aftershows haben wir Schweizer Acts im Programm. Wir müssen uns also keine Vorwürfe machen.

Sie sprechen die Aftershows an: Dieses Jahr finden nach Mitternacht Konzerte in der Kaserne, im Parterre One und im Renée statt. Was ist der Gedanke hierbei?

Zum einen wollten wir natürlich dem Publikum die Möglichkeit geben, weiter Musik zu geniessen, wenn es draussen nach Mitternacht still wird. Zum anderen wollten wir die anliegenden Institutionen mit einbinden. Das sind Teams, die das ganze Jahr über in diesem Quartier arbeiten, das hilft enorm.

Gleich geblieben ist in den zehn Jahren der Standort. Ist das Kasernenareal ein Vor- oder ein Nachteil?

Wir sind von der Ausrichtung her ein urbanes Festival, weswegen der Standort passt. Wir können hier auf die Infrastruktur der Kaserne zurückgreifen. Anwohnertechnisch ist es sicher nicht ganz einfach. Wir haben in Basel nur einen begrenzten Platz für verschiedene Nutzungen zur Verfügung. Das zeigt sich bei Festivals, aber auch bei der Parkplatzsuche am Morgen um drei Uhr, das ist ein unbestrittenes Problem.

Blicken wir noch in die Zukunft. Wie lange bleiben sie dem Open Air Basel erhalten?

Ich weiss, dass man ein Projekt, das man mitbegründet hat, eines Tages abgeben sollte. Aber ich und Danielle Bürgin, die wir von Anfang an dabei waren, sind nach wie vor so Feuer und Flamme für das Open Air Basel, dass ich noch auf den möglichen Nachfolger warte, bei dem ich diese Begeisterung auch spüre. Bis dahin möchte ich diese ehrenamtliche Arbeit noch nicht aus der Hand geben.

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