Mit dem Titel seiner neuen Sonderausstellung macht es uns das Museum der Kulturen nicht leicht. «Wissensdrang trifft Sammelwut» klingt trocken, regt wenig an, auch wenig auf. Dabei hat die neue Schau das Potenzial zu beidem: zum An- und Aufreger. Sie regt dazu an, sich Gedanken zu machen, über den Umgang unserer Vorfahren mit anderen Völkern und deren Reliquien und Objekten.

«Die Welt abbilden zu wollen, war etwas sehr Europäisches», sagt Anna Schmid, Direktorin des Museums der Kulturen. Europäer sammelten alles, von exotischen Waffen bis zu Schrumpfköpfen, sei es zu Forschungs- und Sammelzwecken oder zum schrägen Vergnügen. Damit verbunden waren Expeditionen, Missionen, Handel und damit oft auch einhergehend Ausbeutung.

«Die Schweiz war nie Kolonialmacht, was aber nicht heisst, dass sie nicht beteiligt war an kolonialen Projekten», sagt Schmid dazu. Der Elfenbeinhandel im afrikanischen Kamerun etwa wurde über die Missions-Handlungs-Gesellschaft abgewickelt, deren Leitung bis 1917 bei der Basler Mission lag. Davon profitierte auch das Museum der Kulturen, dem Reisende Tausende Objekte übergaben. Dass einige dieser Exponate im Ursprung auf einer Ausnutzung beruhen, das sei unbestritten, das müsse man einfach anerkennen, sagt Schmid.

Wo kommen die Objekte her?

Es ist auch ein Fakt, dass Sammler vor 100 Jahren nicht immer nach wissenschaftlichen Kriterien vorgingen. Das zeigt allein die mangelhafte Inventarisierung und die Hierarchisierung. Quantität kam vor Qualität, moralische oder ethische Fragen stellten sich nicht, oder zumindest nicht in der selben Form wie heute. Das offenbart der Rundgang durch die Ausstellung, die 1200 Exponate versammelt, denen Kuratorin Beatrice Voirol auf den Grund gegangen ist.

Sie hat Abklärungen zur Herkunft der Objekte betrieben, etwa einer lebensecht wirkenden Ausstellungsfigur. Vorlage war ein Herero, ein westafrikanischer Hirte. Das Basler Museum erwarb die Figur 1918. Wenige Jahre zuvor waren 100'000 Herero in einem Genozid von deutschen Besatzern ermordet worden. War er einer davon? Gut möglich, denn in Arbeits- und Konzentrationslagern war es gängige Praxis, dass von Kriegsgefangenen Gipsabgüsse gefertigt wurden.

War die Idee der ethnologischen Sammlungen immer, die Welt abzudecken, so stellt sich aus heutiger Sicht daher auch die Frage: zu welchem Preis? So fröstelt es einen auch angesichts anderer Exponate: Da sind menschliche Überreste wie der Skalp eines Sioux oder die Kopfjagdtrophäe aus Indonesien, die das Museum vor 25 Jahren einem holländischen Privatsammler abkaufte.

Den Mitarbeitern sei die Brisanz bewusst gewesen, erfährt man im Begleittext. Da es sich bei den Schädeln um unpersonifizierte Beuteobjekte und nicht um Relikte von Ahnen handelte, griff man zu und ging davon aus, dass eine Rückforderung wohl ausser Frage stehe.

Schädel des Anstosses

Rückforderung, respektive Restitution, ist ein Begriff, den man meist im Zusammenhang mit Raubkunst liest. Das Museum der Kulturen in Basel hat bislang keine grossen Erfahrungen damit machen müssen. Zu den Ausnahmen gehört ein Maori-Schädel aus dem Jahr 1922. Diesen erwarb die Kommission des MKB für 1200 Franken. Ein stolzer Preis zu dieser Zeit, ein fragwürdiger Entscheid, dieses Handelsgut anzuschaffen.

In der Ausstellung finden sich Abgüsse, die das Museum in den 1980ern herstellen liess. Der originale tätowierte Schädel liegt in Neuseeland. Es handelt sich um die einzige Restitution des Museums der Kulturen, sagt Anna Schmid. «Wir freuen uns aber auf jede Anfrage. Und es stellt sich natürlich die Frage, ob die Ausstellung dazu beiträgt, dass jetzt neue Forderungen auf das Museum zukommen.»

Die Widersprüche, mit denen uns diese Ausstellung konfrontiert, geben zu denken. Und sie sind kein europäisches Phänomen: So wird etwa religiöse Kunst mit dem Motiv der Elefantenfigur Ganesha gezeigt, welche im Hinduismus und Buddhismus göttlich verehrt wird. Diesen werden Exponate aus Elfenbein gegenüber gestellt. Drei Viertel des Rohelfenbeins auf der Welt, erfährt man in der Ausstellung, wurden in asiatischen Schnitzerei-Werkstätten verarbeitet. Man liebte die Elefanten, man tötete sie auch. Erst 1989 wurde der Elfenbeinhandel verboten.

   

Wissensdrang trifft Sammelwut Museum der Kulturen, Basel.
Bis 19. Januar 2020. www.mkb.ch