Matthäusplatz
Spielwiese und Drogenszene: Der Platz mit den zwei Gesichtern

In der Nutzung des Basler Matthäusplatzes widerspiegelt sich die Zwiespältigkeit des Kleinbasler Quartiers.

Helena Krauser
Merken
Drucken
Teilen
n/a

n/a

Kenneth Nars Bild: Nicole Nars

«Das isch e gföhrlichs Quartier do, voll mit Gentrifizierer, hän mit 14 e Iro und unterdesse e Büro.» Mit diesen Zeilen besingen die unbekannten Interpreten hinter dem Pseudonym 4057 Ghetto die Liebe zu ihrem Quartier. In der nächsten Songzeile folgt die Ergänzung: «Das isch e gföhrlichs Quartier do voll mit Ex Randalierer, Usländer, Expats und Dealer.» Der Song wurde im vergangenen August veröffentlicht. Er beschreibt die Stereotypen des Kleinbasler Quartiers mit einem Augenzwinkern und präsentiert dadurch die Widersprüchlichkeiten, die hier herrschen ziemlich genau.

Gentrifizierung und Armut treffen in Basel nirgends radikaler aufeinander als im Matthäusquartier. Die Sozialhilfequote liegt bei elf Prozent. Nur im Klybeck und in Kleinhüningen ist sie noch höher. Mit 50,3 Prozent haben mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner keinen Schweizer Pass. Auch hier liegt das Matthäusquartier auf Platz drei. Im Vergleich zum kantonalen Durchschnitt leben hier mehr Türken, Italiener, Portugiesen, Spanier und Personen aus den Balkanländern.

Unterdurchschnittlich vertreten sind Briten und US-Amerikaner. Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,6 Prozent. Das Quartier ist sehr dicht bebaut, der Anteil an Grünflächen ist gering. Pro Person stehen durchschnittlich 35,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Im städtischen Durchschnitt sind es 41,4 Quadratmeter. Die Bewohnerinnen und Bewohnern der Grossbasler Altstadt wohnen sogar auf 52,6 Quadratmetern.

Das öffentliche WC wird zum Fixerstübli

Die Zahlen aus diesen Statistiken würden vermuten lassen, dass dieses Quartier trostlos und unbeliebt ist. Zu gefährlich für Familien, zu uninteressant für Studierende. So ist es aber nicht. Das Matthäusquartier ist wahnsinnig beliebt. Gerade auch bei jungen Familien. Zwischen den einfachen Mehrfamilienhäusern stehen topsanierte Altbauhäuser. Vor den Eingangstüren parkieren schicke Cargobikes. Jeden Donnerstag laufen sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner mit den bunten Gemüsekörben vom Birsmattehof nach Hause. Alle paar Monate eröffnet ein neues hippes Lokal. Und samstags trifft man sich auf dem Matthäusplatz beim Markt.

Und genau dort manifestiert sich die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit des Quartiers am deutlichsten. Der Platz ist eine von sehr wenigen Grünflächen im Quartier. Und wird daher sehr stark genutzt.

An den Wochentagen dient er den Schülerinnen und Schülern des Bläsischulhauses als Pausenplatz. Wenn es zur Znünipause klingelt, strömen sie aus der grossen Eingangstür und verteilen sich auf dem Platz. Sie spielen Fussball, versammeln sich auf dem Hügel oberhalb der grossen Rutsche, spielen Fangen zwischen den Bäumen, streiten und versöhnen sich. Überall liegen Znüniboxen auf dem Boden. Sobald die Pause fertig ist, gehört der Spielplatz wieder den jüngeren Kindern, die noch nicht in die Schule gehen. Nur hier und da liegt noch eine vergessene Jacke oder Mütze.

Polizei ist wöchentlich ein- bis zweimal vor Ort

Mittags spazieren Grosseltern mit Kinderwagen auf den Wegen zwischen den Bäumen und auf den Stufen vor der Kirche sitzen Arbeitskollegen und essen gemeinsam zu Mittag. Aber abends, wenn es dunkel ist, zeigt sich der Platz von einer anderen Seite. Dann wird er zum Treffpunkt von Obdachlosen und Drogenabhängigen. Im öffentlichen WC an der Ecke zur Matthäusstrasse finden sie frisches Wasser und ein bisschen Privatsphäre, um sich den nächsten Schuss zu setzen. Auf den Bänken rund um die Kirche verbringen sie ihre Abende. Manchmal sitzen sie nur da, beobachten die Menschen, die an ihnen vorbeigehen, fragen hier und da nach etwas Geld oder sind völlig in sich selbst versunken.

Immer wieder geraten sie aber auch aneinander. Dann wird es wirr und laut. Es wird geschrien und geschlagen, gegen die Mülleimer getreten und geweint. Regelmässig rufen die Anwohner deshalb die Polizei. «Im vergangenen Jahr wurde die Polizei wöchentlich ein bis zwei Mal von der Bevölkerung requiriert», bestätigt der Mediensprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements, Toprak Yerguz. Die Gründe seien vorwiegend Lärm, Gewalt und Drogenhandel. Bei Feststellungen würden Personenkontrollen durchgeführt und der Sachverhalt zuhanden der Staatsanwaltschaft rapportiert. Anfang Oktober wurde eine junge Frau auf dem Platz mit einer Schusswaffe bedroht.

Der Schwerpunkt der Polizei liege auf der Aufrechterhaltung von Sicherheit, Ruhe und Ordnung. Um dies zu gewährleisten, seien alle operativen Einheiten der Kantonspolizei im Rahmen des Patrouillendienstes regelmässig auf dem Matthäusplatz unterwegs. Wie sich die Polizeipräsenz in den letzten Jahren entwickelt hat, kann Yerguz nicht ausführen. Es sei jedoch festzustellen, dass Entwicklungen im Quartier oder in anderen Gebieten der Stadt sehr rasch Auswirkungen auf die Nutzung des Platzes und somit die Präsenz der Polizei haben können. So sei der Matthäusplatz, beispielsweise im Sommer des vergangenen Jahres, nachdem bei einem Brand in einem Mehrfamilienhaus an der Rheingasse mehrere drogensüchtige Menschen ihr Zimmer verloren hatten, zum Treffpunkt und Anziehungspunkt für den Handel mit Drogen geworden.

Tee und Schokolade für die Obdachlosen

«Es ist mir oft unangenehm auf dem Polizeiposten anzurufen, aber es ist die einzige Möglichkeit, den Behörden Feedback zu geben und zu signalisieren, dass die Situation hin und wieder eskaliert», sagt Trung Dobis. Er wohnt mit seiner Familie in der Matthäusstrasse. Die Wohnung haben er und seine Frau vor drei Jahren gekauft. Bereits damals wussten sie, dass das Quartier nicht nur hipp ist, sondern auch laute und unangenehme Seiten hat. Trotzdem entschieden sie sich, diese Wohnung mitten im Herzen der «Troubles» zu kaufen. Und sie bereuen es auch heute nicht. Sie geniessen die Nähe zum Spielplatz und zum Kindergarten. Die ältere Tochter ist fast fünf Jahre alt und spielt jeden Tag mit den Nachbarskindern.

«Wir haben kürzlich mal durchgezählt, in unserer Strasse wohnen 27 Kinder unter elf Jahren. Da gibt es immer jemanden zum Spielen», sagt Dobis. Vor zwei Jahren hat sich die Familie gemeinsam mit einigen Nachbarinnen und Nachbarn erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Strasse zur Begegnungszone wird. Einige seien aber auch dagegen gewesen, weil sie befürchteten, dass die neu aufgestellten Bänke von den Obdachlosen und den drogenabhängigen Menschen besetzt würden. «Das hat sich zum Teil auch bestätigt», sagt Dobis. Erst vor kurzem habe er im Vorbeigehen gesehen, wie jemand auf der Bank eine Linie Koks gezogen hat. Das sei nicht schön, gehöre aber nun mal dazu und widerspiegele dieses bunte Quartier, so Dobis. Für ihn sind die Nachtgestalten, wie er sie nennt, nicht unangenehme Störenfriede, die ausgegrenzt werden sollen. Im Gegenteil: Er möchte das distanzierte Verhältnis aufbrechen und mit den Menschen der Szene in Kontakt treten.

«Sprützewäspi» entsorgt Spritzmaterial

Es sei einfacher damit umzugehen, wenn man weiss, wer da unterwegs ist und man sich gegenseitig nicht völlig anonym ist, sagt Dobis. Deshalb bringt er ihnen immer wieder Tee und Schokolade vorbei. «So kommt man ins Gespräch und entwickelt Verständnis füreinander.» Hin und wieder hat er die drogenabhängigen Menschen auch gebeten, besser darauf zu achten, ihre Spritzutensilien nach dem Gebrauch nicht liegen zu lassen.

Inzwischen sagen sie schon gleich ‹Jaja, wir räumen alles wieder weg›, wenn ich auf sie zugehe

, erzählt Dobis.

Heute müssen sich Eltern aber kaum noch Sorgen machen, dass ihre Kinder auf dem Spielplatz mit benutzten Spritzen in Berührung kommen. Das liegt unter anderem daran, dass seit 1999 das sogenannte «Sprützewäspi» jeden Morgen das Gelände absucht. «Das ist ein Autodienst zur mobilen Entsorgung von gebrauchtem Spritzenmaterial im öffentlichen Raum», erklärt Regine Steinauer, Leiterin der Abteilung Sucht beim Gesundheitsdepartement. Es habe diesen Namen nicht, weil Wespen stechen können oder irgendeinen Zusammenhang mit Nadeln hätten, sondern weil das erste «Sprützewäspi» eine dreirädrige Vespa war, so Steinauer. Die Statistiken zeigen, die Materialfunde sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen.

Drogenszene seit 25 Jahren auf dem Platz präsent

Trung Dobis geht aber nachts nicht nur auf den Platz, um den Menschen aus der Drogenszene Tee zu bringen. Manchmal geht er auch dazwischen, wenn ein Streit zu eskalieren droht. «Das sind dann aber andere Leute, nicht die Drogenabhängigen, sondern Feiernde, die aggressiv geworden sind.» Vor allem an warmen Sommerabenden, wenn auf dem Platz ausgelassen gefeiert wird, kippt die Stimmung immer wieder. Dann wünscht sich Dobis manchmal mehr Präsenz durch die Polizei oder Mittler im öffentlichen Raum. Angst draussen unterwegs zu sein, hat er aber nie. So geht es den meisten Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers.

Das ist zumindest der Eindruck von Theres Wernli, vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel, wenn sie bei den Nachbarschaftstreffen mit den Anwohnerinnen und Anwohnern spricht.»Sie stören sich eher am Nachtlärm oder daran, dass Motorräder und Fahrräder auf dem Platz geparkt werden», so Wernli. Die Menschen aus der Drogenszene seien schon seit 25 Jahren auf dem Matthäuskirchplatz präsent, erzählt Wernli. Damals in den 90er-Jahren gab es noch kein «Sprützewäspi», das die Spritzutensilien morgens wegräumt. Daher habe sich eine Gruppe aus der Anwohnerschaft gebildet, die morgens alles zusammensammelten.

Die Bewohnenden des Matthäusquartier bringen sich auch heute sehr aktiv ein. Der Verein Matthäuskirchplatz – unser Platz organisiert regelmässig Feste und hat dafür gesorgt, dass die Schwimmhalle des Bläsischulhauses jeden Mittwochabend für die Quartierbewohnenden geöffnet wird. Zurzeit ist dies aufgrund der aktuellen Coronamassnahmen allerdings nicht möglich.

Warum der Matthäuskirchplatz schon seit Jahrzehnten ein beliebter Treffpunkt der Drogenszene ist, kann auch Wernli nicht abschliessend sagen. Ein Grund könnte die Nähe zu Wohneinrichtungen wie das Haus Elim am Claragraben oder die Stiftung Wohnhilfe an der Gärtnerstrasse sein. Ausserdem würde die Übersichtlichkeit des Parks für einige aus der Szene mehr Sicherheit bedeuten.

Manche Alkis sind gerne dort, weil die soziale Kontrolle funktioniert

, sagt Wernli. Im Freien, ohne die Möglichkeit sich zurückzuziehen, sind obdachlose Menschen sehr schutzlos. Wenn sie aber unter den Augen von allen vorbeilaufenden Menschen auf einer Bank schlafen, können sie eher davon ausgehen, dass ihnen niemand etwas tut.

Nutzungsdruck durch Coronapandemie gestiegen

In den letzten Monaten ist der Nutzungsdruck auf dem Matthäuskirchplatz nochmals gestiegen. Das beobachtete auch Wernli: «Seitdem die Coronapandemie in Basel angekommen ist, wird der Platz sehr stark von den Quartierbewohnenden genutzt. Während des Lockdown im Frühling konnte man kaum drüberlaufen, so voll war es.» Damals haben viele Leute die Wiese vor der Kirche genutzt, um Sport zu machen oder zu picknicken. Besonders deutlich wird der Nutzungsdruck auch jeweils am Samstag. Wenn am frühen Nachmittag die Marktstände wieder abgebaut werden. Kaum sind die Gemüsekisten und Brotkörbe in den Lieferwagen verstaut, werden die Tischtennisplatten auf dem Platz von Jugendlichen und jungen Erwachsenen belegt. Manche spielen dort, andere nutzen die Platte als Tisch und feiern Geburtstage.

Der Zeitpunkt, wenn der Markt langsam abgebaut wird, ist auch der Moment, in dem sich zeigt, dass das Leben auf dem Matthäuskirchplatz nicht nur eine Sonnenseite und eine Schattenseite hat. Es gibt auch eine ganze Reihe an Grautönen dazwischen. Der Familienvater Trung Dobis aus der Matthäusstrasse hat dazu eine feine Beobachtung gemacht: «Wenn die gut situierten Leute, die auf dem Markt Biogemüse eingekauft und Cappuccino getrunken haben, wieder nach Hause gehen, versammeln sich auf der anderen Seite des Platzes bei den Picknicktischen, die Grossfamilien, die sich diesen Lifestyle nicht leisten können. Statt Gemüse aus der Region gibt es dort Chips und Cola.»

So wird sichtbar, es gibt nicht nur die Junkies, Ex-Randalierer und Dealer aus dem Song von Ghetto 4057 auf der einen und die hippen jungen Familien auf der anderen Seite. Sondern auch gut integrierte Familien ohne Schweizer Pass und Schweizer, die an der Armutsgrenze leben. Der Song trägt übrigens den Titel «anrigo» und die Sänger sind «gförlichi Sieche», weil sie «ohni Diechli an Rhy gön». Die Interpreten haben die Grautöne zwischen Gangster und Büromensch also auch festgestellt.

Bekir vom Feldberglädeli sieht alles

«Ein wunderschönes Mosaik aus verschiedenen Sprachen und Religionen», nennt Bekir Bükel das Matthäusquartier. Er betreibt seit 15 Jahren den kleinen Lebensmittelladen an der Ecke Feldbergstrasse/Mörsbergerstrasse. Er sagt: «Im Quartier kennt mich jeder und ich kenne auch fast alle.» Was auch alle wissen: Bekir sieht alles. Oft steht er vor dem Laden und raucht eine Zigarette. Wenn in der Nähe ein Unfall passiert oder es einen Streit gibt, wird er gefragt, was er gesehen hat.

In letzter Zeit mag er manchmal gar nicht mehr zum Rauchen vor die Tür gehen: «Seit die Anlauf- und Kontaktstelle am Riehenring ist, kommen hier sehr viele Junkies vorbei. Gefühlt alle zwei Minuten werde ich nach Geld oder einer Zigarette gefragt», sagt Bükel. Eigentlich schätzt er das Quartier aber sehr, zwar möchte er nicht hier wohnen, zu laut ist ihm die Feldbergstrasse, aber seine Kinder spielen gerne mit den Schülerinnen und Schülern vom Bläsischulhaus. Wenn sie sich in die Haare kriegen oder Angst haben, rufen sie Bekir und er löst die Situation.

Kein Polizist mehr, trotzdem Aufpasser

Als er noch in der Türkei lebte, war Bekir Bükel Polizist. Das möchte er hier nicht mehr sein. Aber trotzdem passt er auf seine Nachbarinnen und Nachbarn auf: «Eine Frau, die hier um die Ecke wohnt, hat mir kürzlich erzählt, dass sie sich nicht traut, abends mit ihrem Hund über den Platz zu gehen. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich bis 22 Uhr im Laden bin und sie so lange keine Angst haben muss.»

In der Mitte dieses Platzes steht die Matthäuskirche, nach der sowohl der Platz, als auch das ganze Quartier benannt ist. Die Kirche ist mit 80 Metern die höchste in ganz Basel. Das Hauptportal ziert eine Statue des Evangelisten Matthäus. Zu seinen Füssen sitzt ein Engel, der ein Spruchband in den Händen hält. Darauf geschrieben steht: Math 11: 28. Die Ziffern verweisen auf einen Vers im Matthäusevangelium der sagt: «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.» Nichts könnte die gegenwärtige Aufgabe dieses Platzes besser beschreiben.