Open Air Basel

Sie bauen mit kleinem Budget und Europaletten eine neue Welt

Thomas Keller und Sandra Lichtenstern bauen bei strömendem Regen eine eigene kleine Welt auf der Kaserne.

Thomas Keller und Sandra Lichtenstern bauen bei strömendem Regen eine eigene kleine Welt auf der Kaserne.

Die zwei Designprofis vom Basler Büro Bravo Ricky verleihen dem Festivalgelände des Open Air Basel eine Identität. Weil sie das mit wenig Geld umsetzen, ist ihre Kreativität besonders gefragt.

Ein kleines Team, ein kleines Budget, aber ein ziemlich grosser Platz. Sandra Lichtenstern und Thomas Keller stehen auf dem Kasernenareal im Regen. Mit einem grossen roten Schirm, eigentlich als Schattenspender gedacht, schützen sie sich vor dem nasskalten Wetter. Morgen und übermorgen werden viele dieser Schirme dem Betonplatz vor der Kaserne eine Form geben. Hier findet zum zweiten Mal das Open Air Basel statt. Zum ersten Mal aber wird das Gelände von Profis gestaltet, vom Basler Designbüro Bravo Ricky.

Eigentlich sind sie zu dritt: Lichtenstern, Keller und Sabine Fischer, die gerade eine Babypause macht. Und eigentlich gestalten sie vor allem Innenräume. Die Baltazar Bar zum Beispiel, das neue Foyer im Hinterhof, aber auch Wohnkollektionen für Ikea. Ein ganzes Festival haben sie noch nie gemacht. «Wir müssen viel grossspuriger auftreten, als wir uns das gewohnt sind», sagt Thomas Keller. Und Sandra Lichtenstern ergänzt: «Es kommt weniger aufs Detail an.» Dazu kommt das erwähnte kleine Budget, welches die Designer zwingt, so praktisch wie möglich zu denken. Mit Europaletten werden Sitzgelegenheiten gebaut. Die massiven Holzbalken, die zu Holzwänden zusammengezimmert werden, können sie nach dem Festival wieder einer Baufirma zurückgeben. Verbunden wird alles mit Lichterketten.

An die Besoffenen denken

«Wir haben von den Organisatoren alle Freiheiten bekommen», sagt Lichtenstern. Der Auftrag lautete, dem jungen Festival ein Gesicht zu verleihen und Sitz- und Schattenplätze zu schaffen. «Das versuchen wir nun, möglichst ästhetisch umzusetzen.» Ziel ist es, im Hof der Kaserne eine kleine Welt für das Festivalpublikum zu kreieren.

Das Open Air Basel soll sich als Stadtfestival etablieren. Dabei wollen die Organisatoren einen Gegentrend setzen zu den zu Gigantismus neigenden Massenfestivals: Es gibt keine Hauptsponsoren mit übergrossen Logos, auftreten werden Szenelieblinge statt Stars. Auch die Preise sind äusserst moderat: Ein Billett für beide Abende kostet 35 Franken.

Was können da die Festivaldesigner beitragen? «Es muss uns schon bewusst sein: Dem grössten Teil des Publikums fällt unsere Arbeit kaum auf», sagt Lichtenstern. Aber das seien sich Designer gewöhnt. Bezüglich Publikum müssen sie etwas ganz anderes beachten: die Sicherheit. Bei einer ausgelassenen Stimmung und einem hohen Alkoholpegel müssen die Dekorationen nicht nur schön anzuschauen, sondern vor allem auch robust sein. «Niemand übernimmt gerne die Verantwortung für 2000 Leute», sagt Thomas Keller. Neben Bravo Ricky arbeitet er auch noch in einem Ingenieurbüro – «um Geld zu verdienen», wie er sagt. «Dort frage ich jeweils meinen Chef, ob unsere Konstruktionen stabil genug sind. Er antwortet jeweils: ‹Sie müssen noch viel stabiler sein.›» Die beiden 30-Jährigen lachen. Sie kennen sich schon lange, sind zusammen aufgewachsen.

Dieses Künstlerklischee stimmt

Um ein Künstlerklischee kommt man nicht herum: Reich werden die Bravo-Ricky-Designer mit Aufträgen im Kulturbereich nicht. «Ziel ist schon, dass wir uns einen angemessenen Stundenlohn auszahlen können», sagt Lichtenstern. Doch kleine Budgets hätten auch Vorteile. «Wir sind freier und verspüren keinen Druck», erklärt Keller. Dadurch, dass sie dem jungen Open Air Basel eine Identität verleihen, können sie es entscheidend mitprägen. Mit der Kaserne sind sie ohnehin eng verbunden. Schon als Teenager hingen sie dort ab. Heute wohnt Keller direkt gegenüber. Und auf die Konzerte freuen sich die beiden Designer genauso, als wären sie normale Festivalbesucher.

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