Stadtcasino Basel
Renoviertes Stadtcasino eröffnet seine Tore: Ein Blick zurück auf eine bewegte Geschichte

Diese Tage wird der erweiterte Musiksaal des Stadtcasinos eröffnet. Seine bewegte Geschichte zeigt, wie sehr das Kulturleben Basels auf privater Initiative beruht. Und es wird auch klar: Nach der Renovation des Stadtcasinos tun sich bereits neue Baustellen auf.

Mathias Balzer
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1787 Die Lesegesellschaft gilt als Wiege der Casino-Gesellschaft und somit des Musiksaals. Sie wurde 1787 in der Schmiedezunft in Basel gegründet. Sie war einer der wenigen Orte, wo sich die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft der Stadt treffen konnte. Damals jedoch noch ohne Begleitung der Frauen. (Auf dem Bild zu sehen: Der Innenhof des Schmiedenhofs mit der Statue von Isaak Iselin )
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1826 In diesem Jahr wurde das Stadtcasino am Steinenberg eröffnet. Entworfen wurde der Bau vom Architekten Melchior Berri. In der Folge kam das Musikleben der Stadt in Schwung. Berühmte Musikerinnen und Musiker wie Clara Schumann, Franz Liszt, Anton Rubinstein oder Johannes Brahms traten auf. Doch bald erwies sich der Saal als zu klein.
1872 1872 wurde der Basler Architekt Johann Jakob Stehlin-Burckhadt mit dem Entwurf eines Konzertsaales beauftragt. Mit der Raumdimension «Länge gleich Breite und Höhe» schuf er einen akustisch herausragenden Saal.
1876 1876 wurde der Musiksaal mit Beethovens Neunter Sinfonie und einem anschliessenden Tanzabend eröffnet. Seither gilt der Musiksaal als einer der besten der Welt. Auf allzu grosse dekorative Ausschmückung musst der Architekt aus finanziellen Gründen verzichten.
Stadtcasino Basel
1926 Paul Sacher war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Musikleben Basels. Sein Wirken ist eng mit dem Musiksaal verbunden. 1926 gründete er das Basler Kammerorchester später das Institut für Alte Musik und die Schola Cantorum Basiliensis.
1939 In den Dreissigerjahren war das alte Stadtcasino marode. Es wurde durch einen Neubau der Architekten Willhelm Kehlstadt und Wilhelm Brodtbeck ersetzt. Die Wandmalerei mit nackten Musen sorgte für Polemik und einen Farbanschlag.
2007 2004 gewann die irakische Architektin Zaha Hadid den Wettbewerb für den Neubau des Basler Stadtcasinos. Gegen das Gebäude wurde ein Referendum ergriffen. Nach einem langen, emotionalen Abstimmungskampf entschied die Basler Bevölkerung sich 2007 mit 62,2 Prozent gegen den Neubau.
2020 2013 erhielten die Basler Architekten Herzog & de Meuron den Auftrag eine Studie zu erstellen, wie der Musiksaal um ein neues Foyer erweitert werden könnte. Ihr Vorschlag, dafür einen Baukörper Richtung Barfüsserkirche zu erstellen, wurde angenommen. 2016 begannen die Bauarbeiten.

1787 Die Lesegesellschaft gilt als Wiege der Casino-Gesellschaft und somit des Musiksaals. Sie wurde 1787 in der Schmiedezunft in Basel gegründet. Sie war einer der wenigen Orte, wo sich die aufgeklärte bürgerliche Gesellschaft der Stadt treffen konnte. Damals jedoch noch ohne Begleitung der Frauen. (Auf dem Bild zu sehen: Der Innenhof des Schmiedenhofs mit der Statue von Isaak Iselin )

Zur Verfügung gestellt

Heute Abend wird im Musiksaal Beethovens Neunte Sinfonie erklingen. Genau wie vor 144 Jahren, als das Basler Kulturpublikum den Saal erstmals ­betreten konnte. Das neue Foyer, eine plüschige, lauschig-rauschende Schaubude, entworfen von Herzog & de Meuron, wird die Besucherinnen und Besucher nun zum Small-Talk laden – erstmals in der Geschichte des Musiksaals mit Schutzmaske.

Zum neuen Stadtcasino ist im Reinhardt Verlag eine Publikation erschienen, verfasst von Esther Keller und ­Sigfried Schibli. Sie breitet auf anregende Weise die Geschichte des Hauses aus. Eine Geschichte, bevölkert von pietistischen Demokraten, weit- und kurzsichtigen Architekten, jüdischen Visionären, weltbekannten Musikern, besorgten Buchhaltern, gewieften ­Gewerblern und nicht zuletzt von der Basler Bevölkerung.

Um 1800 lebten rund 15'000 Menschen in Basel, damals die grösste Stadt der Eidgenossenschaft, eine Stadtrepublik, in der die Zünfte das Sagen hatten und es keine Gewaltenteilung oder Volksabstimmungen gab.

Das Grossbürgertum, aufklärerisch und pietistisch geprägt, stellte das fromme, arbeitsame Subjekt ins Zentrum und traf sich vornehmlich in privaten Zirkeln. Es war die grosse Zeit der ­Salons und der konspirativen Männergesellschaften. 1777 gründete Isaak ­Iselin die GGG, die «Gesellschaft zur Aufmunterung und Beförderung des Guten und Gemeinnützigen». Ein Label, das heute noch gut zu Basel passt.

Zehn Jahre später wurde die Le­segemeinschaft gegründet, mit der Gleichheit aller Menschen in den Statuten, wobei vorerst nur männliche und dauerhaft in Basel sesshafte Menschen gemeint waren. Die «Frauenzimmer» erhielten erst hundert Jahre später das Recht auf ein Abonnement.

Basel erhält eine Kulturmeile

Man kann sich diesen Ort als politisch-philosophischen Debattier-Club vorstellen, begleitet von Lesungen und Musikabenden. Das freiheitliche Gedankengut zog immer mehr Menschen an, die Gesellschaft wuchs, die Räumlichkeiten wurden zu eng. Es keimte der Wunsch nach einem «Casino», womit nicht ein Glückspieltempel gemeint war, sondern, aus dem Italienischen übernommen, ein «kleines Haus».

Die Casino-Gesellschaft wurde gegründet. Der 26-jährige Architekt Melchior Berri erhielt den Auftrag, am Steinenberg einen Konzert- und Tanzsaal mit Restaurant zu bauen.

Der renovierte Musiksaal des Stadtcasinos.

Der renovierte Musiksaal des Stadtcasinos.

Zur Verfügung gestellt

1826 eröffnet, wurde das Stadtcasino rasch zum Zentrum für Tanz-, Theater-, Musik- und Varieté-Abende – erstmals gab es ein öffentliches Kulturleben. Bald erhielt das Casino Konkurrenz durch das 1834 am Steinenberg ­erbaute Theater auf dem Blömlein. ­Figuren wie Ernst Reiter entwickelten das Musikleben in der Stadt, holten Stars wie Franz Liszt zum Konzert und bald einmal stellte man fest, dass der Casinosaal für das Sinfonische zu klein war. Die Idee, einen Musiksaal zu bauen, gewann um 1860 an Dynamik.

Sechs Jahre später war es so weit: Der Saal, entworfen vom Basler Architekten ­Johann Jakob Stehlin-Burckhardt, wurde eröffnet. 1872 kam die Kunsthalle hinzu, 1875 das Stadttheater, 1904 der Huber-Saal. Basel hatte, etwas kleiner zwar als in Europas Grossstädten, eine veritable Kulturmeile.

Die heikle Balance zwischen Geld und Politik

Die Entwicklung zur Kulturstadt war von Faktoren geprägt, die Basel heute noch ausmachen. Das durch internationalen Handel reich gewordene Bürgertum holte Internationalität in Form von Kultur an den Rhein – und bezahlte ­seine Vision zu grossen Teilen selbst. Das erste Stadtcasino wurde von der Gesellschaft selbst finanziert

Zu den Kosten für den Musiksaal – inklusive Bodenkauf eine Million Franken – trug die Stadt 1876 gerade mal 15'000 Franken bei. Das Verhältnis hat sich inzwischen gebessert. Aber noch immer sind von den 77.5 Millionen, die der aktuelle Umbau kostet, nur 38 Millionen aus Steuergeldern finanziert. Der Rest privat. Die Formel gilt: ohne Grosskapital keine Grosskultur.

Kulturhäuser zu bauen, ist das eine. Sie dauerhaft zu betreiben, das andere. Das Stadtcasino stand mehrmals in seiner Geschichte vor finanziellen Problemen. Der Neubau in den Dreissigerjahren konnte beispielsweise nur dank dem Verkauf des Sommercasinos realisiert werden. Die Ressourcen aus dem Kulturbetriebs waren zu klein.

Um das Minusgeschäft in der Kultur aufzufangen, entwickelte sich in ­Basel ein zukunftsträchtiges Modell: die Kongress- und Messestadt. Bereits 1877 fand im ehrwürdigen Musiksaal (sic!) die erste Gewerbemesse statt, Wohnungseinrichtung anstatt «Freude schöner Götterfunken». 1917 ging im Stadtcasino die erste Mustermesse über die Bühne, ein schweizweiter Publikumsmagnet für Jahrzehnte. Von den zahlreichen Kongressen haben vor allem diejenigen der Zionisten für Basels Weltruf gesorgt. Die heikle Balance zwischen Mäzenatentum und öffentlicher Kulturförderung und die Kooperation von Kunst und Gewerbe sind bis heute Konstanten der Stadt geblieben.

Den Barfüsserplatz neu denken

Nach dem Aufschwung kam die Zeit des Abbruchs. In den Dreissigerjahren war das Stadtcasino heruntergewirtschaftet, ein Neubau war gefragt. Der ­erste Entwurf für diesen war ein 16-stöckiges Hochhaus. Politik und Denkmalpflege verhinderten diesen gewagten Aufbruch in die Moderne. Trotzdem musste das alte Casino dem heute noch ­bestehenden Bau weichen.

Die Kulturmeile erhielt dadurch einen stilistischen Tiefschlag. 1975 folgte der Knockout: das Stadttheater wurde ­zugunsten des bestehenden Baus abgerissen. Eine heute schwer nachvollziehbare Entscheidung.
Dass Zaha Hadids kühner Entwurf 2007 an der Urne Schiffbruch erlitt, ist aus heutiger Sicht jedoch ein Vorteil.

Das neue Foyer des Stadtcasinos.

Das neue Foyer des Stadtcasinos.

Zur Verfügung gestellt

Der Anbau von Herzog & de Meuron, auch das reflektiert das neue Buch, öffnet neue Perspektiven – und legt Mankos offen. «Der Stadtcasino-Bau aus den Dreissigerjahren fällt nun vollends ab», schreibt Kantonsbaumeister Beat Aeberhard in seinem Gastbeitrag. Und erst recht der Barfüsserplatz.

Aeberhard zeichnet die Idee, den «grandiosen Raum vor der Barfüsserkirche einer breiteren Bevölkerung zum niederschwelligen Konsum zur Verfügung zu stellen, wie das die Londoner Tate Modern exemplarisch veranschaulicht».

In dieser Vision kreuzen sich zwei Linien: Einerseits ist immer noch das internationale Kulturleben Inspiration für hiesige Stadtentwickler. Andererseits ist es heute so, dass internationaler Städtebau eben auch von Basler Architekten mitgeprägt wird. Die Tate Modern und ihre Plaza haben Herzog & de Meuron entworfen. In diesem ­Sinne: Der Bau an der Kulturstadt Basel geht auch im 21. Jahrhundert weiter.

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