Studie
Schulschliessung hatte auch positive Auswirkungen auf gewisse Schüler

Eine neue Studie zeigt, dass die Schliessung der Schulen für mache Kinder auch Vorteile mit sich brachte. Der soziale Druck durch Mitschüler und Lehrer nahm in dieser Zeit ab.

Helena Krauser
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Für manche Schüler bedeutet der Gang zur Schule eine alltägliche Belastung.

Für manche Schüler bedeutet der Gang zur Schule eine alltägliche Belastung.

Hannes Thalmann

Als der Bund im Frühjahr die Schliessung der Schulen beschloss, war der Tenor schnell klar: Für viele Kinder in sozial schwächeren Familien bedeutet das Homeschooling eine grosse zusätzliche Belastung. Vor allem Schülerinnen und Schüler, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, den Schulstoff zu bewältigen, hatten grosse Mühe, Zuhause mit dem Homeschooling zurechtzukommen.

Neue Studien zeigen nun, dass bei diesen Beobachtungen zwei Gruppen vergessen gingen. Das sind einerseits diejenigen Kinder, denen die Schulschliessung einen grossen Berg an täglichen Sorgen nahm, und andererseits die Sozialarbeiter in den Heimen, für die der Lockdown eine grosse zusätzliche Belastung in der ohnehin schon herausfordernden Arbeit mit Jugendlichen bedeutete.

Kein sozialer Druck durch Mitschüler und Lehrer

Für manche Schülerinnen und Schüler, deren schulischer Alltag normalerweise von sozialen Ängsten und Sorgen durchzogen ist, konnte das Lernen ausserhalb der Schulräume ohne Mitschüler und Lehrer in gewisser Weise eine Entlastung sein. Marc Schmid, Leitender Psychologe an der Universitären Psy­chiatrischen Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) kann diese Beobachtung bestätigen.

«Subgruppen mit Jugendlichen, welche die Schule sozial und bezüglich des Leistungsanspruches stresst oder die beispielsweise mit Mobbing Erfahrungen gemacht haben, konnten zu Hause teilweise besser lernen als in der Schule.» Schülerinnen und Schüler mit psychischen Erkrankungen seien besonders davon betroffen, da diese tendenziell häufiger soziale Probleme mit Mitschülern bis hin zum Mobbing haben.

Schulstart mit gemischten Gefühlen

Als nach den Sommerferien die Schule wieder für alle öffnete, waren die meisten Schülerinnen und Schüler froh. Aber auch hier gibt es eine Kehrseite: Schmid beobachtet, dass es im Sommer eher weniger Bedarf für Kriseninterventionen bei Familien gab. In den letzten Wochen habe die Nachfrage allerdings wieder deutlich zugenommen. «Das hat einerseits sicherlich damit zu tun, dass die Schule wieder angefangen hat und die Jugendlichen wieder mehr gefordert werden. Andererseits zeigt es auch, dass sich viele Familien mittlerweile zunehmend in einem Erschöpfungszustand befinden», so Schmid.

Aus seiner Erfahrung berichtet Schmid, dass in solchen Erschöpfungsmomenten zwei Szenarien zu beobachten sind. Entweder es kommt zur Eskalation, oder die Eltern geben in ihrer Fürsorge nach, was ein Zurückkommen zum Normalzustand sehr erschwert. Neben der Freude über die wiedergewonnene Struktur und das Wiedersehen mit den Mitschülern habe der Schulstart auch Sorgen geweckt. Die Angst, sich selbst oder die Eltern und Grosseltern mit Covid-19 anzustecken, sei bei einigen Jugendlichen sehr präsent.

Besonders überrascht war Schmid über die Aussagen von in Heimen lebenden Kindern zu ihrer Perspektive auf die besondere Lage während der Coronakrise. Diese wurden für eine Studie der UPKKJ in Kooperation mit dem Fachverband Integras über ihre Sicht auf die beson­dere Lage während der Coronakrise befragt.

Arbeitsbelastung der Sozialarbeiter stieg stark an

Mit der Studie wollen die Verfasserinnen und Verfasser auf die Situation der Menschen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe hinweisen, da diese ihren Beobachtungen zufolge in der öffentlichen Diskussion vergessen gingen.

Die Sorge der Jugendlichen drehte sich vor allem um die gesundheitliche und finanzielle Situation ihrer Familien. Jeder Vierte ist ausserdem besorgt, dass die Krise die Familie psychisch belasten könnte. Ausserdem fehlte den Jugendlichen, die den Lockdown nicht im familiären Umfeld verbringen konnten, die Nähe zu Mitmenschen. Das Vermissen der Familie und Freunde war allgegenwärtig. Dadurch, dass viele der jungen Menschen in der Krise lange Zeit nicht nach Hause konnten und wenig oder gar keine Besuche empfangen durften, sind bei vielen die ohnehin schon beschränkten sozialen Kontakte eingebrochen.

Positiv bewerteten die Jugendlichen die Arbeit der Erzieher und Sozialpädagoginnen. Sie geben an, dass die Arbeitsbelastung ihrer Betreuungspersonen aus ihrer Perspektive höher gewesen sei, und schätzen vor allem die vermehrte Fürsorge, die pädagogische Präsenz und die Kulanz bezüglich Telefon- und Spielzeiten.