Interview

Schauspielerin Kristina Nel aus dem Nähkästchen: «Wir jammern auf hohem Niveau»

Kristina Nel hat den Begriff «Stillstand» aus dem Nähkästchen gezogen.

Kristina Nel hat den Begriff «Stillstand» aus dem Nähkästchen gezogen.

Kristina Nel, Schauspielerin und Mitleiterin der Förnbacher Theater Company, plaudert aus dem Nähkästchen - über die Zukunft, die Liebe und darüber, nie stillzustehen.

Frau Nel, worüber reden wir heute?

Kristina Nel: Stillstand.

Das Wort passt gut zur aktuellen Lage. In der Kultur steht vieles still.

Wir spüren das im Theater natürlich, wie alle Kulturschaffenden, extrem. Bei den Leuten herrscht Verunsicherung. Wir haben eine lange Nacht durchgeredet und uns entschieden, trotz der 50-Personen-Regel weiterzumachen. Bei uns haben zweihundert Besucher Platz, bei fünfzig ist die Schmerzgrenze. Aber diejenigen, die noch kommen, sind dankbar, dass eben nicht alles stillsteht. Natürlich muss man vorsichtig sein und sich schützen, aber diese Angst tut nicht gut. Da versuchen wir, dem Stillstand mit Bewegung, Fluss und Austausch entgegenzuwirken.

Im Frühling mussten Kulturbetriebe schliessen – wie war das für Sie?

Die Lebensmittelgeschäfte waren offen, die Lebensmittelgeschäfte für die Seele waren aber geschlossen. Für viele Menschen ist Kultur ein Bestandteil des Lebens, auch der Lebensqualität. Das muss nicht zwingend Theater sein. Das kann Literatur sein, Malerei, Musik. Wenn der Seele und dem Geist etwas gegeben wird, also auch der Stillstand verhindert wird, gehört das für mich genauso dazu wie Essen und Trinken.

Sie stehen nicht still. Aber kann man momentan überhaupt ein Programm planen?

Wir zittern natürlich immer ein bisschen, weil wir nie wissen, was die nächste Pressekonferenz bringt. Gerade bei den Klassikern ist das Programm darauf aufgebaut, dass Schulklassen kommen. Viele haben abgesagt. Werden es noch mehr, müssen wir über die Bücher. Mit zwei Personen im Publikum spielen können wir natürlich nicht.

Wie steht es um die weitere Zukunft des Theaters?

Wir sind seit 24 Jahren im Theater am Badischen Bahnhof und müssen nun definitiv Ende Juni 2021 raus. Wie es danach weitergeht, wissen wir noch nicht. Wobei ich glaube: Manchmal muss eine Türe im Leben wirklich komplett zugehen, damit eine andere aufgehen kann.

Sie sind in München geboren. Ist beim Umzug nach Basel im Alter von 21 Jahren nicht auch ein Stück weit die Welt stillgestanden?

Ich bin wegen Helmut Förnbacher nach Basel gekommen, aber die Welt ist hier nicht stillgestanden. Sie hat sich verändert. München und Basel haben aber viele Gemeinsamkeiten – es sind Weltstädte, die ihren Dorfcharakter mit den kleinen Stadtteilen beibehalten haben. Beruflich habe ich mich schon etwas ins Abseits gestellt, aber damals habe ich noch viel Fernsehen gemacht und arbeitete selten dort, wo ich auch lebte.

Sie haben oft die Rolle der verliebten Frau gespielt. Wie spielt man Liebe?

Hmm (überlegt). Ich versuche, jede Figur, die ich spiele, mit privaten Gefühlen anzureichern. Das Geheimnis ist, die Rolle möglichst nah an sich zu holen und sie mit persönlichen Dingen zu bestücken, sodass sie lebt. Ich glaube, so spiele ich Liebe.

Sie leben und arbeiten seit Jahrzehnten mit Ihrem Mann zusammen. Wie funktioniert das?

Ich bin immer wieder erstaunt und dankbar, wir sind tatsächlich eine Ausnahme. Dass es funktioniert, hat viel mit gegenseitiger Achtung zu tun, mit Freiräumen und damit, die Meinung des anderen gelten zu lassen. Wir haben aber durchaus auch Krach. Wir sind zwei sehr temperamentvolle Menschen, da rauscht’s schon manchmal im Wald. Aber Reibung ist auch wichtig. Und uns gefällt es, das gemeinsam machen zu dürfen. Wir sagen auch immer wieder in dieser Zeit des Stillstands: Wir jammern auf hohem Niveau. Es geht uns hier in der Schweiz trotz allem so verdammt gut.

Das Theater ist nach Ihrem Mann benannt – stört Sie das?

Das ist für mich gar kein Problem. Ich arbeite mit meinem eigenen Namen. Das bin eben ich, ich bin nicht nur die Ehefrau von Herrn Förnbacher. Aber dafür muss mein Name nicht auf der Tafel stehen. Ich bin hier ich selber, ich bin Mitleiterin, Partner. Trotzdem ist er die führende Person, das ist aber auch gut.

Wie war es, als junge Frau in den 70er-Jahren in der Filmbranche Fuss zu fassen?

Die Schauspielerei ist ein wunderbarer, aber – besonders für Frauen – auch ein schwieriger Beruf. Das Älterwerden ist für Frauen in dieser Branche noch schwieriger als in anderen Berufen. Als ich angefangen habe, war ich der richtige Typ, es ging ein Ding nach dem anderen. Und plötzlich kommt der Moment, wo man nicht mehr gefragt wird. Das hing auch damit zusammen, dass ich Mutter wurde und etwas kürzergetreten bin. Und wenn man ein-, zweimal Nein gesagt hat, wird man nicht mehr gefragt. Auch für Frauen in meiner Altersgruppe ist es schwierig. Es gibt extrem viel wunderbare Schauspielerinnen für wenige Rollen. Auch im Theater: Schauen Sie sich ein klassisches Stück an, das sind 20 Männer und zwei Frauen. Da bin ich mit dem eigenen Theater natürlich privilegiert. Man kann mitmachen, die guten Rollen spielen und auch in der Produktion kreativ sein.

Sorgt das auch privat dafür, dass man mit dem Älterwerden Mühe hat?

Doch, das ist natürlich ein Thema. Man muss aufpassen, dass man sich selber nicht ausgrenzt. Die Jungen sind natürlich wichtig – aber man sollte die ältere Generation nicht auf die Seite drängen; wir verfügen über einen unglaublichen Erfahrungsschatz. Allmählich kommen bei mir ausserdem die grossen, alten Rollen. Auf die freue ich mich wie verrückt! Ich fühle mich auch nicht so alt, wie ich bin – körperlich und mental. Ich bin immer in Bewegung, das hält lebendig und elastisch.

Das fällt auf, wenn man mit Ihnen redet. Stand das Leben bei Ihnen nie still?

Es gab schon Situationen, die sehr schwierig waren. Aber es gab immer eine Lösung. Oder vielleicht keine Lösung, aber einen Weg, den man begehen kann. Doch die Dinge stehen eigentlich nie still, das gibt’s einfach nicht. Schauen Sie sich die Natur an: Es stirbt etwas ab, aber es wächst etwas Neues. So ist es auch im Leben – ich werde immer versuchen, nicht stillzustehen.

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