Trendfahrzeuge
Harley-Feeling ohne Führerschein: Die Ridelecs erobern Basels Velostreifen

Man sieht sie immer häufiger in den Strassen Basels: die Ridelecs – elektrische Scooter im Harley-Davidson-Style. Nicht nur Jugendliche holen sich ein solches Teil, auch bei Senioren sind sie beliebt.

Zara Zatti
Merken
Drucken
Teilen
Das Modell Fat Boy ist dank Gangster-Flair besonders gefragt.

Das Modell Fat Boy ist dank Gangster-Flair besonders gefragt.

Easymotors Schweiz

Plötzlich waren sie da, auf Basels Strassen – die Ridelecs (das «e» bei «ride» wird laut gesprochen). Besser gesagt tauchten sie nicht auf Basels Strassen, sondern auf deren Velowegen auf, denn meist nur da sind sie zugelassen. Den Begriff Ridelec kennen die wenigstens – gesehen hat wohl jeder schon eines dieser augenfälligen Gefährte. Die Elektro-Scooter entwickelten sich in den letzten Jahren zu einem urbanen Trendmobil. Besonders gefragt sind die Modelle mit den dicken Pneus, dem tiefliegenden Sattel und dem hohen Lenker. Die sogenannten Fat Boys sehen aus wie eine Mischung aus Harley Davidson und Trottinet.

Ridelec: Modell Fatboy

Ridelec: Modell Fatboy

Easymotors Schweiz

Anders als bei einem echten Töff muss man als Fahrer eines Fat Boys aber fast nichts können: Ab 16 Jahren braucht man keinen Führerschein, kein Nummernschild und auch einen Helm muss man nicht tragen. Dafür fährt das gute Stück mit Pedalen aber auch maximal 25 Stundenkilometer und man schafft es mit der Batterie im Heck nur etwa 60 Kilometer weit – auf dem Veloweg also von Basel bis nach Aarau. Für die E-Scooter ohen Nummernschild gelten die gleichen Regeln wie für langsame E-Bikes. Der Name Fat Boy stammt von einem gleichnamigen Harley-Davidson-Modell aus dem Jahr 1989 – bekannt wurde dieses, als Arnold Schwarzenegger als «Terminator» darauf sass –, symbolisieren soll er den fetten Look der Maschine.

Der Ridelec: Ein Symbol der Strasse – und der Männlichkeit

Die umweltfreundliche Scooter-Adaption hat einen etwas weniger fetten Look und gibt beim Losfahren an der Ampel auch ein weniger imposantes Geräusch von sich: anstelle eines aufbrausenden Motors nur ein lautloses Davonschleichen. Auffallen tut man damit allerdings allemal – ob positiv, sei mal dahingestellt. Doch auf Basels Velowegen sind es weniger Miniatur-Rocker, die den elektrischen Fat Boy fahren, sondern eher Miniatur-Gangster. Der Prototyp des Fat-Boy-Fahrers: männlich, Trainerhose, schwarzer XXL-Hoodie, Slang und machohaftes Auftreten. Oder aber Uber-Eats-Fahrer. Letztere dürften Gefallen am bequemen Auf- und Absteigen gefunden haben, denn dank dem tiefen Sattel geht das fast ohne das Bein heben zu müssen. Frauen auf einem Fat Boy sind ein seltenes Phänomen.

Ansonsten sieht man vor allem Jugendliche auf den urbanen Vehikeln. Diese dürften sich, neben der Tatsache, dass man keinen Führerschein braucht, auch von Basels Rapper S-Hot von «Szene isch Basel» inspiriert haben lassen. Dieser zelebriert in einem seiner Rap-Videos das Ghetto-Image der Ridelecs: Neben Polizeikontrollen, brennenden Autos und Kampfhunden sitzt ein junger Mann breitbeinig auf einem Fat-Boy-Modell. Mit seiner tiefen Sitzlage und der damit aufgezwungenen Haltung erinnern die Fat Boys auch an Hip-Hop-Videos aus den frühen Nullerjahren, in denen Jungs mit breiten Fubu-Hosen auf tiefgelegenen Chopper-Velos durch die Vorstadtstrassen cruisen.

Ist der Ridelec zu teuer, kann man ihn auch leasen

In Basel gibt es zwei grosse Anbieter der szenigen E-Scooter: die Emovemotors AG und Easymotors Schweiz. Ein Modell kostet zwischen 3000 und 4000 Franken. Für Jugendliche mit Taschengeld oder Lehrlingslohn ein ganz schön hoher Betrag. Doch: Wie es die Grossen beim BMW M3 machen, bietet sich ihnen die Möglichkeit, den Scooter zu leasen: für 69 Franken pro Monat geht das bei Emovemotors.

Ein Verkaufsmitarbeiter bei Easymotors sagt, den Jugendlichen gefalle vor allem, dass man die Fat Boys nach individuellen Vorlieben gestalten könne: Es gibt sie in allen Farben, auch Sonderanfertigungen werden gemacht. Der Fat Boy belegt bei Easymotors Platz Nummer zwei im Verkauf. Doch nicht nur Junge wollen das Teil fahren, auch immer mehr ältere Leute ab 65 Jahren ergattern sich laut Easymotors einen Fat Boy: «Sie wollen nochmals das ‹easy rider›-Gefühl erleben. Das Gefühl von Freiheit und Jugendlichkeit.»

Bei den Senioren dürfte der Fat Boy – wie bei den Uber-Eats-Fahrern – wohl auch mit seiner leichten Besteigbarkeit punkten. Schaut man sich das Gefährt genauer an, hat es tatsächlich auch etwas von einem elektrischen Rollstuhl. Doch nicht nur Teenager und Senioren scheinen auf den Geschmack gekommen zu sein, auch bei Spirituellen liegt das Gefährt offenbar im Trend. Der Easymotors-Verkäufer erzählt, dass sie einmal zwanzig Stück orange Fat Boys ins Tibet-Institut nach Rikon geliefert haben: «Die Mönche wollten ein Gefährt passend zu ihren Gewändern.»

Einen Fat Boy kann man in allen Farben ergattern.

Einen Fat Boy kann man in allen Farben ergattern.

Easymotors Schweiz

Wie es sich für ein Gangster-Fahrzeug gehört, nehmen es die Besitzer nicht immer ganz so genau mit dem Gesetz: Laut der Basler Polizei kommt es immer wieder vor, dass Fahrzeuge fälschlicherweise als Leicht-Motorfahrräder verkauft werden, obwohl sie als Kleinmotorräder eingestuft werden müssten. Denn fährt ein Ridelec schneller als 25 km/h oder hat eine grössere Leistung als 500 W, braucht das Fahrzeug ein Nummernschild und der Fahrer eine Fahrprüfung. Dann darf man damit auch auf die echte Strasse. Falsch klassifizierte Fat Boys, das gäbe es bei Easymotors nicht: «Wir verkaufen nur legale Fahrzeuge.»