Elisabeth Bronfen

Verschwörungstheorien: «Warum ist es dir so wichtig, das zu glauben?»

Elisabeth Bronfen: «Es müsste eine Form des Entzugs geben.»

Elisabeth Bronfen: «Es müsste eine Form des Entzugs geben.»

Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen erklärt, was Covid19 mit den US-Wahlen gemein hat und warum historisches Denken heilsam ist.

Elisabeth Bronfen, Professorin für Anglistik an der Universität Zürich, spricht heute im Rahmen der Stadtkino-Filmreihe «Unites States of Paranoia» am Literaturhaus ­Basel über das beherrschende Lebensgefühl unserer Zeit.

Alle sprechen von den steigenden Fallzahlen im Zusammenhang mit der Pandemie. Wie steht es mit den Fallzahlen bei den Paranoikern?

Elisabeth Bronfen: Tatsächlich hat der Covid19-Ausbruch sehr viele unterschiedliche Spekulationen im Denken der Menschen geweckt. Dazu gehören einerseits Fantasien, wie schön die Welt sein könnte, wenn die Menschen sie nicht zerstören, weil sie abwesend sind. Aber andere Fantasien haben tatsächlich mit Verschwörungen zu tun: Man will sich vorstellen, dass es eine höhere Macht gibt, die für alles verantwortlich ist und uns so die Verantwortung abnimmt.

Wenn Schweizer Behörden die Wirksamkeit von Schutzmasken herunterspielen, im Wissen darum, dass es zu wenige gibt – hat das schon verschwörerische Züge?

Nein, ich würde das noch keine Verschwörung nennen. Das ist eine politische Entscheidung, die im Moment vielleicht verständlich ist, sich im Nachhinein aber als unklug erwiesen hat. Das gleiche gilt auch für die ­Informationen, die man zu Beginn erhielt, dass nämlich nur Männer ab Mitte Sechzig oder Menschen mit Vorerkrankungen betroffen seien. Das hat sich eingeprägt, ältere Menschen sollen zu Hause bleiben, aber die ­Jüngeren trifft das nicht. Dabei gehen die aktuell steigenden Fallzahlen hauptsächlich auf junge Leute zurück. Fragt man sich also, warum sie sich so ­unvernünftig verhalten, dann ist das in dieser ursprünglichen Kommunikation begründet. Und auch das ist noch keine Verschwörung, sondern eine Mischung aus fehlender Information und den Forderungen ­verschiedenster Interessengruppen: Wirtschaft, Schulbehörden und Krankheitswesen.

Woher stammt dann aber dieses Bedürfnis, Verschwörungen zu erkennen und zu benennen?

Zum einen ist es das, was der deutsche Soziologe Niklas Luhmann Komplexitätsreduktion genannt hat, beziehungsweise die Fähigkeit oder Unfähigkeit, mit Kontingenzen umgehen zu können. Tod und Krankheit sind ja grundsätzlich kontingent, man kann sich zu schützen versuchen, sich gesund ernähren, aber es kann einen immer ­treffen. Weil das sehr schwer zu ertragen ist, sucht man sinnstiftende Erzählungen. Es gibt also einen grossen Plan, ich wurde sozusagen auserwählt. Das ist die Reduktion der Komplexität. Und dann hat es wie bereits erwähnt mit Verantwortung zu tun. Wenn eine höhere Macht dahintersteht – ein chinesisches Labor oder George Soros –, ist man selber nicht verantwortlich und weiss, wogegen man sich auflehnen soll. Denn das Virus ist unsichtbar, man kann sich schlecht dagegen wehren, ausser man hält sich an unzuverlässige Schutzmassnahmen. Hat man aber Verantwortliche, gibt es auch einen klaren, sichtbaren und greifbaren Feind.

Zu diesem Thema ist eben Ihr neues Buch «Angesteckt. Zeitgemässes über Pandemie und Kultur» erschienen. Worum geht es darin genau?

In den ersten Wochen des Lockdown habe ich gebannt auf die Prognosen von Virologen, Politikern und Gesundheitsbehörden geschaut. Es handelt sich dabei um Spekulationen, und ich dachte mir, dass an anderen Orten ja auch spekuliert wird, nämlich in der Literatur und im Film. Ich war immer sehr ergriffen von dem Satz des deutschen Philosophen Hans Blumenberg: «Wozu erzählt man Geschichten? Im besten Fall, um sich die Zeit zu vertreiben; im weniger guten, die Angst.» Da dachte ich mir: Wie sieht denn unser «Pandemiearchiv» aus? Welche Geschichten werden erzählt, welche Sinnbilder werden uns angeboten? Diese habe ich mit den Narrativen verschränkt, die uns die Medien liefern. Es war also ein Art Dialog: Ich schaute in der Geschichte zurück, wie die Apokalypse dargestellt wurde, und verglich mit den Narrativen, die ich heute wiederfinde. Das Interessante an der Spekulation ist eben nicht nur, was geschehen ist und was als nächstes passieren wird, sondern wie eine Situation nachträglich aussehen wird. Die Katastrophe bietet die Möglichkeit zum Innehalten und Nachdenken.

Gibt es da wiederkehrende Geschichten?

Ja, durchaus. Die ganzen Pandemiefilme zum Beispiel sind sehr viel dramatischer, farbiger und schneller als das, was wir jetzt erleben. Aber: Es gibt immer Überlebende, aus denen eine neue Gemeinde werden könnte – selbst wenn es Mutanten sind. Die Literatur beschreibt Unterschiedliches. «Die Pest» von Camus kann man zum Beispiel als eine in fünf Phasen konzipierte Seuchengeschichte lesen, die unserem Erleben sehr nahe kommt: Erstaunen, Entrüstung, Aufbegehren, Abfinden, Akzeptanz. Viele dieser Seuchentexte sind eine Mischung aus «Man hätte es voraussehen können» und Eigensinn, weil man sich an bestimmte Massnahmen nicht gehalten hat. Und wenn die ­Seuche vorbei ist, vergessen die Leute sofort, was war, und es passiert wieder. Diese moralische Anklage findet sich ständig: Warum ward ihr so unvorsichtig und eigennützig? Bis weit ins 19. Jahrhundert werden Seuchen immer auch mit göttlicher ­Rache verknüpft, das ist heute zumindest in unseren Breitengraden nicht mehr der Fall. Erkrankte Menschen werden im Grossen und Ganzen nicht als sündig oder fehlerhaft gesehen.

Weist die Literaturwissenschaft beim Aufdecken solcher Muster nicht selbst paranoide Züge auf?

Natürlich. Paranoide Muster ­findet man einerseits in unserer judeo-christlichen Religion, weil wir davon ausgesehen, dass es eine höhere Kraft gibt und alles bedeutsam ist. Diese Bedeutung manifestiert sich allerdings nicht an der Oberfläche, wir müssen sie vielmehr lesen. Das war bei den amerikanischen Puritanern besonders ausgeprägt, deshalb haben die US-­Literatur und -Kultur einen starken Hang zur Paranoia. Die frühen religiösen Autoren sind darauf aus, die Zeichen zu lesen, die Gott schickt. Daraus entwickelt sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Psychoanalyse, die extrem stark mit dem Verdacht operiert: Alles, was ich tue, ist bedeutsam, aber versteckt und muss deshalb decodiert werden. Und um dieses Aufdecken geht es bei der Hermeneutik, dem Auslegen der Bibel, der Psychoanalyse oder der Literaturwissenschaft immer: Jedem Text wird unterstellt, das er ein Geheimnis hat. Das ist paranoid.

Zur Einstimmung auf die US-Wahlen läuft noch bis Monatsende die Filmreihe «The United States of Paranoia» im Stadtkino. Warum ist das politische Misstrauen der Sechzigerjahre so aktuell?

Als Amerikanistin bin ich streng mit Menschen, die meinen, die USA erklären zu können, ohne deren Geschichte zu kennen. Sie kennen den Puritanismus nicht und auch nicht die McCarthy-Hexenjagd auf vermeintliche Kommunisten. Dieser Antikommunismus spielte auch im Film eine wichtige Rolle, etwa in «The Invasion of the Body Snatchers», der in Basel gezeigt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nicht nur einen äusseren Feind, es bestand auch die Gefahr, dass er schon längst im Innern ist. Viele politische Reden liefen darauf hinaus, den inneren Feind zu entdecken. Mit diesem paranoiden Stil wurde eine Politik betrieben, die genau diese Furcht schürt.

Dieser paranoide Stil scheint überlebt zu haben.

Wir sehen ihn jetzt bei Donald Trump wieder, davor gab es den Krieg gegen Drogen, gegen ­Kriminalität und gegen Terror. Und wie Susan Sontag einst bemerkte: Gegen Terror lässt sich kein Krieg führen. Die Paranoia von 9/11 war, dass die Grenzen nicht dicht sind – was ja auch stimmte. Nur war der Grund ­dafür die Inkompetenz der Geheimdienste. Es gab genügend Informationen über den geplanten Anschlag, aber man hat sie nicht ernst genommen. Also machte man aus einer konkreten Verschwörung und der Unfähigkeit der Regierung eine viel grössere, allumfassende Verschwörung, die einen in einen permanenten Alarmzustand versetzte. Mit der Pandemie erleben wir jetzt wieder dasselbe.

Beim Virus stösst man wie beim Terrorismus auf das Bild der Grenze: Menschen sind nie ganz «dicht»…

Genau. Deshalb habe ich mir auch verschiedene Denkbilder angeschaut: Pandemie und Krieg, Pandemie und Vampir, Pandemie und Frau. Und eines davon ist die Invasion, die Grenze hält nicht. Interessanterweise habe ich kein Beispiel für Pandemie und Migration gefunden: Die Zombies in George A. Romeros «Dawn of the Dead» zum Beispiel sind keine Einwanderer.

Wie geht man mit dieser paranoiden Stimmung um?

Mit Verschwörungstheoretikern kann man meines Erachtens nicht argumentieren. Man kann sie vielleicht analysieren, aber auch nur, wenn sie das wollen. Ich würde einen Verschwörungstheoretiker immer fragen: Warum ist es dir so wichtig, das zu glauben? Psychoanalytisch gesprochen: Welchen libidinösen Genuss ziehst du aus dieser Fantasie? Und wenn die Leute noch ein bisschen vernünftig sind und sich auf das Gespräch einlassen, kann man sie langsam dazu bringen, zu sagen, was sie wirklich bewegt: Mein Mann hat mich verlassen, mein Hund ist gestorben. Ich befürchte aber, dass die meisten Verschwörungstheoretiker sich an ihre Narrative klammern wie an eine Krücke: Nimmt man sie ihnen weg, fallen sie hin und können nicht mehr laufen.

Was schlagen Sie also vor?

Es müsste eine Form des Entzugs geben. Der Unterschied zwischen der Trump-Regierung und den hiesigen Regierungen ist, dass Trump die Paranoia ­vorsätzlich schürt, weil er sich politischen und wirtschaftlichen Profit davon erhofft. Würde man dem etwas Kluges entgegenhalten, könnte man es vielleicht eindämmen — das wäre meine Fantasie. Historisches Denken hat etwas Beruhigendes. Man merkt beim Vergleichen, dass diese Katastrophe nicht einzigartig ist, sie wird überwunden werden. Wir brauchen in diesem Jahr, das aus der Zeit gesprungen ist, unterschiedliche Orientierungsangebote. Aber es wäre unklug und verantwortungslos, sich an Verschwörungstheorien zu halten.

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