Basler Bahnhof

Sie werden beschimpft, bedrängt und angespuckt – bis ihnen der Kragen platzt

Obwohl er 130 Angestellte hat, übernimmt Firmeninhaber Ofir Kroo derzeit fast täglich Schichten im Verkehrsdienst.

Die Mitarbeiter der Firma Kroo Security regeln derzeit den Verkehr vor dem Basler Bahnhof und an der Markthallen-Kreuzung. Ein Knochenjob, wie Firmeninhaber Ofir Kroo, der selbst täglich auf der Kreuzung steht, sagt.

Was die Mitarbeiter der Kroo Security AG derzeit beim Verkehrsdienst auf dem Basler Centralbahnplatz und der Markthallenkreuzung abbekommen, das lasse «tief blicken» und sage «viel aus über unsere heutige Gesellschaft», sagt Firmengründer Ofir Kroo. Er muss es wissen, bei ihm im Büro laufen alle Klagen zusammen. Und er stellt sich auch selbst auf die Kreuzung und hilft aus, wenn – wie diese Woche – Not am Mann ist.

Hauptsächlich aber ist er am Schlichten: Er hört sich die Klagen der Mitarbeiter an, die damit drohen, den Bettel hinzuschmeissen, «so was muss ich mir nicht länger gefallen lassen». Er lässt sich die Anrufe von Passanten durchstellen, die sich über das Verhalten des Security-Personals beklagen. Und er spricht mit Kunden – bei der aktuellen Grossbaustelle der Kanton und die BVB, die darauf pochen, dass die Drämmli an den Kreuzungen stets Vortritt haben, damit der dichte Fahrplan eingehalten werden kann.

Dass es hektisch werden würde am Centalbahnplatz, war für ihn sofort klar: «Als wir den Zuschlag für diese Riesenbaustelle erhalten haben, wusste ich: Das wird Ärger geben.» Die Hemmschwelle, wildfremde Menschen zu beschimpfen, die einfach ihre Arbeit tun, sei gesunken und sinke jährlich weiter. «Man kennt das Phänomen von der Polizei. Auch vor den Beamten in Uniform haben die Leute immer weniger Respekt. Bei uns ist das genauso, einfach noch viel schlimmer.»

Dass sich der Chef nicht zu schade ist, an hektischen Tagen selbst auf die Kreuzung zu stehen, sagt viel aus über den 36-Jährigen, der vor acht Jahren als Ein-Mann-Betrieb angefangen hat und heute 130 Angestellten vorsteht. «Sonst könnte ich von meinen Leuten nicht verlangen, dass sie sich tagtäglich diesem Stress aussetzen», sagt er. Es ist vermutlich diese Erfahrung am eigenen Leib, die dazu führt, dass er seine Angestellten selbst dann in Schutz nimmt, wenn es bei ihnen zu Aussetzern kommt.

«Wir sind auch nur Menschen und obwohl wir die Mitarbeiter gezielt schulen, kann es nach fünf, sechs Stunden im Dauerstress vorkommen, dass einmal einer etwas sagt, das er nicht hätte sagen sollen.» Wichtig sei, dass die Mitarbeiter frühzeitig merkten, wenn die Belastung zu gross werde. Sonst seien Krankheiten und Burnouts programmiert. «Wenn jemand zu mir oder zum Schichtleiter vor Ort geht und sagt, ‹Zieh mich bitte ab von meiner Position, ich halts nicht mehr aus›, dann finden wir immer eine Lösung für ihn oder sie.»

Arbeiten am Limit

Der aktuelle Auftrag, für den er den Zuschlag «völlig überraschend» und mit nur wenigen Tagen Vorlaufzeit erhalten habe, verlange einen noch grösseren Einsatz von all seinen Angestellten. Das Einstellen von Temporär-Arbeitskräften ist ausgeschlossen, zu tief sind die Margen in diesem Betrieb. Rund 33 Franken pro Stunde bezahlt der Kanton gemäss Zuschlagsentscheid im Kantonsblatt. Kroo sagt dazu nur, dass er eine Mischrechnung mache, damit es Ende Jahr aufgehe. Und dass er bei der Ausschreibung nicht das günstigste Angebot gemacht habe.

Ein Augenschein auf der Markthallen-Kreuzung zur Hauptverkehrszeit zeigt, was wenig Vorlaufzeit und ein knappes Budget bedeuten: Arbeit am Limit. Ein Tram hier, ein Tram dort, beide mit Vortritt, alle müssen warten. Immer mehr Menschen sammeln sich auf den Trottoirs, drängen auf den Fussgängerstreifen, doch zuerst muss noch ein Bus durch. Ein Mann in Gelb und mit Gesichtstattoo winkt energisch, wird laut: «Stopp!», «Nein!», «Zurück aufs Trottoir!». Trotzdem mag einer nicht mehr warten, rennt über die Kreuzung, wird angeschnauzt.

Autofahrer hupen, weil es nicht vorwärtsgeht, weil sich die Menschen sogar beim Kreuzen auf dem Fussgängerstreifen im Weg stehen. «Es wäre eigentlich ganz einfach: Alle bräuchten ein bisschen mehr Geduld und Toleranz, weil es einfach gerade zu viele Menschen und zu wenig Platz hat. Aber das Gegenteil ist der Fall: Niemand akzeptiert, dass ihm ein Tram davonfährt und er deswegen maximal sieben Minuten warten muss. Es wird gleich losgeflucht und jeder meint, dass er es besser könnte», sagt Kroo.

Vor wenigen Tagen habe er beobachtet, wie einer seiner Mitarbeiter einen Passanten zurückgehalten habe, der direkt vor ein Auto gelaufen wäre – und statt eines ‹Danke› habe der Mann den Mitarbeiter beschimpft und «Fass mich nicht an!» gebrüllt. Es sei sogar schon vorgekommen, dass Mitarbeiter im Dienst angespuckt worden seien. «Dann versagt selbst mein persönliches Geheimrezept ‹Göschenen-Airolo›», sagt Kroo: im einen Ohr rein, im anderen raus.

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