«Wildwuchs»

Normalität? Das ist eine Frage der Perspektive

Theaterschaffende mit Down Syndrom führen nach ihrem Gusto Regie.

Theaterschaffende mit Down Syndrom führen nach ihrem Gusto Regie.

Das Integrations-Kulturfestival «Wildwuchs» in Basel und Birsfelden kehrt während zehn Tagen im Juni die üblichen Machtverhältnisse um.

Ein Baby übernimmt an der Wildwuchs-Medienkonferenz das Wort. «Ui!», sagt es laut und deutlich. Die Festivalmacher haben soeben die beiden intensiven Eröffnungstage am vierten und fünften Juni skizziert: Sämtliche Produktionen jenes verlängerten Wochenendes verhandeln Flucht und Migration. «Ja, ui!», pflichtet der Medienverantwortliche des Festivals, Christian Hansen, dem Baby bei.

Ui, ui, ui. Das biennale Festival hat sich für seine siebte Ausgabe so viel vorgenommen, wie vielleicht noch nie: Zehn Tage, 40 Produktionen aus 16 Ländern, insgesamt 250 Beteiligte. Ausserdem hat es seit 2013 sein Themenspektrum geöffnet: Neben geistig und körperlich behinderten Menschen rückt es alle ins Zentrum, die am Rand stehen: alte Menschen, demente Menschen, Menschen mit psychischen Problemen, Menschen, die durch alle sozialen Netze gefallen sind und Flüchtlinge –dieses Jahr ganz besonders sie. Was bedrückend schwer klingt, bringt dieses Festival erfahrungsgemäss leicht rüber; lustig, selbstbewusst, uneitel.

Flüchtlinge vergeben Zimmer

«Wir stören», hiess es 2013. «Wir übernehmen», lautet der neue Leitspruch. Auffällig oft werden in den ausgewählten Stücken die gängigen Machtverhältnisse spielerisch umgedreht. Da führt in «Regie» ein Mann mit Trisomie 21 Regie. Da veranstalten Cabaret-Tänzerinnen eine letzte, wild-verzweifelte Ausschaffungs-Party – bevor sie das Land verlassen müssen («Ausländer Ausziehen»). Da bestimmen Flüchtlinge aus dem Wohnheim in Birsfelden, wer aus zahlreichen Schweizer Bewerberinnen und Bewerbern das freie Zimmer einer Wohngemeinschaft bekommt.

Die Spiele und die Spieler sind alle echt. Die Sans-Papiers, die Tänzerinnen, der Mann mit Downsyndrom. Dabei sind auch Menschen mit ADHS, Bewohner eines Männerwohnheims, Jugendliche, die in der Psychiatrie abgeklärt werden, ein Tänzer ohne Beine - der berühmte Künstler David Toole in einer Choreografie der Stopgap Dance Company – oder etwa eine Frau im Rollstuhl, die stürbe, liesse man sie länger als vier Stunden alleine. Trotzdem gehe man aus diesem Stück «Qualitätskontrolle» der Gruppe Rimini Protokoll «beschwingt» heraus, sagte Festivalleiterin Gunda Zeeb, «der eigenen vielen Möglichkeiten im Leben stärker gewahr».

Zeeb, die nun die Festivalleitung ganz übernommen hat – letztes Mal leitete sie es in einer Übergangsphase gemeinsam mit Sybille Ott – weiss jedenfalls neue Möglichkeiten für «Wildwuchs» zu erkennen und zu nutzen. Neben Theater und Tanz bietet das Festival auch Kunstausstellungen, Filme, Workshops, einen Stammtisch, einen Schwarzmarkt und – in Zusammenarbeit mit Radio X – die Live-Übertragung von «Zimmer Frei» als Bühnen-Hörspiel. Das alles beginnt im Theater Roxy und verlagert danach sein Zentrum auf den Kasernenplatz – an beiden Orten wird auch für die Besucher gekocht. Weitere Produktionsstätten sind neuerdings das Vorstadttheater, das Stadtkino und der Kunstraum M54.

Bis auf eine Ausnahme ist alles rollstuhlgängig, untertitelt und per Induktionsschleife auch für Blinde zugänglich. Das Programmheft ist bewusst in ganz einfacher Sprache gehalten, auf dem Kasernenplatz stehen Helferinnen und Helfer Verirrten zur Verfügung. «Wir wollen eine Willkommenskultur fördern und feiern», betonte die Dramaturgin Hannah Pfurtscheller: «Wir wollen, dass Menschen sich hier begegnen, deren Wege im Alltag sich nicht so oft kreuzen.»

Die Willkommenskultur schlägt sich auch im Preis nieder: Eine Karte kostet 15 Franken. Wer mag, kann 30 Franken bezahlen und so jemand anderem, der knapp bei Kasse ist, einen Eintritt schenken – wie beim neapolitanischen Caffè sospeso, dem aufgeschobenen Kaffee. An manchen Orten ist der Eintritt ganz frei.

Kontroverse um «Sexstück»

Beim der letzten Ausgabe führte die Zusammenarbeit von Monster Truck mit dem Theater Tikwa zu den heftigsten Kontroversen. Damals führten die nichtbehinderten Schauspieler von Monster Truck Regie über die behinderten Tikwa-Darsteller: sie inszenierten sie in «Dschingis Khan» als wilde Mongolen. Nun haben sie die Rollen getauscht und Monster Truck durfte frei über Inhalt und Umsetzung entscheiden. Die Schauspieler interessieren sich für Sex und für Pornographie, also ist das nun ihr Thema. Sie wünschten sich offenbar ein «Sexstück» mit Stripperinnen, also haben sie welche bekommen (Bild links). Trotz des Machtwechsels: Die Diskussion darüber, ob hier nun behinderte Menschen benutzt werden oder nicht, dürfte damit weitergehen. Auf Plattformen wie «Nachtkritik« wird sie bereits geführt.

Das Festival «Wildwuchs» beginnt am Donnerstag, 4. Juni, im Theater Roxy Birsfelden. Es breitet sich allmählich auf weitere Orte aus und dauert bis zum 14. Juni. Das gesamte Programm ist auf der Website veröffentlicht: www.wildwuchs.ch.

Meistgesehen

Artboard 1