Museum Tinguely
Sex, Crime und Kunst: In dieser Sackgasse gibt es alles

Das Museum Tinguely stellt mit der Pariser «Impasse Ronsin» eine einzigartige Künstlersiedlung nach – im Massstab 1:1.

Hannes Nüsseler
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Eva Aeppli in der Impasse Ronsin.

Eva Aeppli in der Impasse Ronsin.

Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

«Eine tolle Geschichte», strahlt Andres Pardey unter seiner Gesichtsmaske. Der Vize-Präsident des Museum Tinguely hat die Journalisten eben zum Tatort eines Doppelmordes geführt, an dem der französische Maler Adolphe Steinheil und seine Schwiegermutter 1908 erdrosselt aufgefunden worden waren. Im Bett daneben und nur «leicht gefesselt»: Marguerite Steinheil, Ehefrau und berüchtigte Mätresse, die bereits einen Präsidenten der Französischen Republik mit einem «kleinen Tod» ins Jenseits befördert hatte. Auch in diesem Fall weisen alle Indizien auf die Femme ­fatale, die vor Gericht freigesprochen wird und darauf einen englischen Lord heiratet.

Ein künstlerischer Mikrokosmos

Sex und Crime und Kunst: In der Pariser Sackgasse «Impasse Ronsin» steckt alles drin, was sich auch ein Museumskurator nur wünschen kann. Denn natürlich befinden wir uns nicht am wirklichen Schauplatz, sondern in der aufwendig recherchierten und faszinierend aufbereiteten Nachbildung eines künstlerischen Mikrokosmos, in dem zwar auch gestorben, vor allem aber geliebt, gelebt und gearbeitet wurde: Alle gezeigten Werke sind in diesem engen Geviert entstanden, dessen Grundrisse das Museum Tinguely im Originalmassstab nachempfunden hat.

Die wirkliche «Impasse Ronsin» existiert dagegen nicht mehr. Wo die Sackgasse einst in einen verwinkelten Innenhof führte, versperrt heute ein Tor die Strasse. Zugunsten einer ­Erweiterung des benachbarten Hôpital Necker wurden die ehemaligen Gebäude abgerissen: eingeschossige Zweckbauten aus Holz, malerisch überwuchert, wie sich auf zahlreichen Gemälden und Fotografien nachschauen lässt. Für die insgesamt 30 Ateliers gab es eine Toilette – und keine Dusche. «Es war sehr rudimentär», bestätigt Pardey.

Ein aktmalender ­Steuerbeamter

Waren die kleinen Werkstätten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine Weltausstellung gebaut worden, dienten die Holzbuden im Pariser Montparnasse-Quartier in den Folgejahren und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg als Künstlerateliers. Jean Tinguely zog hier 1955 mit seiner ersten Ehefrau Eva Aeppli ein, acht Jahre später verliess er die Ateliergemeinschaft mit Niki de St. Phalle wieder. Dazwischen waren Yves Klein, Pop-Art-Pionier Jasper Johns oder Christo zu Besuch. «Es herrschte ein reges Kommen und Gehen», sagt Pardey.

Impasse Ronsin Jean Tinguely und Claude Lalanne, ca. 1960.

Impasse Ronsin Jean Tinguely und Claude Lalanne, ca. 1960.

Joggi Stoecklin, © 2020/2021 Museum Tinguely, Basel

Interessanterweise entstand dabei kein eigener Stil. «Die ‹Impasse Ronsin› wurde nicht von einer Horde von Avantgardisten bewohnt», führt Pardey aus, «viele trugen die klassischen Ideale des 19. Jahrhunderts mit.» Von den 220 Kunstschaffenden, die in den Jahren 1868 bis 1971 in der berühmtesten ­Pariser Sackgasse wirkten, waren also längst nicht alle ­Bohemiens. Ein ­Aktmaler wie Jean Lubet, der in seinem bürgerlichen Leben Steuerbeamter war, erschien durchaus mit Krawatte.

Diese Parallelitäten und unterschiedlichen Flughöhen machen die Ausstellung für den Co-Kurator so spannend: Man begegne hier nicht nur den grossen Namen, sondern auch dem «Bodensatz der bürgerlichen Kunstproduktion».

Das Atelier als Kathedrale

Zu diesem zählte Constantin Brâncuși ausdrücklich nicht. Der rumänisch-französische Bildhauer gehörte zu den treuesten Mietern und belegte zeitweise bis zu fünf Ateliers. In der Ausstellung ist Brâncuși durch eine Vielzahl von Fotos vertreten, auf denen sich der Plastiker selbst inszenierte und so ein überraschend frühes Medienbewusstsein an den Tag legte. «Sobald es klickte, reagierte Brâncuși», so Pardey. «Er liess sich nicht gern fotografieren.»

Man Ray beschrieb das Atelier des Bildhauers als Kathedrale. Brâncușis Wunsch, die «Rue Impasse» für die Nachwelt erhalten zu können, ging allerdings nicht Erfüllung: Heute ­befinden sich an derselben Stelle eine Kinderbettenstation und eine Leichenhalle. Immerhin.

Museum Tinguely, bis 5. April 2021. www.tinguely.ch