Gefahrengut
Täglich rattern Sprengladungen am Basler Bahnhof vorbei

Kaum an einem Ort fahren so viele explosive Züge hindurch wie in Basel. «Basel hat einen starken Gefahrengut-Transitverkehr. Das liegt an der Nord-Süd-Achse», sagt Anne Levy, Leiterin der Abteilung Gesundheitsschutz im Basler Gesundheitsdepartement.

Moritz Kaufmann
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Ein Kesselwagen im Rheinhafen in Muttenz, wo Treibstoff von Schiffen in Züge gefüllt wird.

Ein Kesselwagen im Rheinhafen in Muttenz, wo Treibstoff von Schiffen in Züge gefüllt wird.

Keystone

Schockierend, aber zum Glück weit weg: Die Katastrophe im kleinen kanadischen Dorf Lac-Mégantic vom letzten Wochenende hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Unerwähnt blieb aber, dass auch in der Schweiz täglich Züge mit explosivem Treibstoff unterwegs sind. Vor allem in der Region Basel: «Basel hat einen starken Gefahrengut-Transitverkehr. Das liegt an der Nord-Süd-Achse», sagt Anne Levy, Leiterin der Abteilung Gesundheitsschutz im Basler Gesundheitsdepartement. Kommt hinzu: «Speziell an Basel ist, dass das Gefahrengut mitten durch die Stadt fährt. Das ist in der Schweiz, aber auch weltweit, sonst fast nirgendwo der Fall.»

3 Millionen Tonnen pro Jahr

Laut einem Bericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) passieren jährlich mehr als 3 Millionen Tonnen sogenanntes Gefahrengut die Region auf Schienen. Ein Grossteil des in die Schweiz eingeführten Mineralöls kommt hier vorbei, wie BAG-Sprecher Andreas Windlinger bestätigt.

«Die Gefahr wird grösser, je dichter ein Gebiet besiedelt ist», sagt Anne Levy. Besonders heikel sind Bahnhöfe wegen den Weichen - Züge können entgleisen. «Wenn ein Zug auf einer geraden Strecke fährt, ist das Risiko kleiner.» Auf einem Bahnhof halten sich zudem Menschen unmittelbar neben den Gleisen auf. Deshalb sei das Fernziel, dass die Gefahrengutzüge irgendwann an keinen Personenbahnhöfen mehr vorbei fahren, meint Levy. Davon ist man in Basel allerdings weit entfernt.

SBB investieren in die Sicherheit

Andreas Windlinger vom BAG hält fest: «Grundsätzlich sind solche Transporte sehr sicher.» Er zieht den Vergleich zum Unglück in Kanada: «Ein Unfall mit diesen Dimensionen ist in der Schweiz schon deshalb nicht möglich, weil bei uns Mineralölzüge aus 15 bis 30 Wagen bestehen, während es in Kanada offenbar bis zu 70 waren.»

Christian Ginsig von den SBB betont, dass sein Unternehmen in den letzten Jahren viel in die Sicherheit im Gütertransportbereich investiert habe. Entlang den Gleisen seien schweizweit zahlreiche Zugskontrolleinrichtungen gebaut worden. «Diese detektieren beispielsweise automatisch, wenn eine Achse heiss läuft und zu brechen droht. Der Zug wird dann gestoppt.» Auch gibt es Anlagen, welche die Gefahrengutzüge mit Hochleistungskameras scannen und solche, die auslaufende Chemikalien aufspüren. «Diese Anlagen werden möglichst an den Aussentoren installiert, damit die Züge aus dem Ausland kontrolliert werden.»

Keine Züge, wenn der FCB spielt

Auch der Bund ist sich des Gefahrenpotenzials bewusst. Anne Levy: «Neueste Bestimmung verlangen einen 100-Meter-Korridor neben sogenannten störfallrelevanten Einrichtungen.» Darunter fallen auch Schienen, auf denen Gefahrengut transportiert wird. Solche Korridore dürften in der Region aber schwierig zu realisieren sein, wo Kesselwagen voller Mineralöl teilweise durch Wohnquartiere fahren. «Das bedeutet nicht, dass zurückgebaut werden muss. Aber es müssen bei Neubauten spezielle Massnahmen getroffen werden, beispielsweise mit Schutzwänden.» Dadurch werde der Kanton allerdings bei der Stadtentwicklung eingeschränkt.

Eines betonen alle: Nichts transportiert explosives Material so sicher wie der Zug. Vor allem nicht der Strassenverkehr. Und so lange der Hunger nach fossiler Energie in der Schweiz so gross ist wie heute, gibt es keine Alternative dazu, als mit dem Risiko zu leben. In Basel dürfen die Gefahrengutzüge jedenfalls Tag und Nacht durchfahren. Mit einer Ausnahme: «Wenn der FCB im Joggeli spielt, dürfen die Züge nicht beim Stadion vorbeifahren», sagt Gefahrengut-Expertin Levy.