Schnee in der Kultur
Schnee von heute: Welche Rolle spielen die weissen Flocken in der Kultur?

Schnee fällt – und alle wollen hin. In Japan wird seine Flüchtigkeit gefeiert, im Theater ist er Budenzauber, in der Musik lässt er die Kassen klingeln. Aber auch die Skiferien in der weissen Pracht haben ihre Unschuld mittlerweile verloren.

Mathias Balzer
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Kunstschnee wird bei Jules Spinatsch zur Kunst.

Kunstschnee wird bei Jules Spinatsch zur Kunst.

bz Basel

Relax. If you can. Mit diesem Claim wirbt Ischgl um Gäste. ­Erhol Dich, wenn Du kannst. In diesen Tagen mit Betonung auf «wenn». Der österreichische Skiort hat im März als Corona-Hotspot weltweit Schlagzeilen gemacht. Ischgl ist der Ballermann der Alpen.

Lois Hechenblaikner, österreichischer Fotograf und Langzeit-Rechercheur, hat den Wandel des Orts vom Berg- zum Partydorf während der letzten 26 Jahre dokumentiert. Eben hat er seine Sicht auf Ischgl in einem Bildband zusammengefasst.

Die Fotografien lassen einen leer schlucken. Die Winterlandschaft rund um das 1600-Seelendorf ist zur reinen Kulisse für ein permanentes, kollektives Besäufnis geworden. Hechenblaikner fotografiert Menschen, die im Dutzend mit leeren Shot-Flaschen im Mund im Schnee liegen.

Kostümierte taumeln grinsend durch diesen Karneval, lassen die Hosen runter, oder ziehen das Dirndl hoch. Tourismus als Triebabfuhr- und Betäubungsindustrie. Der Mensch als Liftfassäule seiner eigenen Unzulänglichkeit. Auf den T-Shirts steht «Geile Sau», «Home of Wahnsinn» oder «Fotzen Ischgl Wo»?

Ein bisschen Spass muss sein, wird da mancher einwerfen. Und schliesslich gibt Erfolg recht. 250 Millionen Umsatz, 1,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Der Alpen-Ballermann ist keine Randerscheinung, sondern Massenphänomen.

Und wo Geld in Strömen fliesst lassen sich auch Künstler nicht zwei Mal bitten. An den «Top of the Mountain»-Konzerten zum Saison­ende waren sich Elton John, Tina Turner oder Robbie Williams nicht zu schade, den Background für das Massenbesäufnis zu liefern. Sogar Bob Dylan sang hier «Knocking on Heavens Door».

Gerade jetzt hätte die Kunst uns etwas zu sagen

«Diese Art Apres-Ski gibt es hier nicht.» Das ist der Standard-Satz, wenn Schweizer Touristiker gefragt werden, ob die Öffnung der Skigebiete nicht zu einem neuen Ischgl führen könnte. Und es stimmt schon: Der Schweizer Tourismus ist um einiges wohltemperierter als der im Nachbarland Österreich. Auch hiesige Künstler stellen die Frage, was denn der Skizirkus genau ist, subtiler als Hechenblaikner mit seiner schonungslosen Polemik.

Der aus Davos stammende, in Zürich lebende Künstler Jules Spinatsch hat seine Heimat ebenfalls in Langzeitrecherchen untersucht. Er reflektiert in seinen Arbeiten nicht das Treiben der Touristen, sondern fokussiert auf die Kulisse, welche die Touristiker herstellen.

Er zeigt in Arbeiten wie «Snow­management», dass unser Winter­erlebnis am Berg das Resultat industrieller Fertigung ist. Er fotografiert nachts Pistenfahrzeuge und Schnee­kanonen und stilisiert sie zum beunruhigend ästhetischen Erlebnis.

Die Beschäftigung mit Schnee und Winter zieht sich durch die Kunstgeschichte. Pieter Bruegel der Ältere hat die Melancholie der weissen Landschaften Hollands verewigt. Caspar ­David Friedrich überliess in seinem «Eismeer» ein Schiff der gnadenlosen Naturgewalt. Für Giovanni Segantini wurde der Winter zum Sinnbild des ­Todes.

Ernst Ludwig Kirchner malte ihn in rauschhaften Farben. Der Bündner Not Vital hat Schneeballen in Murano-Glas gegossen und so die weisse Pracht zum kitschigen Fetisch gemacht. Im Aargauer Kunsthaus rückt zurzeit Julian Charrière schmelzende Gletscher in düstere Szenarien.

Alles fährt Ski, koste es, was es wolle

Ebenso düstere, aber anders gelagerte Szenarien drohen uns in den kommenden Wochen, wobei der Schnee auch da eine Rolle spielt. Im politischen Ringen um angemessene Coronamassnahmen haben die mächtigen Tourismus-, Hotellerie- und Bergbahnver­bände gewonnen. Die Schweiz wird zur Wintersportinsel.

Das Argument: Die Bergler brauchen den Umsatz, die Flachländer dringend frische Winterluft, komme, was wolle. Dabei wär gerade jetzt die Chance da, darüber nachzudenken, was wir mit Ferien in der Natur genau meinen. Die Kultur böte dazu gedankliche Unterstützung. Nur ist sie dummerweise im Lockdown, während die Bergbahnen fahren. Aber der Song der Nation heisst ja auch nicht «Schau genau hin», sondern «Alles fährt Ski».

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