Coronavirus
Nachgefragt bei Jean-Michel Héritier: «Fernunterricht ist die Ultima Ratio»

Jean-Michel Héritier ist Teil der Geschäftsleitung der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt. Ausserdem ist er Co-Klassenlehrer an der Primarstufe Insel, wo er in allen Fächern unterrichtet. Im Interview mit der bz spricht er über eine allfällige zweite Schulschliessung.

Helena Krauser
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Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt.

Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt.

zvg

Herr Héritier, der Basler Gesundheitsdirektor und Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz, Lukas Engelberger, brachte am Sonntagabend die Schulschliessung wieder ins Gespräch. Seiner Aussage nach wäre dies ein notwendiger nächster Schritt, um die Ansteckungen mit dem Coronavirus zu verringern. Stimmen Sie dieser Einschätzung des Basler Gesundheitsdirektors zu?

Jean-Michel Héritier: Stand heute gehen wir davon aus, dass die Schulen offenbleiben. Wir setzten bisher alles daran, den Präsenzunterricht beizubehalten. Die Umstellung auf Fernunterricht ist aus pädagogischer Sicht weiterhin die Ultima Ratio. Für viele Schülerinnen und Schüler und deren Eltern bedeutet der Fernunterricht eine grosse zusätzliche Belastung. Ausserdem steht nicht allen Kindern die gleiche Infrastruktur zur Verfügung. Das kann grosse Leistungsunterschiede verursachen. Zudem zeigen aktuelle Untersuchungen, dass die Schulen kein Ort sind, an dem sich viele Menschen mit dem Coronavirus anstecken.

Laut Lukas Engelberger wäre die Schulschliessung auch Mittel zum Zweck. Bleiben die Schülerinnen und Schüler zu Hause, hätten auch die Eltern weniger Möglichkeiten für Kontakte. Wäre deshalb eine Schulschliessung nicht sinnvoll?

Ich bin sehr überrascht über diese Aussage von Herrn Engelberger. Ich gehe nicht davon aus, dass die Leute einfach zu Hause bleiben, wenn nur die Schulen geschlossen werden und die Einkaufszentren gleichzeitig offenbleiben.

In einigen Schweizer Kantonen und im grenznahen Ausland wurden die Weihnachtsferien verlängert, um die Ansteckungen durch Reiserückkehrer zu verhindern. Viele Lehrerinnen und Lehrer begrüssen dies. In anderen Kantonen, in denen der Schulbetrieb nach den Weihnachtsferien auch regulär startete, meldeten sich einzelne Lehrpersonen krank, um dem Risiko einer Ansteckung auszuweichen. Wie stehen die Basler Lehrpersonen den aktuellen Massnahmen gegenüber?

Einige Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich durch die aktuellen Massnahmen nicht genügend gut geschützt. Andere sagen, es sei völlig übertrieben. Da gehen die Meinungen auseinander. Aber der Grossteil versucht, locker mit der Situation umzugehen. Von Lehrpersonen, die dem Unterricht absichtlich fernbleiben, habe ich keine Kenntnis.

Das Erziehungsdepartement teilte dieser Zeitung mit, dass man gut vorbereitet sei, falls wieder auf Fernunterricht umgestellt werden müsste. Welche Lehren konnten aus den Erfahrungen mit dem Fernunterricht im Frühjahr gezogen werden?

Ich weiss von solchen Vorbereitungen nur an den nachobligatorischen Schulen. Es kann sein, dass auch einzelne Schulleitungen auf der Volksschulstufe in Eigenregie Pläne entwickelt haben. Wir haben dort aber keinen offiziellen Auftrag bekommen, Konzepte für Fernunterricht zu entwerfen oder Evaluationen durchzuführen. Meiner Meinung nach wäre dies allerdings notwendig, um nicht wieder alle Last den Lehrerinnen und Lehrern aufzuladen, die sich dann von heute auf morgen irgendetwas pädagogisch Schlaues und in der Praxis Umsetzbares ausdenken müssen.