Die kleine Frau dirigiert einen grossen Bagger. Sie gibt dem Fahrer Anweisungen, mehr mit den Händen und Armen als mit der Stimme: «Da noch ein wenig Kies weg, hier noch ein wenig höher.» Der Baggerfahrer lächelt. Er scheint zufrieden zu sein mit seinem Job. Wann schon hat er, der Bauarbeiter, Gelegenheit, ein Kunstwerk mitzugestalten? Und nicht irgendeines, sondern das grösste und schwerste der diesjährigen Art Basel.

Die spanische Künstlerin Lara Almarcegui gibt dem Baggerführer jeden Morgen Anweisungen. Von Montag bis Freitag. «Am Wochenende wird kein Kies gewonnen», erklärt sie. Pro Tag kommen 250 Tonnen, insgesamt sind das 1250. «Ich wollte eine möglichst einfache Form, ohne einen genauen Plan zu machen», erklärt sie. «Aber ich muss das Ganze ein wenig kontrollieren. Der Verkehr muss ja noch zirkulieren können, es braucht auch noch Platz für die Art-Gäste.»

Die Künstlerin redet über ihre Kieshaufen, als ob sie das Normalste der Welt seien. In den vorbeifahrenden Trams sieht man Staunen und Köpfeschütteln: «Was soll denn das wieder!» Almarcegui nimmt das kaum war. Sie ist total fokussiert auf das, was sie tut. Und sie tut es schon lange: das Aufhäufen von Steinen, Erde oder anderen Naturmaterialien.

Die Verwandlung der Landschaft

Almarcegui ist 1972 in Saragossa geboren. Ihr Studium hat sie in Amsterdam absolviert, seither lebt sie in Rotterdam. Die Industrie- und Hafenstadt hat ihre Kunst geprägt. Sie begann dort darüber nachzudenken, wie Bauten entstehen. Wie sich welches Naturmaterial letztendlich in Gebäude, Quartiere, Städte verwandelt. Von da weg arbeitet sie mit Rohmaterialien. Sie schichtet sie in Museen auf, wie 2015 im Kunsthaus Baselland.

Dort liess sie den Erdaushub eines Einfamilienhauses ins Museum kippen. 2013 vertrat sie ihr Heimatland an der Biennale von Venedig. Sie berechnete dafür das Baumaterial, aus welchem der spanische Pavillon gebaut ist, und schichtete die entsprechenden Materialien zu einer Installation. Solche Berechnungen stellt sie auch als schriftliche Dokumente aus. Dann betreffen sie ganze Städte: 446 Millionen Tonnen Beton für São Paulo in Brasilien. Oder 946 Tonnen Stein für die Altstadt von Dijon.

«Ich interessiere mich für die Verwandlung von Landschaft in Architektur», sagt Almarcegui. «Ich versuche, Orte zu begreifen. Wie diesen Platz hier. Er besteht aus Beton und dieser wiederum wird aus eben diesem Kies gewonnen.»

Für Basel hat die Künstlerin bei Architekturbüros und Städteplanern recherchiert. Sie wollte wissen, aus welchem Material die Stadt gebaut ist. Dabei stiess sie auf die zahlreichen Kiesgruben, die Basel umgeben. Oder besser: Auf die Brachflächen, die ausgeschöpfte Gruben hinterlassen. Zehn dieser Brachen hat sie in einem Heft dokumentiert, das jeder Passant auf dem Messeplatz mitnehmen kann.

Diese verlassenen Kiesgruben hätten sie interessiert, sagt die Künstlerin. «Ich liebe Brachland. Es ist Land, das wartet, es ist offen für neues. Es sind Orte der Freiheit.» An solchen Leerstellen könne viel von der Entwicklung einer Stadt abgelesen werden.

Almarcegui spricht schnell und auf den Punkt, ohne Geschwurbel. Ihr ist klar, dass die meisten Besucher vor allem eines sehen: Steine. Sie sagt: «Ich glaube, das Material, so wie es hier ist, ermöglicht jedem Betrachter eine Erfahrung, ein Erlebnis. Darum geht es: Kunst ist Erfahrung.» Es gehe ihr um eine einfache, direkte, nicht intellektuelle Konfrontation mit dem simplen Material.

Und was bedeutet ihr persönlich dieser täglich wachsende Kiesberg?
«Für mich verströmt die Installation Melancholie. Weil sie so einfach ist. Es geht einzig um diese kleinen Steine, rau und nackt. Sie sind das Material, aus dem die Stadt gebaut ist.»
Und was meint wohl der Baggerfahrer dazu? «Die Arbeiter mögen diese Arbeit», sagt die Künstlerin. «Das Material, mit dem sie täglich Arbeiten bekommt plötzlich eine neue Wertschätzung.»

Das bestätigt auch der Disponent der Muttenzer Firma Meyer-Spinnler, welche die Steine liefert. «Es ist toll, so etwas zu machen. Zu 99 Prozent werden diese Steine zu Beton verarbeitet. Nun sind sie wieder einmal für alle sichtbar.»